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Der teure Ausflug eines Bramscher Tischlermeisters ins Internet
Bramsche. Der Wunsch, seine Tischlerei im Internet zu präsentieren, wurde für den Bramscher Tischlermeister Claus Meyer zu einem teuren Unterfangen. Mit der Firma Euroweb, die die Seite erstellte, befindet er sich seit Ende des Jahres 2007 im Rechtsstreit. Das hielt Euroweb nicht davon ab, dem Tischlermeister jetzt erneut in einem Werbeanruf ein ganz besonderes Angebot zu offerieren. Claus Meyer war gewarnt, ließ sich aber zum Schein darauf ein.
Selbstsicher betritt die junge Frau, geschätzte 25 Jahre alt, den Raum. Nach ein bisschen Small Talk liegen schon bald die Unterlagen auf dem Tisch. Anhand einer Präsentationsmappe erläutert sie die Leistungen von Euroweb. Vom Erstellen der Internetseite übers Reservieren einer Adresse bis zur regelmäßigen Pflege ist alles dabei, was sich jemand bei der Beendigung seiner internetpräsenzlosen Zeit wünscht.
Noch ist über Preise nichts zu hören, wohl aber darüber, dass es sich beim heutigen Angebot um eine Marketing-Aktion handelt. Denn angeblich beendet die Firma Euroweb auch gerade etwas: nämlich die Zeit, in der sie noch keine Kunden in dieser Region hat. Ein Referenzkunde soll Claus Meyer werden, dessen Seite den „Kaufkunden“ der Firma als Muster dienen soll. Die Möglichkeiten, die sich Meyer bei einem Vertragsabschluss im World Wide Web offerieren würden, erscheinen beim Gespräch in der Küche des Tischlermeisters nahezu unbegrenzt.
„Wenn Sie möchten, dass von Ihrer Seite lila Kühe fallen, lassen wir lila Kühe von der Seite fallen.“ Lila Kühe wünschte Meyer zwar nicht, eine aussagekräftige Internetpräsenz für seinen Tischlereibetrieb hätte der Unternehmer aber schon gerne gehabt. Diesen Wunsch hatte er allerdings schon vier Jahre zuvor gehegt. Deshalb trafen der Anruf und der daraus resultierende Besuch eines Euroweb-Mitarbeiters damals bei ihm auch voll ins Schwarze: Der Tischlermeister unterschrieb einen Vertrag mit der Firma Euroweb. 105 Euro plus Mehrwertsteuer monatlich für die Dauer von drei Jahren waren dort als Preis für die Seite vereinbart.
Vereinbarung widerrufen
Aber schon kurz nach dem Besuch des Beraters bereute Meyer damals den unter Zeitdruck und der Aussage, das Angebot sei nur hier und heute gültig, geschlossenen Vertrag und widerrief die Vereinbarung, übersah jedoch, dass das für ihn als Privatperson möglich gewesen wäre, nicht jedoch als Unternehmer. Sein Angebot, Euroweb die bislang entstandenen Kosten zu erstatten, schlug die Firma aus und bestand auf Vertragserfüllung.
Zusätzlich zu dem Ärger über den nicht geglückten Ausstieg aus dem Vertrag sei dann auch noch eine mangelhafte Internetseite gekommen, sagt Meyer. Üble Folgen habe vor allem die falsch angegebene E-Mail-Adresse gehabt. Es kam zum Rechtsstreit. Den Prozess vorm Amtsgericht verlor Meyer und bezahlte daraufhin weiter die fälligen Beträge an Euroweb. Die Firma habe jedoch irgendwann seine Seite trotz der geleisteten Zahlungen vom Netz genommen.
Auch bestehe die Firma nun auf Fortsetzung des Vertrages über die drei Jahre hinaus, weil Meyer den Vertrag nicht erneut gekündigt habe. Der Internet-Ärger hat Meyer bislang rund 5000 Euro gekostet. Als den Tischlermeister in dieser Situation erneut ein Werbeanruf von Euroweb erreichte und wieder von einer Marketing-Aktion die Rede war, ließ er sich zum Schein auf einen Termin ein.
Offensiv geht die Beraterin auch diesmal vor. Schnell räumt sie letzte Zweifel aus: „Ich sag’s Ihnen ganz offen: Wenn wir uns heute trennen, haben wir hier was unterschrieben.“ Tack, tack, tack – zur Unterstreichung des Gesagten nimmt der Kugelschreiber, den die junge Frau in der Hand hält, immer wieder Kontakt zur Tischplatte auf. Fest nimmt sie ihr Gegenüber in den Blick. Jeder dritte Satz beginnt mit „Ich sag’s Ihnen ganz offen“ und endet zur Bekräftigung in einem „definitiv“. Meyer folgt den Ausführungen ganz entspannt. Er wird hier heute gar nichts unterschreiben. Definitiv. Zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht offen gesagt. Er lässt sich das Angebot im Detail erläutern und stellt Veränderungen zu dem fest, was er einst unterschrieb: Die Leistungen von Euroweb sind teurer geworden, und im Falle einer Unterschrift wäre er statt nur für drei sogar für vier Jahre an den Vertrag gebunden.
Auf die Frage, unter welchen Umständen der Tischlermeister den Vertrag vorzeitig kündigen könnte, gibt es eine klare Antwort: „Wenn Sie insolvent sind oder sterben, aber nicht bei plötzlichem Reichtum.“ Die Beraterin lacht. Dann endlich lüftet sie das Geheimnis um die Marketing-Aktion. Im Grunde genommen besteht es aus einigen beherzten Kugelschreiber-Strichen in der Preisliste für die sogenannte Kaufkundschaft der Firma. 15 200 Euro sind dort für die Erstellung einer Internetseite notiert, 4800 Euro für einen Imagefilm, 1460 Euro für das Anmelden der Internetseite in den Suchmaschinen und dazu monatlich 440 Euro für die Pflege und Aktualisierung der Seite.
Theatralische Beratung
Theatralisch streicht die Beraterin eine Position nach der anderen und notiert einen Betrag von monatlich 160 Euro netto. Triumphierend schaut sie Meyer an. „Das geht aber nur, wenn Sie mir fünf Dinge garantieren“, kündigt sie an. Die Firma müsse mit Meyers Seite werben dürfen, er müsse versprechen, die Seite hinreichend bekannt zu machen, einen Erfahrungsbericht schreiben und seiner Beraterin fünf neue Geschäftskontakte nennen. „Ich brauche noch einen Friseur, einen Bauunternehmer und was aus dem Kosmetik-Bereich“, hat die junge Dame da schon konkrete Vorstellungen. Irgendwann taucht auch noch die Summe von 199 Euro als einmalige Anschlussgebühr für die künftige Internetpräsenz der Bramscher Tischlerei auf.
Für insgesamt 7680 Euro wäre der Betrieb von Claus Meyer für die nächsten vier Jahre mit einer Internetpräsenz versorgt. Wenn der Vertrag ende, könne der Tischlermeister sich die Dateien auf eine CD brennen und damit machen, was er wolle, sagt die Beraterin. Meyer hat andere Erfahrungen gemacht: Der Seitenname verblieb im Besitz von Euroweb. Nun ist es Zeit, etwas Wichtiges offen zu sagen: Claus Meyer hat mitnichten vor, ein weiteres Mal Kunde bei Euroweb zu werden.
Meyer konfrontiert die junge Vertrieblerin mit dem Rechtsstreit, den er mit ihrem Arbeitgeber führt, und erklärt in deutlichen Worten, was dazu geführt hat. Ihr fehlen die Worte. Das Gespräch nimmt eine neue Wendung: In ihrer Fassungslosigkeit berichtet sie, sie sei erst eineinhalb Monate bei Euroweb tätig. Eine Schulung von drei Tagen am Firmensitz in Düsseldorf sei ihrer Bewerbung auf eine Anzeige im Internet gefolgt. Den zahlreichen Beschwerden über das Vorgehen der Firma Euroweb, die im Internet zu lesen sind, habe sie keine Beachtung geschenkt. „Ich dachte, das sind Neider“, sagt die junge Frau.
Ganz kurz findet sie noch mal zum eingeübten Stakkato der Geräusche zurück, die bereits die Beratung untermauert hatten: tack, tack, tack – stößt sie die Vertragsunterlagen zu einem akkuraten Stapel und signalisiert das Ende des Gesprächs. Unter diesen Bedingungen wolle sie nicht weiter für Euroweb arbeiten und beabsichtige zu kündigen. Tischlermeister Claus Meyer rät ihr, zuvor gut in ihren Vertrag zu schauen. Er weiß, wovon er spricht. Eine Stellungnahme der Firma zu den Vorwürfen gab es bis heute nicht.
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