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Tippspiel
Zufrieden im Frauenverein
Eigentlich hat Alina Eversmeyer kein Problem damit, wenn jemand offen seine Meinung sagt. Aber als sie in der Zeitung von der Forderung einiger Politiker las, Kinder sollten nur bei Mann und Frau als Eltern aufwachsen, wurde es ihr zu viel: Die 14-Jährige schrieb einen Leserbrief an die Neue OZ. „Die haben doch alle keine Ahnung“, findet sie.
Auch für Claudia war die Situation neu – eine Partnerin mit Kind hatte sie bis dahin noch nicht gehabt, und die Grundfrage lautete: Sollte man sich zum Schutz des Kindes besser verstecken? Ute entschied sich für die Offensive: „Mit einem Kind lebt man eh immer öffentlich.“ Heute engagiert sie sich in der Elternvertretung der Agnes-Miegel-Realschule und versteht sich gut mit der Voxtruper Nachbarschaft. Dumme Sprüche? Fehlanzeige. „Wer uns doof findet, lässt es uns zumindest nicht merken“, sagt Claudia.
Ihr erstes großes „Outing“ fand auf einem Kindergartenfest statt. In einer Vorstellrunde mussten alle Eltern ein paar Worte zu ihrer Person sagen. Also auch Ute und Claudia. Eine etwas unangenehme Situation. Doch gerade kleine Kinder sähen gleichgeschlechtliche Beziehung als völlig normal an. „Ein Kind hat zum Beispiel auf uns gezeigt und seinen Eltern erklärt: ‚Guck mal, das sind die Eltern von der Alina.‘“, erzählt Claudia.
Nur vor der Pubertät hatten die beiden Frauen dann doch Sorge. Wie würden Alinas Mitschüler damit umgehen, dass ihre Mutter lesbisch ist? „Die finden das eigentlich ziemlich cool“, sagt die 14-Jährige grinsend. „Nur am Tag der offenen Tür oder so sollten die beiden nicht gerade Händchen halten“, meint Alina. „Das ist voll peinlich.“ „Genau“, sagt ihre Mutter lachend. „Mama, du bist voll peinlich – das finden schließlich alle Kinder.“
Tatsächlich belegt auch eine Studie zur Situation von Kindern in gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften der Universität Bamberg, dass 53 Prozent der Kinder keinerlei Erfahrungen mit Diskriminierung gemacht haben. „Bei den übrigen handelt es sich meistens um kleinere Hänseleien während der Pubertät. Aber in dem Alter suchen Kinder ja auch nach allen möglichen anderen Anlässen, um andere zu hänseln“, sagt Dr. Marina Rupp, Leiterin der Studie.
Laut der Untersuchung, die vom Bundesjustizministerium in Auftrag gegeben und im Juli dieses Jahres veröffentlicht wurde und an 1059 Eltern und 123 Kinder teilnahmen, haben Kinder aus sogenannten Regenbogenfamilien sogar ein höheres Selbstwertgefühl als Kinder aus normalen Partnerschaften.
Als Alina zum ersten Mal groß Geburtstag bei sich zu Hause feierte, standen die anderen Kinder mit großen Augen in der Küche – Lesben-Gucken. „Dabei sind wir eigentlich eine stinknormale Familie“, meint Ute. „Naja, wir sind nicht so spießig wie andere“, widerspricht Alina. Doch ihre Mutter belehrt: „Eine Familie mit Mann und Frau muss ja auch nicht spießig sein.“
Spießig – das sind für die Neuntklässlerin Leute, die ein Problem mit lesbischen Beziehungen haben. So wie Hartmut Koschyk, Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe im Bundestag. Koschyk lehnte die Forderung von Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) ab, das volle Adoptionsrecht für Paare gleichen Geschlechts einzuführen. Er glaube nämlich „bei aller Toleranz“, dass es für Kinder besser sei, bei Frau und Mann aufzuwachsen. „Das Wichtigste ist doch, dass man glücklich ist. Und das bin ich“, findet Alina. Das schrieb sie auch in dem Leserbrief – und erhielt erstaunliche Resonanz.
In der Schule lobten die Lehrer ihren Einsatz, ihre Großmutter war ganz gerührt, und ein wildfremder Mann schickte ihr eine Postkarte, in der er Alina für ihr Engagment dankte. „Alina ist in einigen Punkten viel weiter als Gleichaltrige“, meint Ute und drückt ihre Tochter kurz an sich. „Wenn Alina ein Problem hat, dann hat sie wirklich eines und nicht nur: Oh weh, der Junge hat mich nicht angesehen.“ Alina lacht, äfft ihre Mutter nach. „Wir sind halt ein echter Frauenverein und reden über alles. Hier wird immer geplappert. Durch das Reden werden Probleme einfach besser gelöst“, sagt Ute.Noch ein Ergebnis der Bamberger Studie: Gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern weisen eine weit über dem Bevölkerungsdurchschnitt liegende Bildungsquote auf. 45,4 Prozent haben einen Hochschul- oder Fachhochschulabschluss, im Durchschnitt aller Eltern sind es lediglich 19 Prozent.
Ob ihr in diesem „Frauenverein“ denn nichts fehle? „Nö, eigentlich nicht“, sagt Alina. In der Verwandtschaft habe sie ja männliche Bezugspersonen, außerdem gebe es viele alleinerziehende Mütter, bei denen der Vater komplett fehle.
Für die Zukunft würde sich die 14-Jährige nur eines wünschen: „Dass Homosexuelle auch Kinder adoptieren dürfen. Vor allem, wenn die Kinder schon so zehn oder elf sind und selbst sagen können, was sie wollen.“
Auch die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass für den Gesetzgeber kein Grund bestehe, die gemeinsame Adoption für Lebenspartner nicht zuzulassen und damit Lebenspartner und heterosexuelle Beziehungen unterschiedlich zu behandeln. „Diese Familien wollen einfach die gleiche soziale und rechtliche Stellung wie andere haben“, erklärt Dr. Marina Rupp.
Fürs Erste sind die drei Frauen jedoch zufrieden, weitgehend ungestört zusammenleben zu können. Aber jetzt reicht es für das Erste mit Einblicken ins Familienleben. „Wir müssen noch Physik machen“, stöhnt Alina. „Ja“, seufzt Claudia. „Das müssen wir.“





