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Tippspiel
"Ein Wunder, dass niemand umgekommen ist"
Zerborstene Fenster, ein fast vollständig abgedecktes Dach und ein massiver Betonschornstein, der wie von einem Rasiermesser abgetrennt wurde: Bei Harald und Olinde Schulte sah es gestern aus wie nach einem Bombenangriff. Auch einen Tag nach dem Belmer Tornado war ihnen der Schreck noch ins Gesicht geschrieben: „Plötzlich gab es einen ohrenbetäubenden Knall und ich wurde von einer Urgewald an die Wand gedrückt. Als dann nach 90 Sekunden alles vorbei war, wurde es totenstill und alles war kaputt“, berichtet der Kreistagsabgeordnete aus Belm (Landkreis Osnabrück).
„Dass niemand umkam, ist schon fast ein Wunder. Als ich wieder aufstehen konnte, bin ich als Erstes zu unserem Enkelkind ins Kinderzimmer geeilt“. Das gerade neun Monate alte Kind sei nur kurz aufgewacht und schon bald wieder friedlich eingeschlafen. Schulte: „Das war in dem Moment das Wichtigste für mich. Wir hatten alle noch Glück im Unglück“.
Kaum einen Steinwurf entfernt wurden gestern mittag die Reste des Vordaches der Marktring-Apotheke entsorgt, das unter der Wucht des Tornados eingestürzt war. Der gleich daneben liegende Ihr Platz-Markt hatte da schon neue Scheiben. Im Geschäft selbst hat Marktleiterin Anita Klöcker und ihre Mitarbeiterinnen die ganze Nacht durchgearbeitet, damit der Verkauf zumindest teilweise weitergehen konnte. „Selbst die Ehemänner und Kinder haben mitgeholfen“, berichtet sie. Süßigkeiten und Geschenke seien durch die zerstörten Scheiben dutzende Meter weit weg geweht worden. Anita Klöcker: „Einen schweren Metallverkaufsständer haben wir gut 100 Meter weit entfernt wiedergefunden“.
„Wenn das während der Schulzeit passiert wäre....“ Schulleiterin Hedlis Westerheider wird schon beim Gedanken daran blass. Der wunderschöne Abenteuerspielplatz direkt hinter der Schule war gestern nur unter Lebensgefahr zu betreten. Die riesengroßen Bäume sind von der Windhose allesamt wie Streichhölzer abgeknickt. Statt fröhlicher Kinderstimmen wird dort in nächster Zeit das Geräusch von Motorsägen und schweren Räumfahrzeugen zu hören sein. Die Hoffnung, dass am Donnerstag wie geplant erster Unterrichtstag ist, hat Hedlis Westerheider noch nicht aufgegeben: „Wenn die Handwerker so schnell und gut weiterarbeiten, könnte das klappen“, betont sie.
Sorgen bereiten ihr noch die geborstenen großen Glaskuppeln direkt über der Pausenhalle. „Die können jederzeit herunterstürzen und müssen bis Donnerstag auf jeden Fall ausgetauscht werden. Sonst ist das für Schüler und Lehrkräfte zu gefährlich“. Ob´s klappt? Die Schulleiterin will die Eltern der 190 Grundschüler am heutigen Mittwoch persönlich informieren.
Bis Feuerwehreinsatzleiter Aloys Wilker gestern ein paar Minuten Zeit für eine Bestandsaufnahme fand, musste man etwas warten. In der linken Hand das Funksprechgerät und in der rechten das Telefon: So organisierte er den Einsatz von mehr als 200 Feuerwehrleuten und THW-Helfern. Wilker war einer von vielen „kleinen Helden“, die sich in der Stunde der Not nicht lange bitten ließen: „Viele von uns haben die ganze Nacht durchgearbeitet und denken auch jetzt noch nicht an Feierabend“. Die Zusammenarbeit der Helfer habe „ausgezeichnet funktioniert“.
Bis gestern abend waren neben der Feuerwehr Belm auch die Wehren aus Wallenhorst, Schledehausen und Rulle, die Feuwerwehr-Bereitschaft Süd, je ein THW-Einsatzzug aus Osnabrück und aus Bad Essen/Wittlage sowie die Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung unermüdlich im Einsatz. Nicht zuletzt um nachts die Gebäude zu sichern und die zahlreichen Schaulustigen auf Abstand zu halten, war auch die Polizei mit bis zu 30 Beamten vor Ort. Überhaupt war der Belmer Tornado gestern offenbar das Medienereignis Nummer 1 in Funk und Fernsehen. Fast ein dutzend Kamerateams machten Aufnahmen von den Zerstörungen. „Der erste Fernsehjournalist hat mich schon um 5 Uhr morgens angerufen“. Lange Zeit nimmt sich Einsatzleiter Wilker nicht für die Interviews. „Die Aufräumarbeiten haben Vorrang“, sagt er und schon piept das Funkgerät wieder: „Ja, wir brauchen den Kran heute noch“, sagt Wilker und ist schon wieder voll auf den Einsatz konzentriert.
Und wie lange wird es dauern, die schlimmsten Schäden zu beseitigen? Dachdecker Rüdiger Winter muss da nicht lange überlegen: „Bis zum Ende der Woche brauchen wir bestimmt. Und dann müssen ja noch die anderen Reperaturen gemacht werden...“
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