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Tippspiel
Der einzige Überlebende
Westerkappeln. „Hast du gehört“, sagt Eric Evans und dreht sich zu seinem längst erwachsenen Enkelsohn um, „heute ist der Tag des offiziellen Kriegsendes.“ Evans ist 87 Jahre alt, er hat den Zweiten Weltkrieg miterlebt – hautnah sogar, denn als englischer Soldat gehörte er zu der Crew eines der Bomber, die in der Nacht zum 7. November 1944 über dem Tecklenburger Land abgeschossen wurden. Am vergangenen Donnerstag, dem 2. September, also dem Tag, an dem sich Japans offizielle Kapitulation zum 65. Mal jährte, besuchte Evans Westerkappeln.
Der Termin des Besuchs war eher zufällig, doch die kleine englische Delegation, bestehend aus Evans, zwei seiner Enkelsöhne und seinem Schwiegersohn, ist derzeit aus einem bestimmten Grund in Deutschland. Evans möchte die Absturzstelle seines Bombers sehen. An dem Abend im November 1944 sah er sie nicht, denn er hatte sich vorher mit einem Fallschirm retten können – sein Glück, denn die übrigen sechs Insassen starben in dieser Nacht.
Was damals genau geschah, in einer Nacht, die noch heute vielen älteren Westerkappelnern im Gedächtnis ist, darüber brachte der Donnerstag ganz neue Einblicke. So stellte sich heraus, dass insgesamt vier englische Bomber in dieser Nacht vom Himmel geholt wurden – alle von ein und derselben deutschen Jagdmaschine, so sagen es die britischen Unterlagen.
Unter anderen nahmen Brigitte Jahnke (Heimatverein Leeden) und Olinde Freese (Heimatverein Westerkappeln) sowie Hans Görtemöller und Günter Helmig den Besuch aus England in Velpe in Empfang. Helmig, ein Augenzeuge der Geschehnisse vom 7. November, erinnert sich noch gut an die damalige Nacht: „Ich sehe die abstürzende Maschine noch vor mir. Sie brannte und flog ganz tief. Auf unserem Hof fand ich später ein Stück der Flugzeug-Verkleidung.“
Kein Wunder, dass nach solchen Geschehnissen am Donnerstag beide Seiten gespannt aufeinander zugingen – und nicht enttäuscht wurden. Evans, ein waschechter Liverpooler, erwies sich für die hiesigen Hobbyforscher als Quell nahezu nicht versiegender Informationen. Im Gegenzug bekam der 87-Jährige eine Vielzahl von Augenzeugenberichten und eben die Absturzstelle am Hof Teepe präsentiert.
Allerdings – in Velpe landete, wie schließlich aus den gesammelten Unterlagen hervorging, nicht die Maschine, in der Evans saß. In jenem Bomber, auch aus seinem Geschwader, überlebte keiner. Die Namen der englischen Besatzung sind mittlerweile bekannt. Enttäuscht, noch nicht am Ziel zu sein, zeigte sich Evans nicht, zumal eine weitere Geschichte von ihm, den wohl endgültig entscheidenden Hinweis brachte. Es war die Geschichte seiner nächtlichen Odyssee durch das feindliche Deutschland.
Bei Gaste war er mit seinem Fallschirm gelandet. Im Schlamm verlor er seine Stiefel. Auf Socken sei er durch die Nacht geirrt, erst Richtung Norden, schließlich habe er sich umentschieden und sei Richtung Tecklenburg marschiert, rekonstruierte Evans. Ein Entkommen war unmöglich, der 21-Jährige wollte sich stellen. Letztlich geriet er an den Tecklenburger Dorfpolizisten, „einen Mann namens Oster“, wie Brigitte Jahnke zu berichten wusste. Der nahm den Engländer gefangen. Doch der erste Weg führte die beiden nicht zum Gefängnis. „Wir sind zu einem Pub gegangenen und haben ein Bier getrunken“, schmunzelte Evans in seinem Liverpooler Akzent. Es war die Gaststätte Kemken. Menschlichkeit in einer grausamen Zeit.
Dennoch landete Evans in deutschen Gefangenenlagern, erst in Frankfurt, schließlich in Luckenwalde bei Berlin. Auch aus dieser Zeit hat der spätere Ingenieur überraschende Unterlagen. Ein Bild des deutschen Jagdpiloten, der ihn und seine Kameraden abschoss.
„Er war später Arzt“, sagt Evans fast begeistert und gänzlich ohne Groll. Außerdem befindet sich ein signiertes Bild von Max Schmeling neben den Bildern aus dem Kriegsgefangenenlager. „Er war ein kleiner Mann, nicht größer als ich, aber breit, so breit“, lacht Evans und deutet das Kreuz des ehemaligen Boxers an. Schmeling besuchte das Lager damals.
Als in Luckenwalde die Rote Armee die Kontrolle übernahm, hatte Evans nur einen Gedanken: „Ich wollte nicht in russische Gefangenschaft geraten.“ Ohne Papiere gelang es ihm zu fliehen und sich bis an die Linie der Amerikaner durchzuschlagen. Ob das nicht sehr schwer gewesen sei, will jemand wissen, als die Gruppe schon wieder in der Gaststätte Görtemöller sitzt, schließlich muss es doch sehr schwierig gewesen sein, den Russen zu entkommen. Evans lächelt kurz: „Es waren schwierige Zeiten.“ Über Details redet der ehemalige Maschinengewehrschütze nicht gerne: „Viele Erinnerungen, aber keine schönen“, sagt er.
Für die genaue Absturzstelle seines Bombers ist seine Geschichte aus der Nacht des Abschusses jedoch entscheidend. „Ich habe diese Geschichte von dem Dorfpolizisten und dem Kriegsgefangenen schon einmal gehört“, sagt Jahnke. Da jedoch solle es sich um ein Flugzeug gehandelt haben, das in Leeden abgestürzt war.
Dort will Evans weitersuchen. Zuvor verbrachte er bei Görtemöllers, in einem „deutschen Pub“, ein paar nette Stunden. Wieder bei einem Bier, wieder in Deutschland – diesmal als Gast und nicht als Gefangener.
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