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Großer Abgang mit Adorno
Osnabrück. Die ZDF-„Anstalt“ hat Georg Schramm letztes Jahr verlassen. Aber nicht weil er vom Kabarett geheilt ist! Im Gegenteil: Es treibt ihn wieder auf die Kleinkunstbühnen des Landes. Am Dienstag gastierte er in der Lagerhalle mit seinem neuen Programm „Meister Yodas Ende“.
Ein Gewehr erzeugt ein gewisses Unwohlsein, selbst wenn es sich nur um ein harmloses Luftgewehr in Händen des noch harmloseren Rentners August handelt. Doch auch August hat seine Abgründe: Nur so zum Spaß zerschießt er Ackermann- und Sarrazin-Köpfe auf der Titelseite der „Bild“, und damit ist er gar nicht so weit weg von den Sportschützen, von denen Oberstleutnant Sanftleben referiert: Der besondere Reiz der Großkaliber-Waffe liege in der Wirkung, die so ein Projektil im Ziel entfaltet. Womit Sanftleben die Brücke zu jugendlichen Amokläufern schlägt.
Überhaupt der Tod. Er stellt den Fluchtpunkt in Schramms kabarettistischer Gegenwartsanalyse dar, für die er die TV-Kabarettreihe „Neues aus der Anstalt“ verlassen hat. August sinniert über den Tod der „Muddi“ und den des Schrebergarten-Nachbarn, Oberstleutnant Sanftleben hinterfragt den Heldentod deutscher Soldaten in Afghanistan und den „Blutzoll“, den die afghanische Bevölkerung entrichten musste; der Rentner Dombrowski schließlich will der Altenpflege entfliehen, sucht einerseits den humanen Freitod – der ihn aber zum Sterben in aller Stille verpflichtet. Eigentlich aber möchte er mit seinem Tod ein „Fanal“ setzen: „Die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils“, würde er mit Adornos Worten der Welt zornig entgegenschleudern – was für ein Abgang. Stattdessen aber gibt, so seine Vision, Eckard von Hirschhausen künftig Lebensdevisen aus.
Ja, der Zustand der Gesellschaft treibt Schramms Figur Dombrowski nach wie vor um. Der alte Rentner moderiert die Sitzung der Selbsthilfegruppe „Altern heißt nicht Trauern“, er führt Sanftleben – den „Experten fürs Blutvergießen“ – ein und regt zur Diskussion über den Zustand der Gesellschaft an. Dabei greift Schramm „seine“ Themen auf, den Krieg zwischen Arm und Reich, Bildungsmisere und Politiker, die wortreich verschleiern, dass sie nichts sagen wollen, kurz: die „intellektuelle Dürre“ und die „leeren Worthülsen im Brackwasser der Beliebigkeit“.
Schramm arbeitet dabei mit minimalen Mitteln, schlüpft von Augusts Rentnerjacke in Dombrowskis Karo-Jackett und von da in den Uniform-Rock des Oberstleutnants Sanftleben; noch schneller als die Jacketts aber wechselt er den Tonfall vom hessischen Gestammel über preußisch gefärbte Zornesgarben bis hin zum jovialen Ton, mit dem der Presseoffizier Sanftleben über Mikrowellenkanonen als Mittel gegen „querulantorische Rentner“ spricht.
Dabei setzt Schramm liebend gern auf die entwaffnende Kraft der Fakten: Wenn er ausholt und über Srebrenica spricht oder über Roosevelts New Deal im Amerika der 30er-Jahre, während in Deutschland Hitler die Demokratie begrub. Hier erzeugt die Geschichte die Pointen, die Schramm mit einer Heftigkeit detonieren lässt, dass Lacher in atemloser Beklemmung ersticken.
Lustig wird’s hingegen, wenn Schramm sich belangloseren Dingen widmet: Der Bundesregierung, der SPD, dem Bundespräsidenten Wulff, und auch für die Bahn bleibt nur eine Nebenrolle. Dafür ruft er, nicht als eine seiner Figuren, sondern als Georg Schramm, zum bürgerlichen Ungehorsam auf: „Unter flash-mob.de gibt es wunderbare Aktionen.“ Nach den Pointen, die sich wie Projektile ins Bewusstsein bohren, findet der große Zornige des Kabaretts zu einem geradezu versöhnlichen Schluss.
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