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Lehrer im Umgang mit Leben und Sterben
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Quelle: gs,gs/Ems-Zeitung 28. Oktober 2011 09:03 Uhr

Von der Begleitung eines Schwerstkranken und seiner Familie durch den Ambulanten Palliativdienst

Lehrer im Umgang mit Leben und Sterben

Dersum. Josef Mösker schenkt seinem Gegenüber ein warmes Lächeln. Sein Platz ist auf der Eck-Ablage der Küchenbank. An der Wand über ihm hängt ein Holzkreuz. Draußen treibt ein kräftiger Herbstwind tiefgraue Regenwolken über Dersum hinweg. Auf einem Acker versprüht ein Traktor mit Güllefass seine Last. Angelika Mösker schenkt Tee nach. Ihr Mann lächelt unverändert. So nah und doch so fern. Das Schwarz-Weiß-Foto mit seinem Antlitz auf der Küchenbank gibt der Familie Halt. Und Kraft. Kraft, die Josef Mösker selbst am Schluss einfach nicht mehr hatte. Nicht mehr haben konnte. Jahrelang hatte er gegen den Krebs in seinem Körper gekämpft. Vor sechs Wochen ist Josef Mösker gestorben.

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In der letzten und schwierigsten Phase seines Lebens haben ihn und seine Familie Fachkräfte des Ambulanten Palliativdienstes Nördliches Emsland begleitet. „Ohne sie hätte ich den Wunsch meines Mannes nicht erfüllen können“, sagt Angelika Mösker. Sie hatte ihm versprochen, dass er zu Hause sterben könne. An ihrer Seite und an der seiner beiden Töchter im Alter von 15 und 18 Jahren.

Lange war aber überhaupt nicht klar, dass der Krebs siegen würde. Mösker hatte sich als geheilt betrachtet, nachdem ihm der Dickdarm entfernt und ein künstlicher Darmausgang gelegt wurde. Damals war er erst 33. Aber nach einem weiteren operativen Eingriff am Steißbein vor knapp sechs Jahren lautete die niederschmetternde Diagnose erneut: Krebs.

„Dabei war der doch schon weg“, sagt Angelika Mösker leise. „Wir dachten, die Gefahr wäre gebannt.“ Was folgte, war eine Serie von Krankenhausaufenthalten und Behandlungen, darunter Chemo- und Strahlentherapien. Sobald es irgendwie möglich war, ging Mösker trotzdem zur Arbeit. Der gelernte Landwirt hatte zum Dreher umgeschult, später machte er noch eine weitere Umschulung zum Refa-Prozessorganisator. „Er war ein Kämpfertyp. Und er hatte immer Hoffnung“, beschreibt Angelika Mösker ihren Mann. „Nicht, weil er Angst vorm Sterben hatte, sondern weil er uns nicht allein lassen wollte.“ Doch die Hoffnung auf Heilung schwand zusehends.

Josef Mösker wollte das jedoch zunächst nicht wahrhaben. Auch nicht, als seine Frau auf Anraten eines engen Familienangehörigen den Palliativdienst ins Boot holte. „Wir haben einen sehr mobilen, offenen Mann vorgefunden, der die Karten sofort auf den Tisch gelegt hat, vom Sterben aber nichts wissen wollte“, erinnert sich Palliativfachkraft Ilona Konken an das erste Gespräch. Er sei einfach noch nicht dran, habe er gemeint. Das war im Juli. Seitdem standen regelmäßige Hausbesuche von Konken und Palliativmedizinerin Petra Conen auf dem Programm.

Der Schalter kippt

Conen lernte Mösker als einen Menschen kennen, für den seine Autonomie und Versorgerrolle im Vordergrund stand. Bis zu jenem Zeitpunkt, an dem auch bei Mösker selbst „der Schalter gekippt“ sei, sich seine jüngsten Operationswunden veränderten und die Schmerzen größer wurden. „Plötzlich war unsere Grundlage anders. Er hatte begriffen, dass sich etwas verändert hat“, berichtet die Palliativärztin. Erst wenige Tage zuvor hatte ihr Patient auf einen weiteren Krankenhausaufenthalt bestanden. Zuvor erarbeiteten beide gemeinsam eine individuelle Patientenverfügung. Sein Mut zu diesem Schritt sei der Schlüssel zu seiner Seele gewesen, sagt Petra Conen.

In einer Klinik nahm ihm und seiner Frau ein Arzt dann aber jede Hoffnung. Trotz der Tragik wirkte dies offenbar fast wie eine Art Befreiung. Endlich herrschte Gewissheit, wenngleich eine traurige. Und doch ist Angelika Mösker diesem Arzt für seine Offenheit sehr dankbar, wie sie betont. „In all den Jahren zuvor haben sich alle immer davor gedrückt, uns die Wahrheit zu sagen. Jetzt endlich konnten wir in aller Offenheit über alles sprechen.“ Auch ihrem Mann sei von da an klar gewesen, was ihm bevorstünde. Ganz genau erinnert sich Angelika Mösker an seine Worte: „Ich möchte nach Hause. Und wenn ihr es tragen könnt, will ich zu Hause sterben.“ Dann hätten beide zum ersten Mal gemeinsam geweint.

Der Palliativdienst stand der Familie nun immer häufiger zur Seite. Zu Hause sprach der Sterbenskranke mit seiner Familie, Freunden und Nachbarn. Zeit zum Aussöhnen und Abschiednehmen. „Er hat mit allen ein Gespräch geführt. Er wollte sich von jedem persönlich verabschieden – auch, damit sie ihn in Ruhe gehen lassen können“, sagt Conen. „Er war Lehrer für seine Familie und uns, im Umgang mit Leben und Sterben. In beeindruckender Weise hat er alle Sterbephasen durchlaufen bis zur Zustimmung und der Aussage: Ich bin bereit.“

Ein letzter Kuss

Um die zunehmend intensiver werdende Betreuung in den letzten Wochen kümmerten sich Angelika Mösker und ihre beiden Töchter mit tatkräftiger Unterstützung enger Familienangehöriger selbst. Dazu gehörten beispielsweise die Grundpflege wie das Waschen und das Essenanreichen, die Rund-um-die-Uhr-Betreuung sowie die Schmerztherapie mit Tablettengaben zu festgelegten Zeiten (auch nachts), später der Umgang mit der Schmerzpumpe unter intensiver Anleitung des Palliativdienstes.

Innerhalb kürzester Zeit verschlechterte sich der Allgemeinzustand so, dass Josef Mösker komplett bettlägerig war. Vier- oder fünfmal habe Mösker geglaubt, dass er in den nächsten Augenblicken sterben werde. Jedes Mal ließ er sich seine Töchter ans Bett rufen. Sie hatten darauf bestanden, bei ihm zu sein, „wenn Papa geht“. Als es dann tatsächlich so weit war, gab Angelika Mösker ihrem Mann einen Kuss und sagte ihm „Lebewohl“.

Mösker sei seiner Familie bis zum Schluss eine Stütze gewesen, betont Petra Conen. Angelika Mösker selbst ist sich sicher, dass es ihrem Mann an einem anderen Ort gut geht – geborgen in Gottes Hand oder, wie es im Gotteslob, „Wir sind nur Gast auf Erden“ (Lied-Nr. 656), heiße. Sie schöpft ihre Überzeugung aus einem tiefen christlichen Glauben. Für die 18-jährige Tochter ist Papa jetzt „ein Engel mit Flügeln und Düsenantrieb“.

Angelika Mösker geht es wenige Wochen nach dem Tod ihres Mannes nach eigenen Worten gut. „Das heißt aber nicht, dass ich ihn nicht vermisse und er der Familie an allen Ecken und Enden fehlt“, betont sie, „denn wo das Leben endet, besteht die Liebe fort.“

Draußen reißen Sonnenstrahlen die dichte Wolkendecke auf. Der Tee ist längst kalt geworden. Josef Mösker lächelt von seinem Platz auf der Küchenbank herüber. Er fehlt. Und ist doch immer da.


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