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Tippspiel
Wandergeselle nach fünf Jahren zurück in Osnabrück
Osnabrück. Familienangehörige und Freunde können die Ankunft des Wandergesellen Tim Knauer kaum erwarten, als dieser nach fünfeinhalb Jahren Gesellenwanderung an Osnabrücks Stadtgrenze als kleiner Punkt am Horizont erscheint. Doch bevor das Empfangskomitee den Bauhandwerker begrüßen kann, muss dieser zuvor noch ein Ritual absolvieren.
Sichtlich gut gelaunt nähert sich der Wandergeselle Tim Knauer in Begleitung von weiteren Gesellen im Entenmarsch dem Ortsschild in Voxtrup. Sie singen gerade die vierte Strophe aus „Es wohnte ein Krauter zu Frankfurt an dem Maine“: „Zu Essen woll’n wir haben den besten Schweinebraten. Und was wir wollen trinken, das ist ja leicht zu raten. Denn der Fränkische Wein ist auch ein guter Wein, hei, auch ein guter Wein. Denselben woll’n wir haben und dabei lustig sein.“
Die Formation stellt nahezu eine Verkehrsgefährdung dar, denn sie zieht die Blicke sämtlicher Autofahrer auf sich. Das Bild des Gesellen in traditioneller Kluft auf der sogenannten Tippelei ist eben ein seltenes geworden. Vier weitere Gesellen haben sich Knauer in den letzten Wochen angeschlossen, um ihn nach fünfeinhalb Jahren als freien Reisenden zurück nach Osnabrück zu begleiten.
Am Ortseingang angekommen trinken die Handwerker einen Schnaps und stimmen ein weiteres Lied an, bevor Knauer die Ortsgrenze überschreitet. Die Tradition verlangt, dass Knauer, der der Gesellschaft der fremden Maurer und Steinhauer zu Lüneburg angehört, über das Ortsschild hinwegklettert.
Zuerst wirft Knauer seinen Stenz (den Wanderstock) über das Schild, der sich zielsicher auf der anderen Seite in den Boden bohrt. Anschließend fliegt der Charlottenburger – das traditionelle Tuch des Gesellen, in dem Hab und Gut eingewickelt sind – darüber. Nun muss er selbst über das Schild. Seine Kameraden geben mit ihren Wanderstöcken Hilfestellung, ähnlich einer Räuberleiter. Gemeinsam hieven sie den Gesellen empor, angefeuert durch ihn selbst: „Das dicke Vieh muss hoch“, schreit der Geselle, der alle Mühe hat, sich oben auf dem Schild zu halten und seine Gesellenfreunde anfleht, das schwankende Schild wieder festzuhalten. Freunde und Familie beobachten das Treiben aus einiger Entfernung – nicht ganz ohne Schadenfreude.
Letztendlich gelingt dem Handwerker die Übersteigung aber ohne Zwischenfälle.Auf die Frage, wie es ihm geht, folgt ein schlichtes „Gut“.
„Zuerst muss ich diejenige begrüßen, die bei meiner Abreise am meisten geweint hat“, meint Knauer und schließt seine Oma in die Arme. „Sie hat damals Rotz und Wasser geheult und dachte, dass sie mich nie wiedersehen würde.“ Anschließend werden Familienangehörige und Freunde in die Arme geschlossen. „Du hast aber ganz schön zugelegt“, heißt es aus den Reihen des Freundeskreises. „Jetzt wird erst mal ausgiebig gefeiert“, verabschiedet sich Knauer.
Der gelernte Betonbauer machte sich im November 2005 auf die Tippelei und bereiste zahlreiche Länder – darunter Brasilien, die USA, Rumänien und die skandinavischen Staaten. „Die schönsten Städte waren Prag und Kopenhagen“, berichtet Knauer. Während seiner Reise arbeitete er an den unterschiedlichsten Projekten – „von der Holzhütte bis zum Bau eines Hotels war alles dabei“, erzählt der Geselle. Kontakt zu Familie und Freunde hat er über das Internet gehalten, die Familie auch mal in deren Urlaub getroffen.
Das Resümee der Tippelei fällt durchweg positiv aus: „Das war die beste Zeit meines Lebens: Viel gelernt, viel gearbeitet, und an die schlechten Tage denkt man einfach nicht.“ Und die gab es durchaus: „Mal gab es ein oder zwei Tage nichts zu essen, mal lief man sich die Füße blutig“, so Knauer, aber dann folgten auch wieder gute Tage, an denen er von Sterne-Köchen kostenlos verpflegt und in einem Ferrari mitgenommen wurde.
Vermisst habe er nichts. „Wenn du traurig bist, hast du deine Kameraden, und wenn du fröhlich bist, hast du deine Kameraden“, so der Geselle. Die fünfeinhalb Jahre möchte er jedenfalls keineswegs missen. Doch nun ist er am Ende seiner Reise angekommen – vorerst. Was nun folgt? „Sesshaft werden möchte ich jetzt noch nicht“, verrät der Handwerker. Die nächste geplante Station ist Norwegen, wo er für ein paar Monate arbeiten möchte. „Vielleicht mache ich mich dort selbstständig, wenn es da gut läuft“, überlegt der Betonbauer. Und er rät denjenigen, die in Erwägung ziehen, ebenfalls auf die Gesellenwanderung zu gehen: „Sie sollen es auf jeden Fall tun.“
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