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Friedensschinken versaut die politische Botschaft: Partei-Mann Martin Sonneborn
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Autor: Daniel Benedict 15. September 2011 08:09 Uhr  Mehr Artikel von diesem Autor

„Krawall, Krawall, Krawall“

Friedensschinken versaut die politische Botschaft: Partei-Mann Martin Sonneborn

Osnabrück. Ist der falsche Osnabrücker Präsident? „Auf jeden Fall“, sagt Martin Sonneborn. „Ich bin über vierzig, politisch ebenso blass wie Wulff, habe dubiose Freunde und den Willen zur Macht.“ Sonneborn ist Chef der „Partei“, des politischen Arms der Satire-Zeitschrift „Titanic“. Geboren wurde er in Göttingen, geprägt hat ihn seine Jugend in Osnabrück.

 
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Wahlkämpfer Martin Sonneborn vor dem ersten Großplakat seiner Partei „Die Partei“. Der Mann könnte auch Bundespräsident.Foto: dpa Der Führerschein des Partei-Führers. Der Lappen stammt aus einer Zeit, in der der Inhaber noch im Holling die Zeche prellte.

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Sein Programm führt Sonneborn direkt auf die Erziehung der Ursula-Schule zurück: „Wir waren der erste Jungen-Jahrgang auf dem Mädchen-Gymnasium“, bekennt der 46-Jährige im Interview mit unserer Zeitung. Resultat: „Ich habe bis heute einen sehr weiblichen Zugang zur Politik: Krawall, Krawall, Krawall.“ Und tatsächlich: Der ehemalige „Titanic“-Chef forderte schon den Abriss der Dresdner Frauenkirche, machte sich für einen Angriffskrieg auf Liechtenstein stark und gründete die „Verfassungsfeindliche Plattform“. (Das allerdings nur, damit der Bundesnachrichtendienst die Parteigeschichte für die Nachwelt dokumentiert.) Die Machtergreifung der „Partei“ bereitet Sonneborn längst von Berlin aus vor; trotzdem erinnert er sich gern an die Heimat: „Osnabrück steht für sozialverträgliche Bierpreisgestaltung“, befindet er und erinnert sich an Zechprellerei mittels doppelter Bierdeckel-Führung im Traditionslokal Holling.

Ansonsten blickt er entschieden skeptisch auf die örtlichen Spezialitäten. Den ebenso wohlschmeckenden wie wohltätigen Friedensschinken etwa, den Ursula von der Leyen eben erst im Dienste der Völkerverständigung und eines Fototermins erprobte, verbietet sich Sonneborn: „Wir in der Partei setzen auf Konfrontation“, sagt der Polit-Stratege. „Friedensschinken beschädigt unsere Botschaft. Das macht es mir auch mit Remarque so schwer.“

2004 gründete Sonneborn mit seinen „Titanic“-Kollegen „Die Partei“. Politik hat er als Bauerntheater erkannt. Statt den Missstand zu beklagen, betreibt der Satiriker dessen Perfektionierung. In Zeiten austauschbarer Parteiprogramme lautet sein konsequenter Wahlspruch: Inhalte überwinden.

Mit Unschuldsmiene gibt der 46-Jährige den Populisten im Polyesteranzug, übertreibt die schäbigsten Showroutinen der Parlamentarier und arbeitet auf seine Weise an der Ununterscheidbarkeit von Politik und Parodie. Bloßstellung durch Imitation. In Berlin hat der NPD-Chef Udo Voigt gerade Wahlplakate mit sich selbst in Biker-Pose aufgehängt. „Gas geben“ lautet der Slogan dazu, und zu lesen war er auch vor dem Jüdischen Museum. Daraufhin hat Sonneborn ebenfalls NPD-Plakate gedruckt. Die Parole war dieselbe, nur zeigte das Foto jetzt das Unfallauto, mit dem Jörg Haider sich zu Tode raste.

Auf Geschmacklosigkeiten antwortet Sonneborn möglichst immer noch ein bisschen geschmackloser. Auch so ist die Parteigründung zu begreifen: Wenn die Politik der Satire das Vorrecht des Tabubruchs streitig macht, dann geht die Satire eben selbst in die Politik und erobert sich ihr Terrain zurück. Es ist kein Zufall, dass die „Titanic“ nach der humorvollen 18-Prozent-Kampagne der FDP in den Wahlkampf zog.

Zurzeit strebt Sonneborn das Amt des Regierenden Bürgermeisters von Berlin an, mithilfe von Porno-Rappern. Eigentlich macht seine Herkunft die Hasestadt zum Stammland der Bewegung, aber einen Landratskandidaten stellte „Die Partei“ trotzdem nicht. Sonneborn: „In Niedersachsen ist die Partei nur punktuell aufgestellt. Es gibt aber Hochburgen wie Hilter, wo wir uns stark für eine Städtepartnerschaft mit dem sächsischen Städtchen Adorf engagieren. Das ist mir meiner Stadt gegenüber Verpflichtung.“

Bevor er „Titanic“-Chef, Partei-Gründer und Humor-Beauftragter bei „Spiegel Online“ wurde, schrieb Sonneborn eine Magisterarbeit über die „Wirkungsmöglichkeiten von Satire“. Tatsächlich legt er Wert darauf, dass seine Pointen wirken – auch wenn es andere den Kopf kostet. Beim Jugoslawien-Einsatz versendete er auf gefälschtem Briefpapier die Kriegserklärung, die der Kanzler vergessen hatte. Dass die WM 2006 nach Deutschland kam, hängt auch mit seinen Bestechungsanboten an FIFA-Mitglieder zusammen. 2002 verlor ein FDP-Kreisvorstand sein Amt, nachdem er sich lächelnd mit Sonneborn fotografieren ließ – vor fingierten Antisemitismus- und Porno-Plakaten der FDP („Judenfrei und Spaß dabei“). Sonneborn findet, der Mann hat selbst Schuld.

Hilft eine Jugend in der Provinz der humoristischen Entwicklung? Ist Satire eine Form der inneren Emigration aus dem kleinbürgerlichen Umfeld? „Ich unterscheide zwischen Ironie und Satire. Hang zur Ironie ist ein Wesenszug, der sich auch in Kleinstädten ausprägt“, meint Sonneborn. „Wenn man im satirischen Bereich wirken will, ist es schon richtig, in die Großstadt zu gehen. Das Niveau ist höher, die Herausforderungen sind größer, ganz einfach weil es hier mehr Gleichgesinnte gibt.“ Für eine Kindheit an der Hase bringt er praktische Argumente ins Spiel: „Während ich behütet in Osnabrück aufwuchs, haben Jugendliche in Neukölln Brückenzoll von Gleichaltrigen erhoben. Da wurden Schulkinder mit dem Gebiss auf die Bordsteinkante gelegt und entkamen einem Nackenschlag nur gegen Zahlung von 50 Pfennig.“ Logische Schlussfolgerung des erklärten Politverbrechers: „Osnabrück ist eine Stadt, in der man gut aufwachsen kann und die man dann verlassen sollte, um irgendwo Brückenzoll zu erheben.“

Bildergalerie und Wortlaut: Wie der Dom zur zweiten Heimat des Satirikers wurde und wer der lustigste VfL-Spieler aller Zeiten war, lesen Sie im Wortlaut-Interview unter www.noz.de.

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