11.12.2015, 06:51 Uhr

Anwohner kritisiert Neubau „Stilbruch“ an Delmenhorster Bismarckstraße

Dr. Arno Marti in seinem Garten an der  Bismarckstraße 106. Im Hintergrund ist der Neubau zu sehen. Foto: Andreas NistlerDr. Arno Marti in seinem Garten an der Bismarckstraße 106. Im Hintergrund ist der Neubau zu sehen. Foto: Andreas Nistler

Delmenhorst. Dr. Arno Marti ärgert sich über den Neubau an der Bismarckstraße. An dem stadtbildprägenden Ort reiche es nicht, sich aufs Baurecht zu berufen.

Dr. Arno Marti ist angefasst, ja: er ist sauer. Zwischen seinem denkmalgeschützten Haus an der Bismarckstraße und der Justizvollzugsanstalt ist ein großer Neubau entstanden (dk berichtete) , der ihm aus diversen Gründen nicht passt. Verärgert ist er nicht nur als Nachbar, der mit dem direkten Blick auf das neue Gebäude leben muss. Er kritisiert auch, dass das Stadtbild an einer von Baudenkmälern geprägten Stelle, die ein wichtiger Teil des historischen Erbes Delmenhorsts sei, erheblich leide. „Die Stadt hat ihr Grundstück an den Bauherrn verkauft und dabei kein Interesse an der architektonischen Gestaltung gezeigt“, sagt er. Sie habe sich lediglich um die Einhaltung des Baurechts gekümmert.

Kritik an der Stadtverwaltung

Dr. Marti wundert das. „Die Stadt hat doch mit ihrem Image und ihrer Attraktivität sehr zu kämpfen.“ Dass der Bauherr Shain Gezgin davon überzeugt ist, das neue Gebäude, in dem auch sein Friseursalon einzieht, passe sich gut in die Umgebung ein, kann Marti nicht nachvollziehen. „Das Gebäude ist im Verhältnis zur Grundstücksfläche extrem groß dimensioniert, was auf eine Wechselwirkung der geltenden Landesbauordnung und den Bebauungsplan von 1981 zurückzuführen ist. Dem hätte die Stadt schon beim Grundstücksverkauf aus Eigeninteresse begegnen müssen, um den Charakter der Bismarckstraße zu erhalten“, erklärt er.

Glänzende Ziegel als „No-Go“

Auf den angrenzenden Grundstücken des Neubaus stehen mit dem Amtsgericht, dem Gefängnis und dem Wohngebäude des Nachbarn, das seit 1918 in Familienbesitz ist, Baudenkmäler, auch in der weiteren Umgebung sind Baudenkmäler zu finden. „In diesen hochwertigen Bestand ist ein stilbrechender und aufdringlicher Neubau reingestampft worden, der plötzlich umgebungs- und stadtbildprägend wirkt“, so der Nachbar. Bei hochstehender Sonne glänzten die Dachziegel, was in denkmalgeschützten Umgebungen üblicherweise ausgeschlossen würde.

Dr. Marti stößt zudem auf, dass „direkt an der Grundstücksgrenze höhengleich mit dem Gehweg der Graftanlage geparkt wird, zudem sind die Arbeiten zu Errichtung von Carports aufgenommen worden“. Das sei ein Novum an der Graft. Bei dem zur anderen Grundstücksseite hin gelegenen Nachbargrundstück schlössen die im Erdreich befindlichen Garagen höhengleich mit der Graft ab, so dass die Parkbesucher nicht „von privatem Parken“ behelligt würden.

Erscheinungsbild ändert sich

Dr. Marti weiter: „Die Graftseite der Bismarckstraße war zudem bislang gewerbefrei. Hinter dem Amtsgericht fing die Wohnbebauung an, das war bis zur Errichtung des Neubaus charakteristisch für die Bismarckstraße. Das hat sich nun geändert und wird seine volle Wirkung dann entfalten, wenn der Bauherr seinen Gewerbebetrieb eröffnet, denn zur Straßenseite hin entsteht eine zweite Gewerbezufahrt mit weiteren Stellplätzen. Damit ändert sich das städtische Erscheinungsbild maßgeblich und auch hier kann nach meiner Auffassung verneint werden, dass sich der Neubau gut gelungen in die Umgebung einfügt, wie es der Bauherr postuliert.“

Für Dr. Marti stellt sich die Frage, ob die Stadt das, was da entstanden ist, eigentlich so gewollt habe. „Das ehemals städtische Grundstück ist über das dem Fachbereich Wirtschaft zugeordnete Immobilienmanagement der Stadt verkauft worden. Stadtbild, Architektur und Denkmalpflege sind aber der Bauverwaltung zugeordnet und über allem steht immer das Rathaus, das hier auch unmittelbar selbst betroffen ist, weil es in direkter Sichtbeziehung zum Neubau steht. Eigentlich hätte es als Hausherr in der verwaltungsinternen Abstimmung ein gewichtiges Wörtchen mitzureden“, sagt er.

Warum kein Architekturwettbewerb?

Üblicherweise, sagt Dr. Marti, würden gerade an stadtbildprägenden Orten baugestalterische Ansprüche formuliert, indem man beispielsweise den Grundstücksverkauf mit einer Konzeptausschreibung oder einem Architekturwettbewerb verbinde. „Ein solcher Weg lässt sich hier nun nicht mehr beschreiten. Für die Zukunft bleibt zu hoffen, dass sich die Stadt bei Projekten dieser Größenordnung und Bedeutung nicht allein auf das Baurecht zurückzieht.“

Stadtverwaltung reagiert gelassen

In der Verwaltung sieht man die Sache gelassener. „Für die Stadt Delmenhorst existiert keine Gestaltungssatzung. Aus diesem Grund kann die Stadt auf die Gestaltung von Gebäuden keinen rechtswirksamen Einfluss nehmen“, sagt Stadtsprecher Timo Frers auf Nachfrage. Und Fachbereichsleiter Fritz Brünjes (Planen, Bauen, Umweltschutz, Landwirtschaft und Verkehr) ergänzt: „Nach meiner Auffassung ist das neue Gebäude gestalterisch und städtebaulich gelungen. Diese subjektive Einschätzung wird sicherlich nicht von jedem geteilt.“ Dieser Sichtweise schließt sich auch Axel Langnau, Chef der Wirtschaftsförderungsgesellschaft,auf Nachfrage an.


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