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Bramscher Krippen-Geschichten: Von einem geköpften Hirten und einem fehlgeleiteten schwarzen Schaf
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Autor: Johannes Kapitza 23. Dezember 2011 13:57 Uhr  Mehr Artikel von diesem Autor

Figuren mit bewegter Vergangenheit

Bramscher Krippen-Geschichten: Von einem geköpften Hirten und einem fehlgeleiteten schwarzen Schaf

Bramsche/Achmer. Vorsichtig befreit Küsterin Ingrid Meyer die Figuren aus dem schützenden Papier. Könige, Schafe, Maria und Josef, irgendwann auch das Jesuskind: Nicht nur in der Friedenskirchengemeinde in Achmer kommen zu Weihnachten mit den Krippenfiguren Protagonisten zur Geltung, die lange Zeit des Jahres im Verborgenen schlummern – und schon so einiges mitgemacht haben.

 
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Alles hat seinen Platz: Dita Graffe baut die Tonkrippe im Turm der St.-Martin-Kirche auf. Ausreißer: Das schwarze Stoffschaf verließ vor Jahren einmal unfreiwillig seine Herde. Mit Vorsicht zu behandeln: Ein Achmeraner Hirte verlor einst bei einem Unfall seinen Kopf. Letzte Instanz beim Krippenaufbau; Das Weihnachtsfenster in St. Martin. Foto: Dita Graffe Aus dem Schuhkarton in den Stall: Achmers Pastorin Stefanie Wöhrle mit der knienden Maria. Ein Reiz, nicht nur, aber auch für Kinder: Die weichen Formen der gefilzten Krippenfiguren in der St.-Martin-Kirche erfreuen auch Pastorin Stephanie Seger. Fotos: Kapitza

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Ein Schrank in der Sakristei ist für den Großteil des Jahres die Herberge der Achmeraner Tonfiguren. Darin bewohnen sie, ordentlich gestapelt, einen Schuhkarton. Etwas mehr als elf Monate führen sie ein Leben außerhalb der Öffentlichkeit.

Ingrid Meyer gefällt diese Lebensweise: Mit einem Bild in die Zeitung? Das möchte sie nicht. Sie arbeite doch lieber im Hintergrund, erklärt sie bestimmt. Dabei hat Ingrid Meyer schon eine Operation hinter sich, mit der sich Chirurgen rühmen könnten: Einem geköpften Hirten flickte sie einst das tönerne Haupt wieder an. Ein Kind, das in die Krippe gefallen war, hatte den Hirten kopflos gemacht.

Welche Figur es war? Das kann Ingrid Meyer nicht mehr so genau sagen. Zu säuberlich hat sie damals die Bruchstelle mit Klebstoff gekittet und dann die Farbe mit Tusche nachgebessert. „Das habe ich sehr gut hingekriegt“, sagt Meyer. Nicht überheblich, sondern eher amüsiert, denn dank ihrer Arbeit „sieht man die Stelle gar nicht mehr“. Wenn sie die Figuren auswickelt und auf äußerliche Beschädigungen kontrolliert, bekommen die Hirten deshalb viel Aufmerksamkeit: „Da gucke ich immer ganz besonders nach.“

Früher stand in Achmer eine kleine Papierkrippe auf dem Altar. Vor circa 18 Jahren stiftete ein Gemeindemitglied die neuen Figuren und den hölzernen Stall, der jährlich kurz vor Weihnachten aufgebaut wird und dann bis Mitte Januar die Kirchenbesucher fasziniert.

Auf Details wird geachtet

An Heiligabend, ist die Krippe endlich komplett: Das Kind mit seiner Krippe wird erst am 24. Dezember in das Ensemble gestellt. „Das nehmen wir schon ein bisschen genau“, sagt Meyer. Dieser Grundsatz kommt auch bei der Innenausstattung des Stalls zum Tragen: „In eine Krippe gehört richtiges Stroh“, sagt die Küsterin, die dafür bei Landwirten vorstellig wurde.

„Nicht zu modern, nicht zu alt – das passt irgendwie“ nach Achmer, findet Ingrid Meyer und bekommt Unterstützung von Pastorin Stefanie Wöhrle: „Wir haben eine überschaubare Kirche. Eine überdimensionierte Krippe wäre hier fehl am Platze.“

Rein räumlich überragt die St.-Martin-Kirche das Achmeraner Gotteshaus deutlich, aber das ist nicht der Grund, warum im Bramscher Zentrum der Eindruck entstehen könnte, dass hier das Motto ,Doppelt hält besser‘ gilt. Um genau zu sein: Unter Berücksichtigung des Weihnachtsfensters aus dem Jahr 1905 verfügt St. Martin sogar über drei Krippendarstellungen.

Das Buntglasmosaik ist für Dita Graffe die letzte Orientierungsinstanz, wenn kein Foto aus den Vorjahren zur Hand ist, während sie die Krippe im Turm aufbaut. Im Fenster sei Josef, aus Sicht des Betrachters rechts von der Krippe stehend, abgebildet. Entsprechend sei diese Aufstellung auch „liturgisch richtig“, erklärt Graffe. Theologisch sei die Formation „nicht zu begründen“, meint hingegen Pastorin Stephanie Seger. „Man kann daraus eine Wissenschaft machen. Muss man aber nicht.“

Gleiches gilt für die Ausrichtung der Kinderkrippe selbst: Soll sie rechtwinklig zur Tischkante stehen – Graffe: „Das habe ich die letzten Jahre so gemacht“ – oder doch schräg? „Dann sagt mein Mann zu mir: Das hast du sicher gemacht“, weiß sich Seger schnell ertappt. Die Frauen einigen sich auf eine leichte Drehung.

Alles hat seinen Platz“, sagt Seger. Das gilt auch für den Umzugskarton, den Graffe unter den Krippentisch schiebt und in dem die Figuren gelagert werden. Jetzt trennt die Kiste nur eine braune Tischdecke von der Außenwelt. Schlimmer als eine Tischdecke ist das Vergessen. Jahrelang fristete die Krippe im Keller des Gemeindehauses ihr Dasein. Um 1965 habe die Gemeinde die Krippe bekommen, „ob 64 oder 66 – dafür kann ich mich nicht verbürgen“, sagt Graffe.

Als die Kirchenpädagogin, die sich ehrenamtlich in der Gemeinde engagiert, eine Ausstellung mit Krippen aus Bramscher Kirchen und Privathaushalten organisierte, erinnerte sie sich an die alten Figuren und holte sie aus der Versenkung. „Eigentlich ist es eine Altarkrippe, aber da kommt sie nicht richtig zur Geltung“, sagt Graffe. Der Standort am Turmeingang ist prominenter, auch wenn die Szenerie dort aus Platzgründen auf „das Wesentliche“ reduziert ist.

Schafherde unvollständig

Die Tongestalten seien besonders ausdrucksstark, findet Pastorin Seger. Andere Qualitäten bietet die zweite Krippe in St. Martin, die am ersten Advent erstmals im Seitenschiff der Kirche aufgestellt worden ist: Weiche Formen wiesen die farbenfroheren Filzfiguren auf und seien deshalb auch „wunderschön für Kinder“, sagt Seger. Zudem ist die Krippe „ein Stück der Gemeinde“.

Die Vorgänger waren ebenfalls aus Naturmaterialien und mit Stoff bekleidet, aber „von einer Mottenplage befallen“ und „regelrecht zerfressen“ gewesen. In einer großen Aktion fertigten Gemeindemitglieder vor knapp zwölf Jahren die neuen Figuren – in Filztechnik, „passend zu Bramsche“, sagt Seger und schmunzelt. Seit dem Erlebnis mit den Motten werde die Krippe nun immer „besonders gut verpackt“. Das hilft aber nur, wenn die Figuren komplett sind. Vor ihrer Zeit in St. Martin, sagt Seger, habe sich ein Kind offenbar einmal so sehr in das schwarze Exemplar der Schafherde verguckt, dass das Kuscheltier kurzfristig abtrünnig wurde und erst nach den Feiertagen den Weg zurück in die Krippe fand.

In diesem Jahr ist die verspätete Herdenzusammenführung übrigens beabsichtigt: Einige Schafe werden noch für das Krippenspiel an Heiligabend benötigt und stoßen erst danach zu ihren Artgenossen hinzu. So ist das eben – mit der Kirche und den Krippen zum Anfassen.

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