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Im Club der Cotton-Dichter: Osnabrücker schreibt für die weltweit erfolgreichste Groschenromanserie
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Im Club der Cotton-Dichter: Osnabrücker schreibt für die weltweit erfolgreichste Groschenromanserie

„Mick Reed fühlte sich unbesiegbar. Der Zwanzigjährige hatte seit 72 Stunden nicht geschlafen. Aber er war topfit, als er an der East 14th Street das Apartment von Julia Montez verließ. Die Puerto Ricanerin mit dem Schlafzimmerblick hatte seine Manneskraft in höchsten Tönen gelobt. Völlig zu Recht, wie Mick Reed fand.“ Martin Barkawitz kennt die ersten Zeilen des aktuellen Jerry-Cotton-Romans „Die Amok-Droge“ auswendig. Der Osnabrücker ist der Autor von Band 2751 der weltweit erfolgreichsten Krimiserie.

 
Der Stift ist seine Tatwaffe: Der Osnabrücker Martin Barkawitz (48) zählt zu den Autoren der Romanserie „Jerry Cotton“. Gerade erschien sein Band „Die Amok-Droge“.  Vergrößern

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Seit 1954 erscheinen ununterbrochen jede Woche die Abenteuer des cool-smarten FBI-Agenten und seines Assistenten Phil Decker als schmucklose, aber Millionen Leser fesselnde Groschenheftchen. Dafür sorgten und sorgen Dutzende Autoren, die allerdings namentlich nie erwähnt werden. Barkawitz zählt zu den „jungen Wilden“ im Club der Cotton-Dichter.

„Der einst kreierte Werbeslogan ‚Nichts ist spannender’ gilt auch heute noch für diese Romane“, sagt Barkawitz aus voller Überzeugung. „Jerry Cotton kann sich trotz Kino, Fernsehen und Computerspielen noch auf dem Markt behaupten, weil wir einen hohen Qualitätsanspruch verfolgen.“ Das Erfolgsrezept sei gleichzeitig das oberste Gebot des strengen Lektorats: Authentizität, keine Langeweile und keine Gewaltverherrlichung.

„Jerry Cotton hat nicht wie James Bond die Lizenz zum Töten, er ist nicht zynisch und verkörpert stattdessen eine moderne Form der Ritterlichkeit“, betont Barkawitz. „Also eine sehr positive Identifikationsfigur.“ Neuerdings habe man ihm sogar das Kettenrauchen und das heftige Scotch-Trinken abgewöhnt. An drei wichtigen Merkmalen komme aber kein Autor vorbei: Der rote Jaguar E (neuerdings mit Viper-Motor), die markante Waffe (früher Smith & Wesson 38 Special, heute eine SigSauer P226) und sein notorisches Frauenproblem. Barkawitz: „Verliebt sich Cotton wirklich mal über beide Ohren, stirbt die Herzdame bald darauf.“

Der 48-Jährige weiß so ziemlich alles über seinen Helden. Mit zwölf beginnt er bereits, die ersten Cotton-Romane zu verschlingen. Später, als Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung und Student an der Uni Osnabrück, schreibt er seine Magisterarbeit über den Trivialliteratur-Horror von „John Sinclair“. Danach wird er von den Scouts des Bastei-Lübbe-Verlags zum ersten FBI-Fall überredet. 1997 erscheint sein Debüt unter dem knalligen Titel „Kugeln für die Country-Queen“ (Band 2098).

Über 100 Heftromane geschrieben

Bis heute hat Barkawitz weit über hundert Heftromane verfasst, unter anderem auch für „Professor Zamorra“, „Heimatglocken“ und die Westernserie „Jack Slade“. „Ich schaffe im Schnitt zwei Storys pro Monat“, meint der Schriftsteller. Es gebe zwar auch Autoren, die zügiger sind, aber „gut Ding will Weile haben“. Den Schnellschuss-Rekord hält Horst Friedrichs, der 1974 wegen eines Planungsausfalls in nur drei Tagen den in Louisiana angesiedelten Band „Er lockte mich in die Fieberhölle“ herunterhackte.

Erfinder und Urautor von Jerry Cotton ist Delfried Kaufmann, der in den Fünfzigerjahren auf seiner alten Schreibmaschine auf dem Küchentisch Heftromane schrieb, um sein Gehalt als Mitarbeiter des Waschmittelkonzerns Henkel aufzubessern. Zwei Jahre lang erschien der fiktive FBI-Agent, der seine Abenteuer bis heute in der Ich-Perspektive erzählt, im Rahmen der Bastei-Kriminalromane, bis Verleger Gustav Lübbe 1956 den taffen Ermittler der Bundesbehörde als eigene Serie auf den Markt brachte. Lübbe war zuvor Feuilletonredakteur der „Neuen Tagespost“ in Osnabrück und landete erst mit Jerry Cotton den großen Erfolg seines in Bergisch-Gladbach erworbenen Bastei-Verlages.

Kaum zu glauben, aber wahr: So wie Kaufmann seinerzeit nie in New York – Cottons Heimat – war, hat auch Martin Barkawitz den Big Apple nie besucht. „Trotzdem ist alles, was ich beschreibe, echt und authentisch“, sagt er.

„Ich lese täglich die New York Post und gehe mithilfe von Google Street View in Manhattan spazieren.“ Er könne sich außerdem keine Fehler leisten. „Es gibt genug Leser, die bis ins letzte Detail alles nachprüfen.“

Länge für Roman ist vorgeschrieben

Und wie geht er an einen neuen Fall heran? Zuerst müsse die Grundidee eines Romans mit dem Lektor abgesprochen werden, um Dubletten zu verhindern. „Zweimal nacheinander sollte Cotton nicht mit kolumbianischen Drogenbossen zu tun haben.“ Erhält der Autor grünes Licht, wird ihm eine Frist gesetzt. „Die Länge ist vorgegeben“, so Barkawitz. „ Jedes Heft hat 64 Seiten.“ Daneben gebe es noch die dickeren Taschenbücher.

So wie andere ins Büro gehen, setzt sich der Osnabrücker (www.barkawitz.de.vu) auch von neun bis fünf an den Computer. „Wer viel schreibt, kann davon leben“, sagt Barkawitz. Sein Lächeln deutet an, dass ihm der Job Spaß macht. Er brauche nun einen Drink. Das passt zum Romanende:

„Für heute haben wir jedenfalls genug getan“, stellte Phil fest. „Wie wäre es mit einem Besuch im Mezzogiorno?“ „Klingt nicht schlecht. Wollen wir Sarah Hunter mitnehmen?“ „Das hört sich noch besser an, Jerry. Und dann fragen wir sie, wer von uns ihren verstauchten Knöchel massieren darf.“ Wir lachten und löschten das Licht im Verhörraum.


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