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„Plötzlich war das Volk auf der Straße“
jweb Osnabrück. Wenn Friedrich Schorlemmer den Sieg der friedlichen Demonstranten über die DDR beschreibt, klingt es, als wäre alles eben erst geschehen. Schließlich war er, der evangelische Theologe, als Bürgerrechtler damals mittendrin. Am Sonntag trug er sich in das goldene Buch der Stadt ein und hielt als Redner der Osnabrücker Friedensgespräche einen Vortrag zum 20. Jahrestag der deutschen Einheit.
Die Geschichte der friedlichen Revolution von 1989 beginnt für Friedrich Schorlemmer mit der Friedensbewegung etwa sechs Jahre davor. Damals hatte er während des Kirchentages auf dem Lutherhof in Wittenberg ein Schwert zu einer Pflugschar umschmieden lassen. Doch das SED-Regime hatte vorher alleine schon die mündliche Aufforderung „Schwerter zu Pflugscharen“ für illegal erklärt.
„So ein blödes System.“ Wenn Friedrich Schorlemmer über die DDR spricht, dann mit spitzer Zunge. Das damalige SED-Regime litt für ihn unter einer „Wirklichkeitsallergie“. Die DDR sieht er als „politisches Schmierenstück“. Und deren Protagonisten so: „Hinterher waren sie Witzfiguren – weshalb hatten wir eigentlich Angst?“
Doch die war wohl begründet. Und auch die Demonstrationen hätten furchtbar ausgehen können. „Wer am 9. Oktober 1989 nach Leipzig ging, um zu demonstrieren, musste damit rechnen, nicht wieder zurückzukommen.“ Niemand habe geahnt, dass 70000 Menschen kommen würden – und das Regime nichts unternehmen würde. „Wäre das schon vorher bekannt gewesen, wären 700000 gekommen.“ In der Tat demonstrierten Wochen später eine halbe Million Menschen. „Es waren nicht die minutiös überwachten Staatsfeinde, sondern die Massen – plötzlich war das Volk auf der Straße.“
Der Aufbruch war gleichzeitig gefährlich. Friedrich Schorlemmer beschreibt es so: „Wir sind 1989 nur knapp an einer Katastrophe vorbeigekommen. Dass wir hier sitzen – wie wunderbar. Wir hatten ein Wahnsinnsglück“. Denn: „Ein einziger Schuss hätte die Welt verändert.“ Und schließlich war Kalter Krieg zwischen West und Ost: „In Deutschland standen sich Soldaten gegenüber.“
Friedrich Schorlemmer ist überzeugt: „Man wird noch lange darüber streiten, wie es wirklich zu all dem kam.“ Doch klar ist für ihn: Am Gelingen der friedlichen Revolution hatten die Kirchen in der DDR einen bedeutenden Anteil. Dankbar ist er dem damaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher, denn: „Er hatte das Konzept der Entspannung fortgesetzt.“
Und dann kam es zur Einheit. „Ihr musstet uns alle nehmen – das war hart. Und ihr übernahmt Euch auch ein bisschen.“ Zum Beispiel mit der frühen Annahme von „blühenden Landschaften“. Doch die Formulierung von Helmut Kohl findet Friedrich Schorlemmer nicht völlig verfehlt: Städte wurden vor dem Verfall gerettet und übel mitgespielte Landschaften renaturiert.
Den Nichtwählern wünscht Friedrich Schorlemmer die DDR zurück. Doch die Zukunft gehört nach seiner Überzeugung „weder Marxismus noch Marktismus“.
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04.04.2012
