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Lingener Kraftwerkeleiter Dr. Hubertus Flügge geht von langer Laufzeit aus
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Lingener Kraftwerkeleiter Dr. Hubertus Flügge geht von langer Laufzeit aus
Lingener Kraftwerkeleiter Dr. Hubertus Flügge geht von langer Laufzeit aus
Lingen. Die Betreiber des Kernkraftwerkes Emsland in Lingen gehen davon aus, dass das Kraftwerk noch eine lange Laufzeit vor sich hat. Dies unterstrich Dr. Hubertus Flügge, Leiter des Kraftwerkestandortes Lingen, in einem Interview mit unserer Zeitung. „Wir lernen aus Fukushima und werden nachrüsten, wo es notwendig ist“, sagte Flügge.
Herr Dr. Flügge, wenn Sie die täglichen Berichte und Bilder aus Fukushima lesen oder sehen – was geht da in Ihnen vor?
Ich empfinde eine große Betroffenheit. Ich habe mich fast mein ganzes Berufsleben mit Kernenergie beschäftigt. Dass es einmal so einen Unfall in einem so hoch industrialisierten Land wie Japan geben würde, habe ich nicht für möglich gehalten. Aber man muss hier natürlich auch die besonderen Umstände sehen: ein sehr schweres Erdbeben, verbunden mit einem Tsunami.
Hätten Sie sich jemals vorstellen können, dassoffen liegende Brennstäbe aus lauter Verzweiflung einmal mit Wassersäcken aus der Luft gekühlt werden?
Das war für mich an der Grenze des Vorstellbaren. Aber diese außergewöhnlichen Anstrengungen haben auch mit dazu beigetragen, dass es in Fukushima nicht zu einem GAU gekommen ist. Mit dem Wasser aus der Luft, wie auch aus den Wasserwerfern und der Meerwassereinspeisung ist es den Betreibern gelungen, die Brennstäbe zu kühlen – auch wenn es unbeholfen ausgesehen haben mag. Und noch eines muss man immer im Hinterkopf haben: Ich habe großen Respekt vor den Mitarbeitern in Japan, die ihre Arbeiten in den havarierten Kraftwerken, in deren unmittelbarer Nähe oder aus der Luft ausgeführt haben, obwohl sie bei dem Erdbeben möglicherweise ihre Familien und alles Hab und Gut verloren haben. Dann auch noch ein kurz vor der Kernschmelze stehendes Kraftwerk in eine sichere Lage zu versetzen ist eine enorme psychische und physische Leistung. Was für ein enormer Druck auf diesen Menschen gelastet hat und noch immer lastet, ist nicht in Worte zu fassen.
Wichtig ist aber, dass wir das Thema nicht nur emotional betrachten, sondern sachlich. Wir müssen die Gründe für das Reaktorunglück in Fukushima gründlich aufarbeiten, und das mit großer Offenheit. Wir müssen, wenn in Fukushima alles in einem sicheren Zustand ist, erfahren, was funktioniert hat und was ausgefallen ist. Was waren die auslösenden Faktoren für diese Havarie? Diese Katastrophe wird die ganze Welt diskutieren, weil alle wissen wollen, ob es technische Erkenntnisse gibt, aus denen auch wir lernen müssen. Und das auch, obwohl bei uns kein Tsunami vorkommen kann.
Wie geht Ihre Belegschaft mit Fukushima um, wieist die Stimmung im Unternehmen?
330 Männer und Frauen arbeiten bei uns im Kraftwerk. Hinzu kommen rund 300 aus Fremdfirmen. Alle sind sehr betroffen über die Ereignisse in Japan, insbesondere über die in Fukushima. Sie werden in ihremBekannten- und Freundeskreis angesprochen. Da fallen natürlich auch kritische Worte über Kernenergie und ihren Arbeitsplatz. Das ist keine einfache Situation für unsere Beschäftigten. Hier ist es wichtig, dass die Diskussionen fair bleiben.
Was können Sie für die Belegschaft tun?
Uns ist es ein besonderes Anliegen, die Mitarbeiter in ihrer Meinung zu unterstützen, sie in ihrem Engagement für unser Kraftwerk weiter zu stärken. Das tun wir durch Sachinformation. Sie haben großes Vertrauen und wissen viel über den sicheren Betrieb unserer Anlage. Dieses Vertrauen sollen sie auch nach außen deutlich machen. Wir sind davon überzeugt, dass das Kernkraftwerk Emsland technisch auf einem sehr hohen Stand ist. Dies wird auch die Sicherheitsüberprüfung zeigen.
Alle Reaktoren in Deutschland sollen sich ja den Planungen der Bundesregierung zufolge einer umfänglichen Überprüfung unterziehen. Wie bereiten Sie sich im Lingener Kraftwerk darauf vor?
Es gibt da keine spezielle Vorbereitung. Inzwischen ist ein Katalog mit rund 150 Fragen bei uns eingetroffen. Die Antworten werden später von der Gesellschaft für Reaktorsicherheit ausgewertet. Der Katalog umfasst ein sehr breit gefächertes Spektrum verschiedenster naturbedingter und zivilisatorischer Szenarien. Erdbeben, Flugzeugabsturz, Hochwasser und vieles mehr.
Wie steht es denn um die Sicherheit bei Erdbeben und Flugzeugabstürzen?
Unsere Anlage ist gegen Erdbeben gesichert, obwohl solche Ereignisse im Emsland aufgrund seiner Bodenstruktur nicht zu erwarten sind. Was das Thema Flugzeuge anbelangt, so schützt die dicke Reaktorkuppel aus Stahl und Beton gegen Abstürze von Passagierflugzeugen und auch schnell fliegenden Jagdmaschinen. Nach dem 11. September wurden außerdem zusätzliche Maßnahmen getroffen. Was die Nähe zum Bombenabwurfplatz Nordhorn-Range anbelangt, ist anzumerken, dass die Flugbewegungen insgesamt rückläufig sind. Unser Kernkraftwerk darf von den Militärmaschinen nicht überflogen werden, weil hier eine Flugverbotszone eingerichtet wurde.
Was machen Sie, wenn es keine überörtliche Stromversorgung mehr gibt und die Notstromaggregate ihren Dienst versagt haben?
Wir sprechen hier von einem sogenannten „Station-Blackout“. Auch hiergegen sind wir gewappnet. Wenn das Stromnetz zusammengebrochen ist und auch unsere Notstromaggregate keine Energie mehr liefern sollten, schaltet sich die Anlage automatisch auf den Batteriebetrieb um. Diese Stunden werden genutzt, um neue Aggregate herbeizuschaffen, die die Energieversorgung wieder übernehmen. Klar ist: Wir haben schon in der Vergangenheit immer wieder unsere Anlage nachgerüstet, haben uns immer gefragt, wo noch etwas zu verbessern ist. Und das bleibt auch so.
Und was ist zu verbessern?
Zunächst einmal: Unsere Anlage ist sicher. In einigen Wochen werden wir sehen, was bei der Überprüfung herausgekommen ist, ob und wie wir gegebenenfalls darauf reagieren müssen. Wir haben ja auch selbst Interesse daran, unsere Sicherheitsreserven noch weiter auszubauen, wenn es dafür neue Erkenntnisse aus Japan gibt.
Nach wie vor in der Diskussion ist eine fehlende Endlagerstätte für abgebrannte Brennelemente. Besteht die Gefahr, dass aus Ihrem Zwischenlager auf dem Gelände des KKE eine Endlagerstätte werden könnte?
Das Zwischenlager ist für maximal 40 Jahre ausgelegt, und dabei wird es auch bleiben. Es ist die Aufgabeder Politik, nach einem geeigneten Endlager zu suchen. Das brauchen wir ganz unabhängig von der aktuellenDebatte.
Ist Gorleben für Sie noch ein Thema?
Weltweit beneiden uns viele um diesen Salzstock als ein mögliches sicheres Endlager. Und Tatsache ist: Es liegen bisher keine Erkenntnisse vor, die gegen die Eignung sprechen.
Glauben Sie angesichts der aktuellen Diskussion über die Kernenergie noch an die von der Bundesregierung vor Monaten beschlossene Laufzeitverlängerung?
Wir gehen davon aus, dass das Kernkraftwerk Emsland in Lingen noch eine lange Laufzeit vor sich hat. Wir lernen aus Fukushima und werden nachrüsten, wo es notwendig ist. Dann ist es aber auch verantwortlich zu sagen: Wir halten an der friedlichen Nutzung der Kernenergie fest. Aber natürlich sind die Ängste der Bevölkerung nachvollziehbar. Gerade deshalb wollen wir ja auch mit den Bürgern weiter im Gespräch bleiben. Hierzu bietet uns das Infozentrum der RWE hier in Lingen eine hervorragende Plattform. Jährlich wird es von rund 8000 Bürgern besucht. Das Interesse an unserem Werk und unserer Arbeit ist gerade jetzt verständlich.
In Lingen hat es seit der Inbetriebnahme des Werkes ein Einverständnis zwischen der Mehrheit der hiesigen Bevölkerung und den Kraftwerksbetreibern gegeben. Sehen Sie dieses Einverständnis angesichts der Ereignisse in Japan als gefährdet an?
Ich bin zuversichtlich, dass das Vertrauen der Bürger in unsere Anlage und unsere Arbeit trotz der Geschehnisse in Japan erhalten bleibt. Wir haben hier am Standort Lingen immer eine offene Informationspolitik betrieben und werden dies auch weiterhin tun. Am 11. April wird es im Ludwig-Windthorst-Haus in Holthausen eine Podiumsdiskussion zum Thema Atomenergie geben. Auch dort werden wir uns den Fragen stellen.
Unterstützt auch Ihr Unternehmen RWE die Kollegen in den japanischen Kernkraftwerken?
Zusammen mit den anderen Kernkraftwerken haben wir aus unserem Inventar Hilfsgüter im Wert von rund 500 000 Euro für die japanischen Kraftwerke bereitgestellt. Dabei handelt es sich in erster Linie um Gegenstände für den persönlichen Schutz der Kollegen. Und wenn weiteres Material benötigt wird, werden wir natürlich alles, was in unseren Kräften steht tun, um hier weiterzuhelfen.
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