19.03.2017, 19:16 Uhr

Gesellen auf der Walz Alter Hof als Zwischenstopp für Wandergesellen

Wandergesellen auf der Baustelle in Tweelbäke: (von links) David, Sarah, Martin und Fiete schauen zu, wie Frederik den Dachbalken mit Beitel und Stecheisen bearbeitet, und sparen nicht mit spöttischen Kommentaren, als er genau einen Knast erwischt. Foto: Reiner HaaseWandergesellen auf der Baustelle in Tweelbäke: (von links) David, Sarah, Martin und Fiete schauen zu, wie Frederik den Dachbalken mit Beitel und Stecheisen bearbeitet, und sparen nicht mit spöttischen Kommentaren, als er genau einen Knast erwischt. Foto: Reiner Haase

Tweelbäke. Auf der Walz sammeln Gesellen besondere Erfahrungen. In Tweelbäke sanieren sie einen Hof, der Ihresgleichen dauerhaft eine Bleibe auf Zeit bietet.

Manchmal wird konzentriert gehämmert und gesägt, manchmal gefrotzelt, gewitzelt und gelacht, manchmal alles gleichzeitig: Junge Handwerker haben auf einem alten Bauernhof an der Bremer Straße in Tweelbäke eine besondere Baustelle eingerichtet. Sie dichten den Eigentümern ein marodes Stalldach neu ab. Und sie ziehen in der Scheune auf der anderen Seite des Hofs eine neue Zwischendecke ein, auf der künftig Wandergesellen einen Schlafplatz finden.

„Hummeln im Hintern“

Zurzeit haben sich elf Gesellen auf der Diele des Bauernhauses Schlafplätze eingerichtet, ausgebildete Zimmerer, Maurer, Dachdecker und Elektriker, die es, wie Sarah, die Goldschmiedin, nicht an einem festen Arbeitsplatz hält, weil sie „Hummeln im Hintern“ haben, wie Sarah es formuliert. „Gesellen auf der Walz sind manchmal fünf Jahre lang unterwegs, mindestens aber drei Jahre und einen Tag“, berichtet Sarah, die die Gesellen zu ihrer Wortführerin gemacht haben.

Stall wird vor Verfall gerettet

Sarah übernimmt die Rolle bereitwillig, zumal sie dieser Gesellschaft die Anlaufstelle vermittelt hat. „Ich kenne die Besitzer seit zehn Jahren. Ich weiß, dass hier Gesellen auf Wanderschaft schon immer willkommen sind und war selber auch schon einmal hier“, berichtet sie, „und ich weiß auch, dass der Stall verfallen würde, weil sich die Besitzer die Sanierung ohne uns nicht leisten können.“

Arbeit für Tariflohn

Stehen freireisende Gesellen in Konkurrenz zu den niedergelassenen Handwerkern? – „Das sieht niemand so“, betont Sarah. Insbesondere im Bauhandwerk seien Wanderhandwerker willkommene Mitarbeiter auf Zeit, meist für rund ein viertel Jahr, und das nicht nur in Zeiten des Fachkräftemangels. Für die Arbeit bei freier Kost und freiem Logis werde der Tariflohn gezahlt. „Das Wanderbuch mit guten Einträgen übertrifft einen Top-Gesellenbrief“, berichtet Sarah aus der Erfahrung der Wandergesellen. Vor den Meister treten Gesellen, die auf unterschiedlichsten Baustellen Fertigkeiten gesammelt haben und in ungebundenen Verhältnissen menschlich gereift sind.

Ortsansässige spenden Material

Wenn es eines Beweises bedürfte, dass die Wandergesellen in Tweelbäke den ortsansässigen Betrieben willkommen sind, so wären das deren reichhaltige Materialspenden, unter anderem das Bauholz, mit dem in diesen Tagen der Dachstuhl des alten Stalls stabilisiert wird. Für das gute Miteinander spricht auch, dass einige Handwerker aus der Umgebung nach Feierabend vorbeikommen und helfen, das Dach zu sanieren. Nebenbei erfahren sie Interessantes aus dem Leben der Wandergesellen.

Lebensmittel vom Biohof

Weil bei den Arbeiten in Tweelbäke dauerhaft verfügbare Schlafplätze für Handwerker auf der Walz entstehen, wird hier unter besonderen Bedingungen gearbeitet. „Wir arbeiten nur fürs Logis, für alles andere sorgen wir selber“, berichtet Sarah. Unter anderem erhalten sie aus Bioläden und von einem Biohof gesunde Kost.

Band für Abschlussfest gesucht

Ostern soll die Baustelle geräumt sein. Dann erwarten die Wandergesellen in Tweelbäke Gleichgesinnte aus Nah und Fern zu einem Abschlussfest, möglichst mit einer Live-Band, die aber noch nicht gefunden ist. Die Zahl der erwarteten Wandergesellen vermag Sarah nicht zu nennen, zumal Twitter, Facebook & Co. für Wandergesellen genauso tabu sind wie die Fortbewegung mit kostenpflichtigen Fahrzeugen und die Annäherung auf weniger als 50 Kilometer an den Heimatort. „Wir haben eigene Kommunikationswege“, sagt Sarah. Welche? Das gibt sie nicht preis.


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