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„Die Grenze bestimmt immer der, der sich nicht wohlfühlt“
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Quelle: bü/Lingener Tagespost 14. September 2010 13:29 Uhr

Teilnehmer einer Gruppenleiter-Fortbildung in Sögel diskutieren über den Umgang mit sexueller Gewalt gegen Kinder

„Die Grenze bestimmt immer der, der sich nicht wohlfühlt“

Sögel. Wie verhalte ich mich als Gruppenleiter, wenn ich erfahre oder vermute, dass ein Kind sexuelle Gewalt durch Erwachsene erfährt? Antworten auf diese Frage haben die rund 60 Teilnehmer einer bistumsweiten Fortbildung in der Sögeler Jugendbildungsstätte Marstall Clemenswerth gesucht.

 
Die rote Karte zeigten die Teilnehmer einer bistumsweiten Fortbildung sexueller Gewalt an Kindern. Foto: Otto Büning  Vergrößern

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Gerade Gruppenleiter sind für Kinder und Jugendliche oft Ansprechpartner außerhalb der Familien, denen sie sich im Falle von erlebter sexueller Gewalt durchaus anvertrauen würden, erklärten Volker Stickamp und Andrina Kuhnhen. Beide sind Mitarbeiter der Beratungsstelle Logo des deutschen Kinderschutzbundes in Lingen, die sich mit sexueller Gewalt an Kindern befasst.

Oft lieferten Kinder zunächst „Bruchstücke“ ab, um zu testen, wie die Bezugsperson mit dem heiklen Thema umgehe. Stickamp: „Wenn sie jedoch merken, dass beim Erwachsenen Ablehnung oder Panik ausbricht, vertrauen sie sich nicht an.“ Wichtig sei daher vor allem eine Offenheit des Betreuers. „Eine Gesprächssituation muss so normal wie möglich sein, damit Kinder sich trauen zu erzählen, wenn es ihnen nicht gut geht.“

Einen weiteren wichtigen Schlüssel bilde die Sprache: „Wenn ich als Erwachsener sexuelle Gewalt begrifflich benennen kann, bin ich angstfrei und gehe sicherer mit der Thematik um.“ Die betroffenen Kinder würden dann nicht abgeschreckt und fühlten sich ernst genommen und aufgehoben. So biete Logo Informationsveranstaltungen mit Kindern wie auch mit Eltern und Lehrern an, um ihnen Definitionen und eine Sprache zu geben.

Bei einem Verdacht solle ein Betreuer zunächst versuchen zu ergründen, was die Absicht einer vermeintlichen Handlung sein könnte, von wem sie ausgehe, wem sie nütze und ob es für das Kind die Möglichkeit der Ablehnung gebe. Er solle sich fragen, welche Gefühle angesichts der Vermutung bei ihm entstünden und welches Hintergrundwissen er für eine Einschätzung benötige.

Volker Stickamp riet den Gruppenleitern, bei einem konkreten Verdacht der sexuellen Gewalt an Kindern zunächst alle Indizien zu sammeln sowie eine Vertrauensperson für weitere Beratungen hinzuzuziehen. Das eigene Gefühl stelle sowohl für den Betreuer als auch für das Kind die wichtigste Grundkomponente dar, wenn es um sexuelle Gewalt gehe. „Die Kinder müssen lernen, sich zu äußern, wenn sie etwas erleben, das sich für sie unangenehm oder komisch anfühlt“, so Stickamp. Zudem müsse es, zum Beispiel auch bei einem geforderten Kuss bei der Lagerhochzeit im Zeltlager, immer die Möglichkeit geben, „Nein“ zu sagen. Stickamp: „Die Grenze bestimmt immer der, der sich nicht wohlfühlt!“

In Deutschland komme es zu rund 14000 Anzeigen pro Jahr wegen sexueller Gewalt gegen Kinder, die Dunkelziffer liege mit bis zu 100000 Fällen jedoch deutlich höher. Anhaltspunkte könnten beispielsweise gravierende Verhaltensänderungen sein. Eine Bewältigung sei jedoch durch Schutz durch Erwachsene, das Ernstnehmen der Anliegen sowie Beratung und Therapie möglich. Die Täter kämen in bis zu 95 Prozent der Fälle aus dem sozialen Umfeld. Und dabei sei festzuhalten, so Kuhnhen: „Es gibt keinen Missbrauch aus Versehen.“ Der Täter baue systematisch ein Beziehungsgeflecht auf, das das Opfer in emotionale und psychische Abhängigkeit bringt.

Aufgrund der sehr starken Nachfrage von über 120 Anmeldungen soll die Fortbildung im Dezember wiederholt werden.

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