21.01.2017, 15:37 Uhr

Agrardemos in Berlin Zwei Bauern, zwei Meinungen: Streitgespräch über Landwirtschaft


Berlin. Beide sind Landwirte, beide haben am Wochenende in Berlin demonstriert. Der eine auf der Bauerndemo „Wir machen Euch satt“, der andere auf der agrarkritischen „Wir haben es satt“-Veranstaltung. Ein Streitgespräch am Rande der „Grünen Woche“ über die richtige Landwirtschaft zwischen Schweinehalter Bernhard Barkmann mit 1500 Tieren aus Messingen im Emsland und Ottmar Ilchmann, Milchbauer mit 60 Kühen aus Klostermoor in Ostfriesland.

Bernhard Barkmann: Mich stört diese Pauschalkritik bei „Wir haben es satt“ mit undefinierten Kampfbegriffen wie Massentierhaltung oder Agrarfabriken. Was soll das sein? Hauptsache schlechte Stimmung gegen Landwirtschaft verbreiten! In meinem Selbstverständnis bin ich emsländischer Kleinbauer. Viele sehen in mir aber den bösen Massentierhalter mit industriellen Strukturen. Dieses Image züchtet Ihr doch bei „Wir haben es satt“.

Ottmar Ilchmann: Ein altbekannter Vorwurf. Der wahre Gegner der intensiven Landwirtschaft sind doch nicht ihre Kritiker, sondern die Stufe zwischen Verbraucher und Bauer: die Verarbeiter und der Handel. Das sind die Preisdrücker und mit denen geht „Wir machen Euch satt“ eine Allianz ein. Das nenne ich mal einen Interessenkonflikt. Ich nehme auch deswegen an der agrarindustriekritischen Demo teil, um eine realistische Einschätzung der Landwirtschaft in die Debatte einzubringen. Die haben viele Verbände sicherlich nicht, die nur Tier- oder Umweltschutz im Blick haben.

(Weiterlesen: Tausende demonstrieren in Berlin gegen „Agrarindustrie“)

Barkmann: Realistisch? Was da gefordert wird, sind doch Wunschvorstellungen fernab der Realität auf den Höfen und in den Supermärkten. Du demonstrierst doch gemeinsam mit Verbänden, die Tierhaltung komplett ablehnen.

Ilchmann: Ja, auch das ist eine Meinung. Und zwar eine, die sich nicht durchsetzen wird. Dennoch sollte man ihr zuhören. Machen wir uns nichts vor: Es ist bereits vieles in Bewegung geraten, das sich nicht mehr aufhalten lässt – gerade beim Tierwohl. Man kann sich dagegen stellen und untergehen oder den Wandel aktiv mitgestalten.

Milchbauer Ottmar Ilchmann aus Ostfriesland (links) und der emsländische Schweinehalter Bernhard Barkmann. Foto: Dirk Fisser

Barkmann: Wer die Tierhaltung schnell und effektiv verbessern will, der muss eine positive Stimmung gegenüber Stallneubauten oder -umbauten verbreiten. Nur in neuen Systemen geht es den Tieren doch besser. Was Ihr aber macht, ist Anti-Stimmung verbreiten und damit das Höfesterben befördern. Denn wer sich nicht verändern kann oder darf, der gibt seinen Betrieb auf Dauer auf.

Ilchmann: Schauen wir doch mal ins Emsland: Da ist einfach kein Platz mehr für Kapazitätsausweitungen. Da sind wir an Grenzen gestoßen oder haben sie schon überschritten. Aber richtig: Der Umbau oder in Teilen Neubau von Ställen im Sinne des Tierwohls ist ein richtiger Weg. Falsch ist hingegen, nur auf Wachstum zu setzen. Dieser Weg hat viele Kollegen in der Milchkrise ins Verderben gestürzt.

Barkmann: Viele haben sich überschätzt oder / und sind schlecht beraten worden. Aber wir sollten nicht den Eindruck erwecken, als sei landwirtschaftliche Produktion gänzlich ohne Preisdruck möglich. Das wäre doch Planwirtschaft. Ich sage: Nicht immer nach dem Staat rufen, wenn es Probleme gibt. Natürlich ist ein Milchpreis von 20 Cent pro Liter viel zu wenig. Aber wo hören wir auf zu klagen? Bei 35 Cent? Bei 50 Cent?

Ilchmann: Die Rahmenbedingungen müssen aber stimmen! Wir laufen doch derzeit Gefahr, eine Zweiteilung der Landwirtschaft zu erleben: Auf der einen Seite eine Bullerbü-Landwirtschaft, die für die 20 Prozent der Bevölkerung produziert, die gerne mehr für Lebensmittel zahlt. Und auf der anderen Seite die industrielle Landwirtschaft, die auf Masse setzt. Das ist gefährlich: Diesen Job können auch Bauern in Brasilien oder Osteuropa übernehmen. Unsere einzige Chance lautet: Klasse statt Masse. Oder wir gehen alle zusammen unter. Auch Du!

Barkmann: Moment: Der Verbraucherwunsch und das Verbraucherverhalten sind zwei unterschiedliche Dinge. Viele wollen lieber Bio-Produkte kaufen, sie stört es dann aber nicht, wenn diese weite Wege hinter sich haben, weil sie importiert worden sind. Wie nachhaltig ist das? Das ist doch eine Art von Ablasshandel, um das schlechte Gewissen zu beruhigen. Ich plädiere für Veränderung, aber bitte Schritt für Schritt und nicht in Form einer verordneten Revolution. Mein Vater hat in seiner Jugend noch mit Pferd gepflügt. Mittlerweile fährt er einen Trecker mit GPS. Solche Entwicklungen werden wir auch weiter sehen. Man muss die Branche aber auch machen lassen!

Ilchmann: Die Agrarwende wird kommen. Und das bedeutet staatliche Vorgaben. Ich bin mir sicher: Wenn dann eines Tages keine billigen Hähnchenschenkel mehr in die Tiefkühltruhen der Supermärkte liegen, werden keine Kunden vor der Tür für billige Hähnchenschenkel demonstrieren. Klar, viele Menschen haben wenig Geld und müssen sparen, aber: Eine Sozialpolitik auf dem Rücken der Landwirte ist keine Option. Nur gemeinsam und im Schulterschluss mit der Gesellschaft kann der Wandel gelingen.


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