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„Haben Sie noch eine Pumpe für uns?“
Osnabrück. Ein Schlafzimmer mit Blick auf die Düte – das hatte sich Gerd Grafe sicherlich idyllischer vorgestellt, als er vor einem halben Jahr seine Wohnung an der Lengericher Landstraße bezog. Wie viele Helleraner war gestern für ihn und seine Helfer Wasserschippen angesagt – mit bangem Blick nach draußen, ob der Wasserstand der Düte nicht noch weiter ansteigt.
Am frühen Nachmittag schien sich die Lage allerdings entspannt zu haben.
Nur einige Zentimeter unter dem Zimmerfenster eilten die Fluten des sonst so beschaulichen Flusses vorbei. Grafes Wohnung liegt nur einige Meter von dem Flusslauf entfernt. Gestern hatte er Glück im Unglück, dass die Düte nicht direkt durch seine Wohnung strömte. Am schlimmsten hatte es bei ihm das Badezimmer getroffen, wo eine Tauchpumpe unablässig Wasser durch einen Schlauch ins Freie pumpte. Trotzdem hatte Grafe gestern Mittag seine gute Laune nicht verloren. „Es bringt ja nichts“, sagte er und schaute dem Wasserstrahl hinterher, der aus einem Ablaufschacht direkt durch das Küchenfenster auf die Straße floss.
Ob Galgenhumor oder optimistische Grundhaltung – auch im südlichen Bereich der Großen Schulstraße war bei vielen Anwohnern die Stimmung gut. Obwohl sie in Hellern am schwersten von dem Unwetter und den Folgen betroffen waren, ebenso wie Bewohner der Straßen „Im Wiggert“ und der „Goldbreede“. „Wir sind ja nicht in Pakistan. Es ist zwar schlimm, aber es sind ja nur Sachschäden“, sagte ein Mann, der mit seinem Hund Paula auf der überschwemmten Straße Apportieren übt. Hündin Paula hatte sichtlichen Spaß, als sie mit vollem Tempo durch das Wasser flitzte. Bis zu 40 Zentimeter stand das Wasser auf der Straße. Eine Autofahrerin hatte sich und ihrem VW Polo zu viel zugetraut, als sie die Warnungen der Feuerwehr missachtete und versuchte, durch die überflutete Lengericher Landstraße stadteinwärts zu gelangen. Der Versuch endete mit einem vollgelaufenen Pkw. Stadtbusse mussten über die Kleine Schulstraße umgeleitet werden. Zur Sicherheit wurde der Strom im ganzen Viertel abgestellt. Daraufhin schloss der Supermarkt.
Trotzdem waren auch die Bewohner des Hauses 20 guter Dinge und verfolgten das Treiben vom Balkon aus. „Wir könnten jetzt eigentlich grillen, aber der Grill ist im Keller“, lachte eine Bewohnerin. Und im Keller stand das Wasser gestern zur Mittagszeit mehr als 1,5 Meter hoch. In der Nacht hatten die Hausbewohner bis um 3.15 Uhr mit Eimern Wasser aus dem Keller geschleppt. Sie gingen ins Bett, in dem Glauben, das Schlimmste geschafft zu haben. Weit gefehlt, denn die große Welle kam erst einige Stunden später aus.
Davon wurden viele Anwohner der Großen Schulstraße überrascht. „Haben Sie noch eine Pumpe für uns?“ – Diese Frage hörten die Einsatzkräfte gestern unzählige Male. Doch die Helfer konnten nicht überall sofort das Wasser aus den Kellern pumpen. Die Anwohner versuchten, mit Sandsäcken das Eindringen der Wassermassen zu verhindern. So musste Werner Störbrock den Kellereingang des Hauses Nr. 22 provisorisch mit einem Brett absichern – viel half das nicht. „Man fühlt sich so hilflos“, sagt eine Anwohnerin, der die Strapazen der vergangenen Stunden und der erlebte Schrecken in den Augen steht. Seit 50 Jahren lebt sie mit ihrem Mann an der Großen Schulstraße. „So etwas haben wir noch nie erlebt“, betonte sie. In den nächsten Tagen wollte das Paar in den Urlaub fahren. Ausgerechnet nach Görlitz, wo vor einigen Tagen die Neiße über die Ufer getreten war. Die Ferientage fallen nun voll ins Wasser.
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