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Von großen kleinen Leuten
Osnabrück. An guten Tagen kauft Horst Stengritt Toastbrot. „Dann frage ich im Supermarkt andere Kunden, ob sie mir die Packung aus dem oberen Fach holen, weil ich da nicht drankomme.“ Wenn Horst Stengritt einen schlechten Tag hat, kauft er einfach etwas anderes. Das macht ihm nichts aus. „Ich bin ja groß“, sagt der 48-Jährige. Groß bedeutet für Horst Stengritt 1,35 Meter.
„Ich habe eine Bekannte, die misst nur 98 Zentimeter, die hat ganz andere Probleme als ich“, sagt der erste Vorsitzende des Bundesselbsthilfe-Verbands kleinwüchsiger Menschen. Der Osnabrücker holt zwei Kaffeetassen aus dem Hängeschrank seiner Küche. Vor der Kochzeile steht ein Podest, auf diesem Podest ein Hocker, auf diesem Hocker Horst Stengritt. „Und ich habe noch einen Vorteil: Ich bin proportional gewachsen.“
Es klingt ungewohnt technisch, wie Horst Stengritt über seinen Körper spricht. Aber für Kleinwüchsige ist ein ausgewogenes Verhältnis von Ober- zu Unterkörper nicht selbstverständlich: „Etwa ein Drittel der Kleinwüchsigen leiden an Achondroplasie. Bei ihnen ist der Rumpf recht groß, dafür Arme und Beine verkürzt“, erläutert der 48-Jährige. Ein „Watschelgang“ sei die Folge dieser Wachstumsstörung, häufig zu sehen in alten Zirkussendungen, in denen Kleinwüchsige als Teil einer Freakshow zur Schau gestellt wurden. „Aber Zwerge gibt es nur im Märchen, und Liliputaner sind eine Erfindung von Jonathan Swift“, pflegt Stengritt dann zu sagen.
Er nimmt auf einem Korbstuhl im Wohnzimmer Platz. Ein Modell, auf dem er gut sitzen und mit den Füßen den Boden erreichen kann, der aber dennoch nicht als besonders niedrig auffällt, wie der Osnabrücker verrät. „Eine Kompromisshöhe.“
Stengritt erzählt lieber im Sitzen weiter, denn seine Arthrose macht ihm zu schaffen, und es gibt viel zu erzählen über das Leben als kleinwüchsiger Mensch. Horst Stengritt beginnt bei sich selbst.
Schwere Schulzeit
„Meine Knochen sind zu den Gelenken hin nicht richtig ausgebildet.“ Operationen und Schmerzen sind seit jeher fester Bestandteil seines Lebens. Die erste Hüftoperation hatte er mit zwei Jahren, eine weitere mit vier. Als 30-Jähriger erhielt er eine Hüftprothese. „Aber dass ich als Kind anders war, ist mir zunächst gar nicht aufgefallen.“
Mit der Einschulung – damals noch in Lotte-Büren – änderte sich das schlagartig. „Der Unterricht war klasse, nur die Pausen waren Scheiße“, fasst er diese Zeit zusammen. Gerade die ersten Jahre, als Grund- und Hauptschule noch in einem Gebäude untergebracht waren, wurden zum Spießrutenlauf. „Die älteren Schüler kamen dann in der Pause zu mir: Ah, seht mal den Liliputaner“, erinnert sich Horst Stengritt an die Demütigungen auf dem Pausenhof. Seine ältere und normal gewachsene Schwester verteidigte ihn zwar so gut sie konnte, was aber nicht dazu beitrug, dass Horst Stengritt lernte, sich selbst zu behaupten.
„Einmal haben mich Mitschüler in einer Werkbank festgeschraubt, da habe ich mich aber ordentlich gewehrt und einem ins Gesicht getreten. Nach der Schule haben wir dann zusammen eine Zigarette geraucht.“ Und plötzlich ließ man ihn in Ruhe. „Ich habe gemerkt: Wenn ich Quatsch mache und den Klassenclown spiele, komme ich besser an, als wenn ich mit dem Geigenkasten zum Konservatorium fahre.“
Und Horst Stengritt konnte es sich leisten, den Klassenclown zu spielen –denn der Unterrichtsstoff war für ihn keine sonderlich große Herausforderung. „Meine Lehrer haben gesagt, dass ich besser auf eine Hauptschule gehen sollte. Dann müsste ich nämlich nicht mit dem Bus fahren, das wäre bequemer für mich.“
Bequemer? Vielleicht. Aber sicher nicht Horst Stengritts Fähigkeiten angemessen. Nach dem Hauptschulabschluss machte er sein Abitur und studierte in Osnabrück Pädagogik. Mittlerweile arbeitet er als EDV-Supporter bei Wessels und Müller, bietet Kunden Hilfe bei Computerproblemen, präsentiert das Unternehmen auf Messen und leitet Schulungen. Von einem Verein für kleinwüchsige Menschen hatte er zu diesem Zeitpunkt noch nichts gehört. Warum auch? Er war gut integriert, ging mit seiner Clique regelmäßig in den Hyde Park, fühlte sich wohl in seiner Wohngemeinschaft.
Große und kleine Partner
„Aber dann hat es sich mit den Jahren etwas ausgedünnt.“ Seine Freunde heirateten, gründeten Familien. „Zwischen Arbeit, Kindern und Tischtennisverein blieb nicht mehr viel Zeit für mich“, sagt Horst Stengritt. Er sagt es ganz ohne Vorwurf. Das sei nun mal eine natürliche Entwicklung, nur – wieso fand diese Entwicklung in seinem Leben nicht statt?
„In jungen Jahren habe ich gemerkt, dass ich für Frauen immer nur der gute Freund war.“ Dann hieß es: Du bist nicht mein Typ, ich stehe auf Dunkelhaarige. Und Horst Stengritt wusste genau: Unsinn. Er war einfach zu klein. „Was steht denn in Kontaktanzeigen? Frauen wollen große und kräftig gebaute Männer. Männer, zu denen sie hinaufschauen können.“ Und welche Frau ist groß genug, um zu Horst Stengritt hinaufzuschauen?
Mit Mitte 30 durchstöberte der Osnabrücker schließlich das Internet und landete dabei auf der Seite des Bundesverbands kleinwüchsiger Menschen. „Ich wünschte, ich wäre schon viel früher dort Mitglied geworden“, sagt er heute. „Unser Verein ist zwar keine Partnerschaftsbörse“, betont der Bundesvorsitzende. Dennoch biete er eine gute Möglichkeit, Menschen mit ähnlichen Problemen und Bedürfnissen kennenzulernen.
„Körpergröße allein kann jedoch kein Kriterium für eine Beziehung sein.“ Und so war Horst Stengritts letzte Partnerin auch eine normal gewachsene Frau. Dennoch: „Menschen mit vergleichbaren Erfahrungen können vieles besser verstehen, und es ist einfach herrlich, Hand in Hand zu flanieren und sich auch stehend jederzeit in die Augen schauen zu können. Statistisch betrachtet, würde ich sagen, dass die Mehrzahl unserer etwa 350 Mitglieder kleinwüchsige Partner hat.“Und wie alle Paar formt sich auch bei ihnen im Laufe der Beziehung ein Kinderwunsch. „Viele im Verein haben sich dazu entschieden, kleinwüchsige Kinder zu adoptieren“, weiß Horst Stengritt. Andere bekommen auf natürlichem Weg Babys – die je nach Vererbbarkeit der Anlage ihrer Eltern („Bei mir läge die Wahrscheinlichkeit bei 50 Prozent“) als Normalgewachsene zur Welt kommen, und dann „ihren Eltern sprichwörtlich über den Kopf wachsen.“
Zu lange Ärmel
Horst Stengritt zündet sich eine Zigarette an. Es dämmert bereits, als er auf Birgitt zu sprechen kommt. Birgitt, eine kleinwüchsige Freundin aus Osnabrück, der er sehr dankbar ist. Dankbar dafür, dass sie so gut mit Nadel und Faden umgehen kann. „Kleidung ist für uns ein großes Thema.“ Manchmal finde er in Kaufhäusern in der Jugendabteilung etwas Passendes. „Etwas ohne Skater- oder Micky-Maus-Aufdruck.“ Und Hemden könne man in einer Änderungsschneiderei kürzen lassen. Mit Strickpullovern wird es schon schwieriger. „Und Schuhe erst.“
Horst Stengritt hat Schuhgröße 35. Kinderschuhe passen ihm nicht. „Dafür sind meine Füße zu breit.“ Eine Offenbarung war es, als er nach einigem Hin und Her schließlich vom Arzt orthopädische Schuhe verschrieben bekam. „Ich war beim Schuhmacher, und der hat mir drei Kataloge auf den Tisch gelegt. Ich habe darin rumgeblättert und gefragt: Welche davon gibt es denn in meiner Größe. Und er: Alle. Ich dachte, der spinnt“, sagt der 48-Jährige und lacht. Auf seine weißen Turnschuhe mit den drei markanten Streifen gibt er seither gut Acht. „Wenn ich morgens aufwache, dann denke ich jetzt: Was ziehe ich denn heute an. Und nicht mehr: Was passt. Styling ist einfach ein wichtiges Stück Lebensqualität.“
Darüber redet man nicht
Als kleiner Mensch sein Leben qualitativ zu gestalten – das kann man lernen. Aber dafür braucht man manchmal auch Hilfe.
Auf ihren Bundestreffen erläutern zum Beispiel Kassenvertreter, wie man Anträge ausfüllt und komplizierte juristische Aspekte entflechtet. Fachärzte referieren über Schmerztherapien, und dann gibt es noch die Themen, über die man eigentlich nicht redet und es dann doch tut. Im Zwiegespräch mit einem Gleichgesinnten. Eines dieser Tabu-Themen: Hygiene.
Gerade Menschen, die an Achondroplasie leiden und verkürzte Arme haben, bekommen hier Schwierigkeiten. Aber Gespräche über Duschklos sind nichts für die große Runde.
Auch Horst Stengritt mag kleine Runden – zum Beispiel seinen Stammtisch im Rampendahl. Jeden zweiten Dienstag im Monat trifft er sich hier mit zwei anderen Kleinwüchsigen. Über weitere Gleichgesinnte würde man sich freuen.
Da komm ich nicht dran
Horst Stengritt führt kurz durch seine Wohnung. Wieder benutzt er dieses Wort: Kompromisshöhe. Der Spiegel im Bad, der schräg gekippt ist, die Garderobe im Flur, die Höhe des Couchtisches. In seiner Wohnung im Lieneschweg hat sich Horst Stengritt so eingerichtet, dass sich sowohl kleinwüchsige als auch normal gewachsene Besucher wohlfühlen. Aber jenseits seiner Wohnung gibt es oft keine Kompromisshöhen. Da hängt der Parkautomat zu hoch und ist der Einkaufswagen im Supermarkt zu tief. „Ich kann da zwar was reinwerfen, an der Kasse allerdings nicht wieder herausfischen.“ Manchmal nervt es. Manchmal macht es schlechte Laune. „Aber andere können bei schlechter Laune in der Fußgängerzone auch einfach mal in der Masse untertauchen. Ich falle immer auf“, sagt Horst Stengritt. Dabei ist aufzufallen nicht immer schlimm. Wenn ihn zum Beispiel ein Kind neugierig anguckt, dann findet der Osnabrücker das in Ordnung. „Es interessiert sich einfach dafür, warum ich so klein bin. Das ist doch ganz normal. Das sollte man nicht tabuisieren.“
Ein besonderer Abend
Manchmal nervt aber auch gar nichts. Manchmal stimmt einfach alles. Zum Beispiel am letzten Abend jedes Bundestreffens. Dann ist Gala-Abend. Für seinen ersten Gala-Abend hatte sich Horst Stengritt extra einen Anzug schneidern lassen. „360 D-Mark hat der gekostet und noch mal 380 D-Mark für einen Mantel, eine Investition fürs Leben.“ Seine Augen leuchten. „Dann habe ich zum ersten Mal diesen Mantel angezogen, und plötzlich war ich ein erwachsener Mann.“ Ein Mantel. Keine Jeansjacke mit umgekrempelten Ärmeln, keine Kompromisse, sondern ein maßgeschneiderter Mantel. „Der Gala-Abend ist eine einzigartige Veranstaltung: 100 Menschen auf gleicher Größe, eine Band spielt Musik, es wird getanzt, und es gibt ein Buffet auf einer für uns gut zu erreichenden Höhe. Ich muss zu niemandem hinaufschauen, sondern kann allen Gästen direkt in die Augen sehen.“ Er sucht nach Worten, um einem Normalgewachsenen deutlich zu machen, was das für einen Kleinwüchsigen bedeutet, aber es gibt keine.
Irgendwann endet aber jeder Gala-Abend. Dann zieht Horst Stengritt seinen Mantel aus, packt seine Koffer und kehrt zurück in seinen Alltag in Osnabrück. Zurück in ein Leben, in dem er im Supermarkt andere Kunden bitten muss, ihm das Toastbrot aus dem Regal zu holen. Aber er kommt damit klar. Horst Stengritt ist groß.
Wer Kontakt mit Horst Stengritt aufnehmen möchte, kann dies gerne per E-Mail tun: Horst.Stengritt@kleinwuchs.de
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