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Abiturientin aus Bersenbrück engagiert sich als Tagesmutter in einem Waisenhaus in Kenia
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Abiturientin aus Bersenbrück engagiert sich als Tagesmutter in einem Waisenhaus in Kenia
Abiturientin aus Bersenbrück engagiert sich als Tagesmutter in einem Waisenhaus in Kenia
Bersenbrück. Ihr Wecker klingelt um halb sechs, draußen ist es noch dunkel. Das Morgengebet findet in einer kleinen Kirche 200 Meter vom Hof entfernt statt, zusammen mit drei Schwestern. Danach beginnt der nicht ganz alltägliche Wahnsinn einer jeden Kindererziehung: Vera Fleddermann ist 20, Abiturientin – und Tagesmutter von elf kenianischen Babys und Kleinkindern eines Waisenhauses in Kenia.
Sie erzählt offen und sprudelnd. Über ihre Reisegruppe, die am 9. Juli von Berlin aus nach Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens, flog. Über den indischen Orden katholischer Schwestern, die „Helpers of Mary“, die mit sozialen Institutionen wie Krankenhäusern, Schulen und Anlaufstellen für Selbsthilfegruppen den Ärmsten der Armen in Indien und Schwarzafrika helfen. Über die extreme Armut und Hungersnot der Menschen und deren trotz allem strotzende Lebensenergie. Kurz: über ihre Eindrücke von einem Leben in Äthiopien und Kenia – abseits vom europäischen Standard.
„Bin ich zu schnell? Es ist alles sehr viel.“ Sie lacht und hält einen Moment inne. „Die allabendliche Meditation mit den Schwestern war Pflicht, aber auch ein echter Segen. Die ganzen Eindrücke sind überwältigend. Die Möglichkeit, den Tag Revue passieren zu lassen und die Gedanken zu ordnen, war wichtig.“ Zwei Monate verbrachte sie in Äthiopien und Kenia. Zunächst besichtigte sie mit anderen Reisemitgliedern aus Deutschland die Stationen der „Marys“ in Äthiopien. Diese werden zu großem Anteil von der Bartholomäusgesellschaft finanziert und richten sich nach den Grundbedürfnissen der Bevölkerung. Insgesamt 62 Stationen weltweit gibt es, die meisten in Indien, eine in Kenia und vier in Äthiopien.
Die Gruppe um den Pfarrer Dr. Bernd Pulsfort aus Berlin, der auch Vorsitzender der Gesellschaft ist, verteilt Decken und andere Grundausrüstung an die Bewohner der Orte. „Die Menschen in Lagaloumi haben es besonders schwer. Der Staat hat einen Teil der Bevölkerung im Zuge der katastrophalen Hungersnot dorthin umgesiedelt, sie sollten das Land bebauen, um sich selbst versorgen zu können,“ erklärt die Abiturientin aus Bersenbrück. Das Problem seien die fehlende Ausrüstung und das Know-how, die Mittellosigkeit der Menschen.
In Addis Abeba unterrichtet sie Englischunterricht in einer kleinen Schule. Als eine zweite Reisegruppe nach Kenia aufbricht, schließt sie sich ihnen kurz entschlossen an und arbeitet die restliche Zeit in einem Waisenhaus in Nakuru. Insgesamt 70 Kinder leben hier, unter ihnen elf Babys und Kleinkinder. Die Einrichtung für die Jüngsten gibt es erst seit April, sie befindet sich noch im Aufbau.
Das Personal ist knapp: Neben drei Schwestern gibt es nur eine Köchin, eine Haushaltskraft und zwei Tages- oder Nachtmütter, die sich mit ihren Schichten wöchentlich abwechseln. Und Vera.
„Anfangs habe ich manchmal fast die Krise gekriegt. Alles ist durcheinander, ständig muss improvisiert werden. Die Menschen leben nach dem Motto: „Hakuna Matata“ – es wird schon alles irgendwie klappen.“ Die bekannte Redewendung ist Kiswahili und bedeutet übersetzt „keine Probleme“. Genau diese Einstellung ist es, die die junge Frau beeindruckt.
Und die sie erlernen muss: Es gibt keinen Herd, keine Wasch- und erst recht keine Spülmaschine. Windeln sind Mangelware, tagsüber tragen die Kleinsten Leinentücher. Berge von Wäsche werden mit der Hand gewaschen, „gekocht wird über der Feuerstelle“. Die Arbeitstage sind lang, auch nachts ist keine Ruhe garantiert: Zwei der Kleinsten, Mary und Johnny, schlafen bei Vera Fleddermann mit im Zimmer. „Sie sind manchmal aufgewacht und haben gewimmert. Es hat gereicht, nur kurz „Ich bin da, du kannst weiterschlafen“ zu sagen, dann war sofort alles gut.“
Diese Verlustängste der Kleinkinder berühren die 20-Jährige. Sie selbst hat Mary mit abgeholt. Die Mutter hat das kleine Mädchen zurückgelassen, sie verließ das Dorf. Erst nach zwei Tagen meldete der Dorfälteste das Kind. „Wir schätzen, dass sie etwa neun Monate alt ist. Den echten Namen und das Geburtsdatum kennen wir nicht.“ Dieses Schicksal ähnelt dem der anderen Kinder. Eltern, die sich kümmern könnten, gibt es nicht mehr. Mary fasst nur zögerlich Vertrauen, sie ist immerzu skeptisch. Die Kinder haben viel mitgemacht, sind zum Teil verhaltensauffällig. Dann der Erfolg: Das Mädchen schließt mit dem etwa gleichaltrigen Johnny Freundschaft und lässt sich von Vera füttern und wickeln. Diese zitiert lächelnd das Motto der Ordensgründerin: „There are no bad children, only unloved one.“
Es ist ein 24-Stunden-Job. „Es liegt ein Zauber darin“, sagt Vera Fleddermann. Ihr habe die Erfahrung gutgetan, gewisse Dinge sähe sie nun mit anderen Augen.
Auch beruflich soll es in diese Richtung gehen: Sie plant ein Sozialpädagogikstudium, möchte möglicherweise eine Weiterbildung zur Kinder- und Jugendtherapeutin machen, „denjenigen helfen, die es am härtesten getroffen hat“.
Auf www.bartholomaeus.org finden Sie weitere Informationen, aktuelle Projekte der Marys, Spendenmöglichkeiten und Reiseinformationen der Gruppe um Dr. Pulsfort.
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