21.03.2017, 06:01 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Waffen-Unternehmer Lüke und Ortmeier Pistolen für die US Army: Millionen-Knaller aus Emsdetten


Emsdetten/Eckernförde. Die Waffenschmiede SIG Sauer hat den größten Auftrag ihrer Geschichte eingefahren: Mindestens 280.000 Pistolen werden die Emsdettener Eigentümer Michael Lüke und Thomas Ortmeier für die amerikanischen Streitkräfte herstellen lassen – bald wollen die scheuen Herren über eine internationale Waffenholding auch das neue Sturmgewehr für die Bundeswehr bauen.

Fast jeder Soldat der US Army wird sie in die Hand bekommen: Die P320 besteht zu großen Teilen aus Kunststoff, und es gibt sie als Bausatz mit veränderbarem Kaliber und individuell anpassbarem Griff. Mit dieser Pistole haben die Unternehmer Michael Lüke und Thomas Ortmeier ihren bisher größten Coup im internationalen Waffen-Business gelandet: Die amerikanische Armee hat das Modell des deutschen Herstellers SIG Sauer im Januar zur neuen Standard-Dienstpistole gekürt. Der Zuschlag war Tagesgespräch in den Internet-Foren amerikanischer Waffennarren. (Lesen Sie auch: Heckler & Koch, das heikle Investment des Andreas Heeschen aus Nordhorn)

SIG Sauer Inc. im US-Bundesstaat New Hampshire und die SIG Sauer GmbH & Co. KG in Eckernförde gehören zu Lükes und Ortmeiers L&O Holding mit Sitz im westfälischen Emsdetten. Ebenso die Jagdwaffenmacher Blaser und Mauser im Allgäu und Swiss Arms in der Schweiz. Wie auch die heimische TWE-Gruppe. Mit dem soliden Mittelständler fing die Unternehmerkarriere der beiden Freunde einst an. Das „Emsdettener Unternehmen des Jahres 2016“ stellt heute an sieben Standorten in Europa, in den USA und in China technische Textilien für den Automobilbau und die Gesundheitsbranche her.

Lüke und Ortmeier sind passionierte Jäger

Für Lüke und Ortmeier lief es im Textilgeschäft offenbar so gut, dass sie sich nach Investitionsobjekten umsehen konnten. In der Waffenbranche wurden sie fündig. Im Jahr 2000 kauften die beiden passionierten Jäger den Schusswaffenhersteller SIG Sauer in Eckernförde samt dessen Schwestergesellschaft in den USA. Ausschließlich in New Hampshire an der amerikanischen Ostküste, ohne Bauteile aus Deutschland, sollen nun in den kommenden zehn Jahren die sandfarbenen Modularpistolen für die US Army entstehen. Auftragsvolumen: 580 Millionen US-Dollar. Seit SIG Sauer Inc. Lüke und Ortmeier gehört, wächst die Firma rasant – in dem Städtchen Newington arbeiten heute mehr als 1500 Menschen für die Emsdettener. Das Sortiment ist reichhaltig: Neben Pistolen verkauft SIG Sauer USA Sturmgewehre, Schalldämpfer, Waffenbauteile, Zieloptiken, Munition und Zubehör vom Magazin bis zum Camouflage-T-Shirt mit SIG-Sauer-Logo.

Michael Lüke und Thomas Ortmeier, beide um die 60, wirken alles andere als martialisch. Sie gelten als scheu, in der Emsdettener Öffentlichkeit sieht man sie selten, für unsere Redaktion waren sie nicht zu sprechen. Franz von Stauffenberg, der Geschäftsführer der deutschen SIG Sauer GmbH in Eckernförde, beschreibt die beiden als bescheiden und bodenständig: „Sie sind verantwortungsvolle Unternehmer mit Hands-on-Mentalität“.

Riesiges Potenzial auf dem US-Markt

Fest steht: Die beiden verstehen ihren Markt. Das größte Potenzial für Pistolen, militärische und paramilitärische Gewehre bieten die USA. Die SIG-Sauer-Gruppe, die auch eine Jagdwaffensparte hat, macht dort 90 Prozent ihres Umsatzes. Das Geschäft brummt: 2015 erwirtschaftete die Gruppe 350 Millionen Euro, für 2016 erwartet sie einen Umsatz von 500 Millionen Euro.

SIG Sauer folgt einem seit Jahren anhaltenden Trend, der Konfliktforschern Sorge bereitet: Angesichts relativ strenger deutscher Exportbeschränkungen produzieren deutsche Waffenmacher gern im Ausland. Sie gründen dort Töchter und Joint Ventures, vergeben Lizenzen. Der Rüstungskonzern Rheinmetall tut es, der SIG-Sauer-Konkurrent Heckler & Koch auch. (Lesen Sie auch: Deutschland auf Platz fünf bei Rüstungsexporten)

Deutsche Waffenhersteller produzieren im Ausland

Vor dieser Praxis, die nicht nur zu unkontrollierbarer Verbreitung von Waffen, sondern auch von brisantem Herstellungs-Know-how führen kann, warnte jüngst das Berliner Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit – (BITS) in seiner Studie „Kleinwaffen in Kinderhänden“. SIG-Sauer-Pistolen aus deutscher Fertigung wurden der Studie zufolge im Jahr 2006 via USA in das bürgerkriegsgeplagte Kolumbien geliefert, ohne dass dafür deutsche Exportgenehmigungen vorlagen. 2014 durchsuchten Ermittler wegen des Falls SIG-Sauer-Büros in Eckernförde, laut „Süddeutsche Zeitung“ auch L&O und das Privathaus von Michael Lüke in Emsdetten.

„Wir kooperieren bei den Ermittlungen mit der Staatsanwaltschaft“, sagt SIG-Sauer-Deutschland-Geschäftsführer von Stauffenberg. Ein Gerichtsverfahren sei noch nicht eröffnet worden. Beim Vertrieb beschränke sich SIG Sauer Deutschland auf EU-Länder und Nato-Mitgliedsstaaten.

Zweifel an der Wirksamkeit von Exportkontrollen

Die Emsdettener Bundestagsabgeordnete Kathrin Vogler (Die Linke) traut solchen Erklärungen nicht: „Nachdem der Kolumbien-Deal aufgeflogen ist, versucht L&O, sich ein Saubermann-Image zu geben. Aber ich würde meine Hand nicht dafür ins Feuer legen, dass alle Waffen aus dem Auftrag der US-Armee in den USA verbleiben.“ Dort seien die Exportbestimmungen laxer als in Deutschland. „Für repressive Regime ist es deutlich einfacher, sich Waffen in den USA zu besorgen.“

Von Stauffenberg selbst ist unbelastet, falls es wegen der Kolumbien-Connection noch zu einem Prozess kommt. Der frühere Bundeswehrsoldat fing erst im August 2016 bei SIG Sauer an. Das könnte sich als nützlich bei künftigen Ausschreibungen erweisen. In den kommenden Jahren gibt es in Deutschland viel zu holen. Von Stauffenberg rechnet damit, dass die Bundesländer für ihre Polizei bis zu 100000 Pistolen und Maschinenpistolen anschaffen, es gehe um ein Auftragsvolumen im dreistelligen Millionenbereich. „Die Bedrohungslage hat sich geändert, Terroristen setzen in Europa inzwischen auch Sturmgewehre ein“, sagt von Stauffenberg. SIG Sauer könne Behörden alles von der Pistole bis zum Gewehr anbieten. Das Sturmgewehrmodell MCX, das in Deutschland und den USA produziert wird, hat das Unternehmen nach eigenen Angaben bereits an deutsche Bundesbehörden geliefert. (Lesen Sie auch: Niedersachsen kauft neue Waffen für 7,5 Millionen Euro)

Wird das MCX von SIG Sauer Nachfolger des G 36?

Das MCX sei auch „eine Option von mehreren“ für die kommende Ausschreibung der Bundeswehr. Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) will 167000 Gewehre vom Typ G36 von Heckler & Koch ausmustern, weil das Modell im Afghanistan-Einsatz Mängel aufgewiesen haben soll. Von Stauffenberg rechnet sich Chancen aus: „Wir sind der Herausforderer.“ SIG Sauer wird unter anderem gegen den ebenfalls wegen dubioser Exporte ins Gerede gekommenen Rivalen Heckler & Koch und gegen Rheinmetall antreten müssen. Der Düsseldorfer Konzern will gemeinsam mit der österreichischen Waffenschmiede Steyr Mannlicher anbieten. Erhält am Ende tatsächlich SIG Sauer den Zuschlag, dürfte auch die Belegschaft am Standort Eckernförde wieder wachsen. Dort arbeiten derzeit nur noch 120 von einst 450 Mitarbeitern.

Erinnerung an den Amoklauf von Emsdetten

Viele Emsdettener indes erinnern sich noch an ein anderes Investitionsvorhaben der Unternehmer Lüke und Ortmeier. Im Jahr 2009 wollten die beiden in der idyllisch an der Ems gelegenen Gaststätte Bisping-Waldesruh ihr neues Hauptquartier einrichten – inklusive eines unterirdischen Schießstands. Das Projekt scheiterte an Widerständen in der Lokalpolitik. Auf Waffenschmiede sind viele Menschen in der 36000-Einwohner-Stadt seit dem 20. November 2006 nicht gut zu sprechen. An diesem Tag schoss ein 18-jähriger Amokläufer in der Emsdettener Geschwister-Scholl-Realschule um sich und verletzte mindestens sechs Menschen. „Dass sich bei Bisping-Waldesruh Waffenkäufer aus aller Welt die Klinke in die Hand geben sollten, hat in der Stadt besonders vor dem Hintergrund des Amoklaufs keine Begeisterung ausgelöst“, erinnert sich die Bundestagsabgeordnete Vogler.

Aber auch gegen den Riesenauftrag der US-Armee für SIG Sauer regt sich Widerstand. Allerdings nicht in Emsdetten, sondern in Österreich. Dort fühlt sich der Konkurrent Glock in der Ausschreibung benachteiligt. Er hat Ende Februar Einspruch bei den US-Behörden erhoben.

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