22.02.2017, 05:06 Uhr

Verhungert, verdurstet, Wund gelegen Hinweise auf massive Tierschutzverstöße bleiben unentdeckt

Diesem Schwein geht es gut. Werden Nutztiere aber krank, müssen sie noch vor dem Schlachthof von ihrem Leid erlöst werden. Die Kadaver werden in Tierkörperbeseitigungsanlagen entsorgt. Auf Tierschutzverstöße werden die Kadaver aber nicht untersucht. Foto: dpaDiesem Schwein geht es gut. Werden Nutztiere aber krank, müssen sie noch vor dem Schlachthof von ihrem Leid erlöst werden. Die Kadaver werden in Tierkörperbeseitigungsanlagen entsorgt. Auf Tierschutzverstöße werden die Kadaver aber nicht untersucht. Foto: dpa

Osnabrück. Verhungert, verdurstet, wund gelegen: In den Tierkörperbeseitigungsanstalten verschwinden nicht nur zahllose Kadaver, sondern mit ihnen auch Hinweise auf Tierschutzverstöße. Untersuchungen legen erhebliche Missstände offen, die bislang folgenlos bleiben.

Nein, in diesem Ausmaß habe er das nicht erwartet, fasst ein Veterinär aus Niedersachsen die Ergebnisse seiner Untersuchung zusammen. Zwei Tage lang hatten er und Kollegen geschaut, was bei einer Tierkörperbeseitigungsanstalt angeliefert wurde. Tiere also, die bereits im Stall und nicht erst im Schlachthof gestorben sind. Danach stand für den Tierarzt fest: „Es herrscht dringender Bedarf, etwas zu tun.“

75 Kadaver hatte sich der Fachmann genauer angeschaut. Bei zehn Prozent entdeckte er „ernsthafte Hinweise“ auf Tierschutzverstöße. Was das heißt? In den extremsten Fällen waren die Tiere verhungert und verdurstet, viele deutlich wundgelegen. 15-mal stellte der Fachmann zudem fest, dass die Tiere nicht sachgerecht getötet worden waren. (Weiterlesen: Tote Tiere: Niedersachsen will Kadaver untersuchen lassen)

Untersuchungen in Österreich

Allesamt Zufallsfunde? Wohl nicht. Denn nicht nur andere Veterinäre in Niedersachsen kamen zu ähnlichen Ergebnissen. Auch eine groß angelegte Untersuchung der Veterinärmedizinische Universität in Wien zeigt: Die Missstände haben System.

Mehr als 2000 Rinder- und Schweinekadaver haben Veterinärmediziner um Johannes Baumgartner in einer österreichischen Tierkörperbeseitigungsanstalt untersucht. Das Ergebnis: Bei 10 Prozent der Rinder und 20 Prozent der Schweine fanden die Forscher Hinweise darauf, „dass die betroffenen Tiere vor dem Verenden ungerechtfertigt erhebliche Leiden und Schmerzen erdulden mussten […]“. Auch hier lauteten die Befunde: hochgradig abgemagert, Gelenkverletzungen und immer wieder Geschwüre durch Wundliegen.

Nottötung herausgezögert?

Baumgartner schließt aus seinen Befunden: Landwirte zögern die Nottötung erkrankter Tiere – entweder durch die eigene Hand oder den Tierarzt – in einigen Fällen zu lange heraus. Unnötiges Leid ist die Folge. Der Wiener Wissenschaftler sagt: „Wir müssen ein Bewusstsein dafür schaffen, dass die Nottötung eine Tierschutzmaßnahme ist.“

Hier sieht Baumgartner ein weiteres Problem: „Das Töten von Tieren ist aus dem Bewusstsein der Tierhalter verschwunden.“ In der modernen Fleischproduktion sei die Schlachtung ausgelagert an hochspezialisierte Betriebe, nur noch die wenigsten Landwirte würden beispielsweise für den eigenen Bedarf schlachten.

Am eigenen Blut erstickt

Das fehlende Wissen führe im Ernstfall zu erheblichen Problemen: Bei den Untersuchungen seien Rinderköpfe mit sechs Einschusslöchern von Bolzenschussgeräten entdeckt worden. Offensichtlich war es nicht gelungen, das Tier ordnungsgemäß zu betäuben. In anderen Fällen seien die Einschnitte in den Hals zu klein gewesen. Statt zu entbluten, seien die Tiere in der Folge an ihrem eigenen Blut erstickt.

„Die Tierhalter sind sich der Problematik bewusst, sie sind aber überfordert“, schlussfolgert Baumgartner. Den Missständen könne nur mit Aufklärung begegnet werden. Die Landwirte bräuchten eine Art Kriterienkatalog, der deutlich macht, ab wann eine Nottötung erforderlich und wie sie durchzuführen ist.

Kadaver Rohstoff für Zementindustrie

Das gesamte Ausmaß des Problems schätzt der Forscher als erheblich ein: „Hochgerechnet auf die gesamte Nutztierhaltung könnte bis zu ein Prozent der Tiere von diesem Schicksal betroffen sein. Niemand bekommt davon etwas mit, weil die Kadaver ein Rohstoff sind, der hauptsächlich in der Zementindustrie verfeuert wird.“

Tatsächlich kontrolliert zumindest in Deutschland bislang kein Amtstierarzt den Zustand der toten Tiere, die in Beseitigungsanstalten enden. Verstöße gegen den Tierschutz – ob nun bewusst oder unabsichtlich – bleiben so unentdeckt. Denn laut Tierschutzgesetz beschränkt sich die Überwachung grundsätzlich nur auf lebende Tiere.

Viele Tiere, wenige Tierärzte

Aber: Speziell in der Region Weser-Ems stehen knapp 50 Amtstierärzte zig Tausenden Ställen und vielen, vielen Millionen Tieren gegenüber. Das zeigt eine Umfrage unserer Redaktion bei den zuständigen Landkreisen. Die Chance, von einer behördlichen Kontrolle des Stalls und der Haltungsbedingungen betroffen zu sein, ist in der tierhaltungsintensivsten Region Deutschlands gering. (Weiterlesen: Weser-Ems: 90 Millionen Stallplätze für Geflügel)

Sterben Schwein, Rind oder Geflügel frühzeitig im Stall bleiben die Hintergründe also in aller Regel ungeklärt. Aufgeschreckt durch die Ergebnisse der Untersuchungen in den Tierkörperbeseitigungsanstalten will Niedersachsen diese Lücke schließen. Eine Arbeitsgruppe der Agrarministerkonferenz prüft derzeit, wie das gehen sollte. Denn es müsste nicht nur die Überwachung auf tote Tiere ausgedehnt werden. Zudem müsste auch eine Rückverfolgung der Kadaver zum Betrieb sicher gestellt werden.

Niedersachsen kritisiert Bund

Klar ist: Die Möglichkeiten der Länder sind eingeschränkt, denn Tierschutzrecht ist Sache des Bundes. Und der, so moniert zumindest Niedersachsen, entwickle kein besonderes Engagement dabei, das Schlupfloch zu schließen. Niedersachsens Landwirtschaftsminister und Agrarministerkonferenz-Vorsitzender Christian Meyer (Grüne) kritisiert: „Das ist ein weiteres Armutszeugnis für die Arbeit von Bundesagrarminister Christian Schmidt beim Thema Tierschutz.“ Meyer appelliert an Schmidt, „diese Rechtslücke endlich zu schließen und keine tierschutzrechtsfreien Räume entstehen zu lassen“.

Das Bundesministerium bestätigt, dass Tierkörperbeseitigungsanlagen grundsätzlich nicht der Kontrolle von Tierschutzbehörden unterlägen, wohl aber den für Tierseuchen zuständigen Behörden. Sollten deren Mitarbeiter bei ihren Kontrollen nun Hinweise auf Tierschutzverstöße entdecken, könnten sie ihre Kollegen darüber ja informieren. Fachleute sagen, dass das wiederum aus Datenschutzgründen möglicherweise gar nicht erlaubt sei. Jedenfalls heißt es aus Berlin: Sollte diese Praxis nicht ausreichen, werde das Ministerium prüfen, die Tierschutzüberwachung auf die Beseitigungsanstalten auszuweiten.

Eine Sprecherin des Bauernverbandes Landvolk Niedersachsen betont, für Tierhalter gehöre die besondere Verantwortung im Sinne des Tierschutzes zum Selbstverständnis. „Als Landvolk Niedersachsen verurteilen wir jegliche Unterlassung der Sorgfaltspflicht durch den Tierhalter.“


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