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Gefangen in der Angst
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Autor: Carola Alge 20. August 2010 12:50 Uhr  Mehr Artikel von dieser Autorin

Therapeutin hilft Hunden und Menschen

Gefangen in der Angst

Haselünne. Wie ein Reh hüpft „Sina“ leichtfüßig durch den Rasen, dreht sich vor lauter Freude am eigenen Toben. Ständig wackelt die Rute des Zwergrehpinschers, der sein Hundeleben in vollen Zügen genießt.

 
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Aus Angst nahm die Familie„Sina“ ständig auf den Arm. Der Hund entwickelte dadurch selbst Angst. Klaudia Holt (rechts) erklärt Frauchen, was alles falsch gemacht wurde. Fotos: Carola Alge Die Leine von Sammy soll locker bleiben.

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Unvorstellbar, dass dieses lustige, nicht einmal vier Kilo schwere etwas von Hund vor fünf Monaten vor allem und jedem Angst hatte. Die jetzt eineinhalbjährige Hündin war regelrecht gefangen in ihrer Angst. Einer Angst, entstanden durch Angst ihrer Menschen-Familie. Wo immer ihre Zweibeiner die kleinste Bedrohung für ihren Hund sahen, haben sie ihn auf den Arm genommen. „Wir haben Sina regelrecht verpimpelt und ihr damit die Entfaltung genommen. Unsere Familie war ein einziger Angsthase“, sagt Frauchen Brigitte Berg heute.

Der Weg zu dieser Einsicht führte über die Hundeverhaltensberaterin Klaudia Holt. Auf dem weitläufigen Anwesen nahe bei Flechum hat sie nicht nur einen tollen Platz für ihre Hundeschulteilnehmer, sondern auch einen großen Raum, in dem sie Mensch erklärt, wie Hund „tickt“. Das berühmte Ledersofa, das man allgemein mit einem Psychologen gerne in Verbindung bringt, gibt es dort nicht. Dafür schwarze Sessel um einen Tisch, von dem aus der Blick unweigerlich auf eine Flipchart fällt. Aufgeschlagen daran ist gerade eine Seite, auf der eine trichterförmige Darstellung auffällt. „Stimmungsübertragung“ steht darüber in roten Lettern. „Ich erkläre den Leuten daran einleitend immer, welche Einflüsse das ungewünschte Verhalten des Hundes hervorgerufen haben können“, sagt Holt.

In 80 bis 90 Prozent der Fälle liege der Fehler beim Besitzer, ist die Erfahrung der 37-Jährigen, die selbst eine Hovawarth-Hündin hat. Folglich setzt die Therapie beim Halter an, wenn nach einem ausführlichen Anamnesegespräch und gegebenenfalls tierärztlicher Abklärung, dass nicht Schmerzen oder ein Schilddrüsendefekt die Verhaltensveränderung begründet haben, andere Ursachen ausgeschlossen wurden. Ganz wichtig für Holt: die Kommunikation von Mensch und Hund zu verbessern. Dabei setzt sie nicht auf Druck und Härte, sondern auf „liebevolle Konsequenz und eine klare Körpersprache“. Und eindeutige Signale. Wie notwendig die sind, wird an „Sammy“ deutlich. Als Frauchen die Tür öffnet, zieht der Labrador-Münsterländer-Mischling stramm an der Leine, marschiert vorne-weg. „Da hättest du schon einwirken müssen mit einem klaren ‚Nein‘“, wird die Besitzerin angewiesen. Der eindreiviertel Jahre junge temperamentvolle Rüde kommt seit Kurzem in die „Praxis“ in Holthausen 2. Er soll die Leinenführigkeit, aber auch „Sitz“, „Platz“ und Rückruf lernen.

Auf dem Platz draußen üben die beiden Frauen fast eine Stunde lang „Sammys“ Gehen an der Leine. Dem will er sich vor allem immer dann entziehen, wenn er dort etwas Neues entdeckt – nach dem Motto: Nur Spielen und Schnüffeln wäre doch viel schöner. „Geh in die andere Richtung. Leine locker lassen. Ja, prima, jetzt lob ihn!“, ruft Holt über den Platz.

Der Rüde hat für einen Moment verstanden, was sein Mensch will. Im nächsten hat er es wieder vergessen. Er will ziehen und Frauchen dagegen. Dessen Arme werden unruhig, die Schultern sind nicht mehr gerade, ein unbewusster Ruck deutet sich an. „Bitte nicht so“, weist sie die Verhaltensberaterin auf einen Fehler hin. Richtungswechsel, Zickzack-Gehen möchte sie stattdessen sehen, dazu klare Signale hören.

1000- bis 3000-mal müsse ein Hund ein Signal hören, dann erst beherrsche er es überall. Ein weiter Weg noch für „Sammy“ und seine Familie. „Sina“ und Frauchen sind da viel weiter, besuchen mittlerweile die Hundegruppe. In der fühlt sich die Hündin absolut wohl. Furcht kennt sie nicht mehr. Aus dem die Rute klemmenden Bündel ist ein selbstbewusster kleiner Hund geworden. Mit dem Abbau der Angst ihrer Menschen ist ihr Freiraum gewachsen. Und die Lebensfreude.

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