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Seester bearbeitet ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte
Westerkappeln. „Ich glaube, die Frau stand kurz vor dem Selbstmord“, sagt Harry Hinz nachdenklich. Man habe ihr angemerkt, dass sie nicht mehr mit der Situation klarkomme. Auch sie selbst habe das erkannt und ihren Sohn gebeten, mit Hinz zu sprechen. Doch der Sohn habe lediglich geantwortet, dass sie ihren Mist alleine machen solle.
Der Vorfall ereignete sich nur wenige Tage, bevor dieses Gespräch mit Hinz stattfand. Der 64-Jährige hat es sich zur Aufgabe gemacht, Stasi-Opfern zu helfen. Und davon gebe es weit mehr, als man allgemein mitbekomme. 2006 hat Hinz deshalb den Verein „Netzwerk Stasiopfer-Selbsthilfe“ gegründet. Seitdem rufen täglich Wildfremde bei ihm an, die um Hilfe bitten. Rund 300 Menschen betreut er nach eigenen Angaben mehr oder minder regelmäßig. Mehrere Tausend Beratungen müssen es in den vergangenen Jahren gewesen sein – genau weiß er das nicht.
Häufig rufen Menschen bei ihm und seiner Frau auch mitten in der Nacht an. „Vor allem Frauen trauen sich das oft tagsüber nicht“, sagt Hinz. Manche berät er, welche Ansprüche sie geltend machen können. Andere verweist er an regionale Ansprechpartner, die sich seinem Netzwerk angeschlossen haben. Wieder anderen empfiehlt er, sich direkt in ärztliche Obhut zu begeben. Vielen Menschen machten die Erlebnisse in politischer Gefangenschaft oftmals noch nach Jahren stark zu schaffen. Die Zeit allein heile diese Wunden nicht immer.
Seine Aufgabe sieht Hinz neben der Beratung vor allem darin, eine Öffentlichkeit für das Problem, aber auch ein Bewusstsein bei den Betroffenen zu schaffen. Er selber weiß, wie lange das oft dauern kann. Er habe zwölf Jahre gebraucht, um seine Ansprüche durchzusetzen: „Diese Zeit brauche ich heute bei keinem mehr“, sagt Hinz und lächelt.
Der gebürtige Ostwestfale saß Mitte der 1960er-Jahre selbst in DDR-Haft. Dabei war er Bundesdeutscher. „Es lief ein Verfahren gegen mich, unter anderem wegen Spionage“, erklärt Hinz. Doch der vermeintliche Westagent war nur wegen seiner damaligen Freundin in den Osten gekommen.
Mit Medikamenten habe man ihn in einen künstlichen Dämmerschlaf versetzt und mit Elektroschocks wieder geweckt. Das sei aber längst nicht alles gewesen: „Als ich da rauskam, war ich gesundheitlich ganz schön zerfleddert“, sagt Hinz.
Heute fährt er durch die gesamte Republik und macht darauf aufmerksam, dass viele Opfer Rechte und Ansprüche hätten. Nicht nur auf die Opferrente, die 250 Euro monatlich beträgt und die Bedürftigen gewährt wird, die länger als sechs Monate als politische Gefangene in DDR-Gefängnissen saßen. „Es gibt weit mehr, das es auszugleichen gilt“, sagt Hinz. Auch berufliche Rehabilitierung spiele eine Rolle. Der finanzielle Ausgleich für erlittene gesundheitliche Schäden sei allerdings der häufigste Fall.
Um seine selbst gewählte Aufgabe optimal wahrnehmen zu können, muss sich Harry Hinz ständig fortbilden, sich mit Menschen austauschen, die in demselben Feld tätig sind. So nimmt er beispielsweise Ende des Monats an einer Fachtagung in Hannover teil, die unter dem vielsagenden Motto firmiert: „Wie kann die Anerkennung haft- und verfolgungsbedingter Gesundheitsschäden für Opfer der SED-Diktatur gemäß dem Bundesversorgungsgesetz verbessert werden?“ Hartes Brot.
Das Netzwerk Stasiopfer-Selbsthilfe ist mittlerweile der Union der Opferverbände der kommunistischen Gewaltherrschaft (UOKG) beigetreten. Hinz ist dort Regionalbeauftragter für Nordrhein-Westfalen. Er versucht, die Politik zu sensibilisieren. In seinem Ordner findet sich eine Vielzahl an Antwortschreiben bekannter Politiker. Sie alle hat er auf das Problem hingewiesen. Demnächst habe er einen Termin im Ministerium, sagt er, ohne Einzelheiten zu nennen. Verschwiegenheit gehört dazu.
Für manche kommt die Hilfe allerdings zu spät: „Es hat auch Todesfälle unter den Menschen gegeben, die sich an mich gewandt haben. Daran hatte die Vergangenheit einen großen Anteil“, sagt Hinz traurig. Man spürt, das Schicksal dieser Menschen treibt ihn um. Zudem freut er sich, wenn er für die Hilfesuchenden etwas erreichen kann. Oft schicken sie ihm Blumen oder selbst Gebasteltes. Hinz stellt alles in seiner Wohnung auf.
Dabei hat er seine Hilfe über die Jahre verfeinert. Ein Fragebogen gibt schnell die Richtung vor, welche Ansprüche geltend gemacht werden können. Doch er unterstützt auch vor Ort, wenn es zu Anhörungen kommt und bei dem dafür erforderlichen Papierkrieg, der die Opfer zusätzlich belastet. Dabei gebe es durchaus regionale Unterschiede. In Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen lassen sich Menschen häufig einfacher helfen.
In Berlin müsse man dagegen schon aufpassen, etwa welche Klinik man den Menschen empfehle: „Ich schicke die Menschen immer zur Charité“, sagt Hinz. Obwohl die im ehemaligen Ostberlin liegt. Alte Strukturen seien aus so manchem Kopf noch längst nicht heraus. Auch die Frau, die ihn vor Kurzem aus Berlin kontaktiert habe, habe er dorthin geschickt: „Potsdam ist da nicht infrage gekommen“, so Hinz.
Viel Leid hat er sich in den Tausenden Telefongesprächen über die Jahre hin anhören müssen. Auszumachen scheint ihm das nichtshttp://www.stasiopfer-selbsthilfe.de, über seine eigene Zeit im Gefängnis kann er frei reden. Im Gegenteil, Hinz will weiter-machen. Einen Seitenhieb auf die seiner Ansicht nach oft langsamen und zaghaften Bemühungen der Politik kann er sich nicht verkneifen: „Mein Ziel ist es, dass die Menschen für ihr Schicksal entschädigt werden – und zwar, bevor sie tot sind.“
Das Netzwerk Stasiopfer Selbsthilfe e.V. ist im Internet unter www.stasiopfer-selbsthilfe.de zu kontaktieren oder telefonisch direkt in Person von Harry Hinz unter der Rufnummer 0 54 04/91 74 22.
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