31.10.2016, 17:20 Uhr

Polizei kontrolliert weiter Schwierige Aufarbeitung von Prügeleien in Ganderkesee

Mehrfach gerieten in der vergangenen Woche Gruppen Jugendlicher in Ganderkesee aneinander.  Foto: Thorsten KonkelMehrfach gerieten in der vergangenen Woche Gruppen Jugendlicher in Ganderkesee aneinander. Foto: Thorsten Konkel

Ganderkesee. Nach Einschätzung von Bürgermeisterin Alice Gerken geht von den handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen jungen Leuten vom vergangenen Dienstag, Mittwoch und Freitag keine Gefahr für die Allgemeinheit aus.

Es handele sich vielmehr um „geschlossene Gruppen“, die sich zum Prügeln treffen würden. Die Polizei werde die vermehrten strikten Kontrollen im Umfeld des Bahnhofs dennoch aufrechterhalten, um möglichen weiteren Vorkommnissen vorzubeugen. Der Austausch zwischen Verwaltungsspitze und Polizeiführung sei in dieser Sache sehr eng.

Ursache für Streit noch nicht zweifelsfrei geklärt

Letzteres wurde durch Polizeisprecherin Melissa Oltmanns bestätigt, genau wie die Mutmaßung, dass an den Auseinandersetzungen junge Leute aus Ganderkesee und Delmenhorst beteiligt waren . Die polizeilichen Ermittlungen dauern laut Oltmanns an, an was genau sich der Streit entzündet hat, sei derzeit noch nicht zu sagen. Aufgrund der Vielzahl der Beteiligten sei es aufwendig und schwierig, den genauen Sachverhalt festzustellen.

Insgesamt acht Personen verletzt

Bei der Schlägerei am Mittwoch waren sechs Personen leicht verletzt worden . Zuvor hatte es am Dienstag bereits einen Polizeieinsatz am Jugendzentrum Trend gegeben. Am Freitag gerieten Kontrahenten dann erneut aneinander , diesmal unweit der Kita am Habbrügger Weg, wobei zwei Jugendliche leicht verletzt wurden.

Einige der Beteiligten hatten sich danach in das Jugendzentrum Trend an der Bergedorfer Straße zurückgezogen , worauf es auch dort zu einem Polizeieinsatz kam.

Beteiligte sind den Behörden bekannt

Die meisten der Beteiligten sind den Behörden bekannt, weil es sich um Leistungsbezieher handelt, darunter auch junge Flüchtlinge. Auffällig ist, dass sich die erste Konfrontation am selben Tag ereignete, an dem das Amtsgericht Delmenhorst zwei jungen Flüchtlingen aus Syrien je 20 Stunden gemeinnützige Arbeit wegen Beleidigung, Nötigung und Körperverletzung auferlegt hatte . Sie sollen im April und Mai unter anderem ein Mädchen an der Oberschule Ganderkesee belästigt und eine 26-Jährige vom Rad geschubst haben, worauf sich die Syrerin stärker am Bein verletzte.

Besondere Rolle der Sozialpädagogen

Bürgermeisterin Gerken sagte, es dränge sich der Eindruck eines Zusammenhangs auf. Äußerungen dazu blieben aber reine Spekulation, solange die Polizei ihre Ermittlungen nicht abgeschlossen habe.

Die Vorkommnisse an sich hätten eine Situation heraufbeschworen, „der man sich stellen muss“. Dabei komme Sozialpädagogen und -arbeitern eine besondere Rolle zu. „Unsere Sozialarbeiter sind aber keine Spitzel“, so Gerken im gleichen Atemzug.

Für den Ganderkeseer Oberschulleiter Manfred Gliese sind die abgeurteilten Schüler weder Auslöser noch Beteiligte der Streitigkeiten. „Einer ist nicht mehr auf unserer Schule, der andere zeigt sich nicht mehr auffällig“, betonte er. Ob Schüler der Oberschule als Opfer, Täter oder bloß als Gaffer beteiligt waren, müsse die Polizei klären. Sicher sei aber, dass viele der Kontrahenten auch aus Wildeshausen und Delmenhorst angereist seien.

Oberschulleiter: „Hier verteidigen Platzhirsche ihr Revier“

Einen „ethnischen Konflikt“ schließt Gliese klar aus: „Es geht hier darum, dass Platzhirsche ihr Revier verteidigen“, mutmaßt er. Denn auch Jugendliche mit Migrationshintergrund hätten sich mit der deutschen Seite gegen die Flüchtlinge verbündet.

Für Erich und Monika Kurzawski, Helfer der ersten Stunde im Ganderkeseer Arbeitskreis Flüchtlinge, ist das „Aufeinanderstoßen von Jugendlichen unterschiedlicher Kulturen“ schädlich für den gesamten Integrationsprozess.

„Wir wissen derzeit nicht, ob wir von den Bürgern bei künftigen Projekten die große Unterstützung wie bisher erhalten werden“, blickte Erich Kurzawski voraus. Auch Kurzawski sieht in der schwelenden Fehde nicht vorrangig einen ethnischen Konflikt, sondern den Ausdruck eines Verteilungskampfes: „Viele jugendliche Flüchtlinge sind frustriert, weil sie hier mehr erwartet haben oder weil es ihnen nicht schnell genug geht“, berichtete er.

Einige dürfen bleiben, andere nicht

Für zusätzliche Spannungen und Frust würden die in diesen Tagen verschickten Anerkennungsbescheide sorgen: „Einige Jugendliche dürfen drei Jahre bleiben, andere müssen ausreisen, weil ihre Fingerabdrücke bei der Einreise in einem anderen EU-Land festgestellt worden sind“, erklärte er die Lage.

In Elmeloh betreut die Wichernstift-Jugendhilfe im Auftrag unterschiedlicher Kommunen derzeit 26 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Unter ihnen könnten nach derzeitigem Ermittlungsstand einige der Ganderkeseer „Streithähne“ sein. Ralf Lindenburger, Bereichsleiter der Jugendhilfe, betont, dass die meisten der traumatisierten Jugendlichen, die keine Wirtschaftsflüchtlinge seien, in seiner Einrichtung sehr integrationswillig auftreten würden. Einige wenige täten sich aber schwer damit, sich einzubringen.

„Es wird länger dauern“

Lindenburger: „Es ist unser tägliches Brot, zu überprüfen, ob hier die Ziele der Integration erreicht werden können.“ Im Einzelfall müsste mit den Jugendämtern auch nach anderen Betreuungsformen gesucht werden. Eines sei aber klar: „Wegschließen können und wollen wir sie nicht“, machte er deutlich.

Für den ehemaligen Jugendarbeiter Erich Kurzawski steht fest: „Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass wir wohl mit derartigen Problem nicht so schnell fertigwerden. Es wird länger dauern.“


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