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Bismarcks kleiner großer Gegner
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1846
Autor: Dr. Christof Haverkamp 10. Januar 2012 20:00 Uhr  Mehr Artikel von diesem Autor

Vor 200 Jahren wurde der Parlamentarier Ludwig Windthorst geboren – Vorkämpfer für den Rechtsstaat

Bismarcks kleiner großer Gegner

Er misst nur gut 1,50 Meter und trägt eine dicke Brille. Und mit seinem überdimensionierten Kopf ist er alles andere als schön. Ludwig Windthorst steht bis heute buchstäblich im Schatten des großen Reichskanzlers Otto von Bismarck, seines Gegenspielers.

 
Seltenes Treffen: Otto von Bismarck (rechts) stellt Ludwig Windthorst 1879 bei einem Bankett seiner Frau vor. Holzschnitt nach einer Zeichnung von Ernst Henseler. Bild: picture-alliance  Vergrößern

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Windthorst, geboren vor 200 Jahren im Osnabrücker Land und mit haushoher Mehrheit von den Emsländern ins Parlament gewählt, ist deutschlandweit fast vergessen. Zu Unrecht. Denn für die Demokratie im Kaiserreich hat der kleine Abgeordnete weit mehr geleistet als der berühmte Fürst und Staatsmann Bismarck. Golo Mann nennt Windthorst sogar „den genialsten Parlamentarier, den Deutschland je besaß“. Und für den Historiker Rudolf Morsey ist er der „größte Parlamentarier seines Jahrhunderts“. Humorvoll, schlagfertig und mit Wortwitz tritt der katholische Oppositionsführer als Redner im Reichstag auf – und achtet dennoch den politischen Gegner.

Geboren wird Ludwig Windthorst während der Herrschaft Napoleons, am 17. Januar 1812, auf Gut Caldenhof bei Ostercappeln. Sein Abiturzeugnis am Osnabrücker Traditionsgymnasium Carolinum ist eines der besten der Schulgeschichte. In Göttingen und Heidelberg studiert er Rechtswissenschaften und lässt sich als Anwalt in Osnabrück nieder.

Bald wird Windthorst einer der bekanntesten Juristen am Ort. Auch sein Interesse an der Politik ist geweckt: 1849 zieht er für den Wahlkreis Iburg bei Osnabrück ins Abgeordnetenhaus des Königreichs Hannover ein. Im März 1851, nach nur zwei Jahren im Parlament, wählen die Abgeordneten den populären Politiker zum Parlamentspräsidenten.

Im November 1851 beruft ihn König Georg V. zum Justizminister. Ein Karrieresprung und zugleich eine Sensation, denn er bekleidet dieses Amt als erster Katholik im Königreich Hannover. Später schreibt der protestantische Bürgermeister von Osnabrück, Johann Carl Bertram Stüve, der zwar Katholiken nicht mag, aber das Talent des Juristen schätzt, über die neuen Mitglieder in der Regierung: „Der fähigste ist ohne Zweifel Windthorst, Katholik, ein echter Jesuit, dem Junkertum zugetan, schlau, unverschämt, wenn’s sein muss; er wird die übrigen einsacken.“ Als Minister setzt Windthorst die Trennung von Justiz und Verwaltung durch. Aber 1853 wird die Regierung entlassen. Von 1862 bis 1865 beruft ihn König Georg V. nochmals ins Justizressort – eine Zeit, in der Windthorst der evangelisch-lutherischen Kirche Hannovers mehr Unabhängigkeit vom Staat verschafft.

Schon in den 1850er-Jahren betrachtet ihn Bismarck als Gegner. Steht Windthorst doch für vieles, was der Reichskanzler als Gegenpol zu Preußen ansieht: Er ist liberal, katholisch, demokratisch und Österreich wohlgesinnt. Über Jahrzehnte häufen sich die Konflikte zwischen dem kleinen Oppositionsführer und dem stattlichen Kanzler, was auch Karikaturisten im Kaiserreich dankbar aufgreifen. 1875 bemerkt Bismarck in einem Gespräch: „Mein Leben erhalten und verschönern zwei Dinge: meine Frau und – Windthorst. Die eine ist für die Liebe da, der andere für den Hass.“

Als sich Preußen 1866 gewaltsam das Königreich Hannover nimmt, ist Windthorst von der Entwicklung zunächst tief enttäuscht. Aber er stellt sich der Realität, bewirbt sich im Emsland um Mandate für den preußischen Landtag und den Norddeutschen Reichstag, später für den Deutschen Reichstag. Spöttisch nennt man ihn wegen seines Wahlkreises die „Perle von Meppen“. Zwar hat er die katholisch geprägte Zentrumspartei nicht mitbegründet, aber er schließt sich ihr bald an und wird unumstrittener Parteiführer, ohne dass man ihn formell in dieses Amt wählt.

Im Parlament kämpft Windthorst für die Rechte von Minderheiten, besonders für die Juden, Polen und Elsässer. Im Reichstag betont er: „Ich werde das Recht, das ich für die Katholiken und für die katholische Kirche und deren Diener in Anspruch nehme, jederzeit auch für die Protestanten und nicht minder für Juden vertreten. Ich will eben Recht für alle.“ Heute stehen diese Worte in Osnabrück unterhalb der lebensgroßen Windthorst-Bronzefigur in der Kleinen Domsfreiheit.

Der Zentrumspolitiker tritt auch für die Pressefreiheit und für die Rechte der Sozialdemokraten ein, obwohl er den Zielen der marxistisch-atheistisch geprägten Arbeiterpartei vehement widerspricht. Als Bismarck ein „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ einführen will, lehnt Windthorst dies ab. Mit Parteifreunden im Zentrum unterschreibt er sogar etliche sozialdemokratische Anträge, um diese überhaupt erst auf die Tagesordnung des Reichstages zu bringen. Die Inhalte der Anträge teilt er ganz und gar nicht, aber darüber will er lieber im Plenum debattieren, als die Anträge an Verfahrensfragen scheitern zu lassen.

Die Konflikte zwischen dem Zentrumspolitiker und dem Reichskanzler spitzen sich ab 1871 zu: Es herrscht ein Kulturkampf zwischen Katholiken und dem protestantischen Staat, der Bischöfe absetzt und ins Gefängnis steckt, der Orden verbietet, Predigten zensieren will und die Aufsicht über die Schulen verstärkt. An vorderster Front kämpft Bismarck, der alles Katholische schwächen will und seine Macht demonstriert. Windthorst und die Zentrumspartei widersetzen sich, soweit es geht. Der geschickt taktierende Oppositionsführer wird zum Volkshelden im katholischen Deutschland. Auch auf Katholikentagen, den heimlichen Parteitagen des Zentrums, wird er umjubelt.

Als Papst Leo XIII. den Kulturkampf am Zentrum vorbei durch Verhandlungen mit Bismarck zu beenden versucht, betont Windthorst die Unabhängigkeit seiner Partei von der Kirche.

1891 stirbt der Politiker, 79 Jahre alt, an Lungenentzündung. Kaiser Wilhelm II. und fast alle Fürsten schicken Gesandte zur Beisetzung. Nahezu das gesamte Staatsministerium und die wichtigsten Vertreter der Parteien sind anwesend. Beim Trauerzug gestattet Wilhelm II. sogar, die Kaiserdurchfahrt in der Mitte des Brandenburger Tores zu benutzen. Der Leichnam Windthorsts wird später nach Hannover überführt und in der Marienkirche beigesetzt. Für den Bau dieses Gotteshauses hatte er jahrelang gesammelt und stattdessen auf Geschenke und Zuwendungen verzichtet.

Im Emsland wird er bis heute verehrt: Das Ludwig-Windthorst-Haus in Lingen trägt den Namen des Politikers ebenso wie das Windthorst-Gymnasium in Meppen. Auch am Geburtsort Ostercappeln sowie in Glandorf und Hannover sind Schulen nach dem Kämpfer für den Rechtsstaat benannt.



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