09.11.2016, 17:55 Uhr

Protest gegen die AfD Gedenkfeier zur Reichspogromnacht in Delmenhorst abgebrochen


Delmenhorst. Die Gedenkfeier zur Erinnerung an die Reichspogromnacht im Delmenhorster Rathaus ist am Mittwochnachmittag abgebrochen und nach draußen verlegt worden. Grund war die Anwesenheit einiger AfD-Mitglieder.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Erinnerung an die Novemberpogrome im Dritten Reich ist die Gedenkfeier nicht im Rathaus verlaufen, sondern vor das Rathaus verlegt worden. „Dieses Jahr wollen wir nicht im Ratssaal gedenken, dieses Jahr sind Rechtspopulisten unter uns“, sagte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Pedro Benjamin Becerra, zu Beginn der Feierstunde, und meinte damit Vertreter der AfD. Becerra lud das Publikum stattdessen zur Feierstunde vor dem Rathaus ein.

Schlagabtausch im Vorfeld kündigte Umzug nach draußen an

Ein Schlagabtausch im Vorfeld zwischen Oberbürgermeister Axel Jahnz und AfD-Fraktionschef Lothar Mandalka und eine entsprechende Ankündigung Becerras daraufhin hatte diesen Verlauf schon angekündigt. Verwunderlich war aber dennoch, dass AfD-Fraktionschef Lothar Mandalka sowie die Mitglieder Yakup Seven und später auch Maximilian Martins dem Publikum folgten und der Feierstunde auch bis zum Ende beiwohnten, obwohl eine Ausladung deutlicher nicht hätte sein können.

„Ich weiß nicht, was wir mit Nationalsozialisten zu tun haben sollen“

Mandalka zeigte sich indes verständnislos: „Ich bin baff. Wir werden hier in die Ecke der NSDAP gestellt. Ich weiß nicht, was wir mit Nationalsozialisten zu tun haben sollen“, sagte er, nachdem das Publikum den Saal verlassen hatte. „Mir ist nicht bekannt, dass sich die Bundes-AfD jemals negativ über Juden geäußert hätte. Die Taten der Nationalsozialisten verurteilen wir und werden sie immer verurteilen.“ Mandalka erneuerte seine Worte, dass die AfD keine rechtspopulistische, sondern eine konservative Partei sei . (Weiterlesen: Reaktionen auf Kommunalwahl: AfD-Ergebnis Schande für die Stadt“)

Becerra droht AfD‘lern mit Anzeige

Becerra hingegen machte in seiner Ansprache vor dem Rathaus gleich klar: Betreten die AfD-Mitglieder bei der anschließenden Kranzniederlegung auch den jüdischen Friedhof, werde er sich nicht zweimal überlegen, Anzeige zu stellen. Abseits der AfD-Problematik unterstrich er, wie wichtig es sei, die Erinnerungskultur an das jüdische Leid zu erhalten. Becerra erinnerte auch an Sinti und Roma, Homosexuelle und andere Minderheiten, die von den Nazis umgebracht worden seien. „Wir trauern heute mit ihnen.“ Oberbürgermeister Jahnz sprach unter anderem den Antisemitismus in der Gesellschaft an, der nicht nur von Randgruppen der extremen Rechten vertreten werde. „Rechte Ideologien“ hätten sich in den vergangenen Monaten breitgemacht und würden als „geistige Brandstiftung“ fungieren, die verantwortlich sei für fremdenfeindliche Akte wie Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte.

Aufklärung gegen Fremdenhass

Rabbinerin Alina Treiger fühlte sich durch den Rassismus dieser Tage an die „Ausländer raus“-Parolen wenige Jahre nach der Wiedervereinigung im Osten Deutschlands erinnert. In einem theologischen Ansatz versuchte sie mit Zitaten aus der Thora darzustellen, dass kein Volk der Erde einen Anspruch auf Land hätte. Die Lehre daraus: Fremde sollten von Einheimischen aufgenommen und als ihres gleichen behandelt werden. Aufklärung in alle Richtungen sei nötig, um die Angst vor dem anderen zu nehmen.

Zur Versöhnung aufgerufen

Ein versöhnlicher Ansatz, den auch Pastor Enno Konukiewitz verfolgte. Dieser sagte zwar, dass jene, die „unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit“ hetzten, gestoppt werden müssten. Doch sprach er auch von der Versöhnungsarbeit eines Rabbiners mit dem „Tätervolk“. Der Mann sei im Dritten Reich selbst zur Flucht gedrängt worden. Dessen Motivation, Frieden zu schaffen, sei folgender Satz gewesen: „Muss man nicht ein wenig verrückt sein in dieser Welt?“

Gedenkstunde im würdigen Rahmen

Trotz der Startschwierigkeiten verlief die Gedenkstunde insgesamt in einem würdigen Rahmen. Großen Anteil daran hatten im Wesentlichen die Musiker der Gruppe „Liederfolk“, die mit jiddischen Liedern und mit Klezmermusik teilweise melancholische, aber auch lebensfrohe Töne anschlugen. Trotz des ernsten Anlasses wurde am Ende eines Musikstücks sogar gelacht.


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