03.08.2015, 15:00 Uhr

Buch über Karmann neu erschienen Haute Couture aus Osnabrück

Produktion bei Karmann in den 50er Jahren: Käfer-Cabriolets machten damals den Großteil der Stückzahlen in Osnabrück aus. Foto: Archiv Gerhard PlackeProduktion bei Karmann in den 50er Jahren: Käfer-Cabriolets machten damals den Großteil der Stückzahlen in Osnabrück aus. Foto: Archiv Gerhard Placke

Osnabrück. Nach einer Überarbeitung ist jetzt die zweite Auflage des Buches „Die Karmann-Story“ erschienen. Kurz nach der Herausgabe der ersten Exemplare des Werkes im März dieses Jahres hatte der Verlag Delius Klasing (Bielefeld) einer Unterlassungserklärung zugestimmt und das Sachbuch aus dem Handel genommen.

Rainer Thieme, ehemaliger Chef des Osnabrücker Autobauers, sah in der Darstellung seiner Rolle für die Zeit seiner Karmann-Geschäftsführung (1990-2002) und darüber hinaus im dem Buch des Automobilhistorikers Bernd Wiersch eine Reihe falscher Tatsachenbehauptungen - dies hatte er in einem Gespräch mit unserer Redaktion erklärt.

Der ehemalige Karmann-Chef bezog sich auf Passagen in dem Buch, in denen Wiersch eine angebliche Klage des Hauses Karmann gegenüber Porsche beschreibt, die mit ursächlich für die spätere Karmann-Insolvenz gewesen sei. Das Gegenteil sei der Fall, hatte Thieme erklärt: Das Haus Porsche habe in den 1990er-Jahren Karmann verklagt. Es ging um die sogenannte Z-Faltung eines Cabrioletverdeckes, auf die Karmann damals internationale Patente hielt und die Porsche später für sein Modell Boxster verwendete. Durch diese immer wieder falsch dargestellte Tatsache hätten er und sein Team „in all diesen Jahren nur still gelitten“.

Passagen geändert

Nach der Einigung auf die Änderung einiger Passagen des Buches startet der Verlag jetzt einen neuen Anlauf. Herausgekommen ist ein Werk, dass die Geschichte des Hauses Karmann, das über Jahrzehnte der größte markenunabhängige Autobauer in Deutschland war, minutiös schildert. Autor Bernd Wiersch, lange Jahre Leiter des Volkswagen-Archivs in Wolfsburg und anerkannter Autor mehrerer automobilhistorischer Bücher, gibt hier einen sehr umfassenden Überblick über das Auf-und Ab des Unternehmens. Es war über lange Jahre der größte Arbeitgeber der Region Osnabrück.

Haute Couture

Weitsicht, unternehmerischer Mut, Fleiß und eine starke Mannschaft verschafftem dem Autobauer international einen hervorragenden Ruf – als „Haute Couture aus Osnabrück“, so auch der Untertittel des Buches, erlangten die Fahrzeuge weltweites Ansehen. In erster Linie trugen das VW-Käfer-Cabriolet, der Karmann-Ghia und das Golf-Cabriolet in ihren verschiedenen Ausführungen dazu bei.

Wiersch beschreibt in seinem Werk auch die intensive Zusammenarbeit der Herren Wilhelm Karmann senior und junior mit damals so renommierten Firmen wie Adler, Hanomag, der Auto Union mit ihren Marken DKW und Wanderer. Er vergisst nicht zu schildern, wie die Osnabrücker die immer wieder auftretenden Schwierigkeiten durch Schwankungen der Produktion gemeistert haben.

Firmengründung 1901

Im Jahr 1901 übernahm Wilhelm Karmann senior den Wagenbaubetrieb von Christian Klages in Osnabrück und setzte sehr schnell auf die Zukunft: das Automobil. Es ging aufwärts mit der anfangs kleinen Firma, auch nach dem herben Rückschlag durch die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs ließ sich Karmann nicht entmutigen. Rege Kontaktpflege mit potenziellen Kunden und seine Beharrlichkeit füllten wieder die Auftragsbücher in den 1920er und -30er Jahren. Der Autor schildert hier akribisch den Werdegang des Karmann-Werkes.

Ähnliches Klinkenputzen leistete der Firmenchef nach 1945, als ganz Deutschland und auch Osnabrück in Schutt und Asche lagen. Sein Sohn Wilhelm musste nach dem plötzlichen Tod des Seniorchefs eher als geplant 1952 die Geschicke der Firma übernehmen, war auf die neue Verantwortung aber sehr gut und gründlich vorbereitet. Der große Coup gelang Wilhelm junior mit dem Bau des Karmann Ghia auf VW-Käfer-Basis.

Aufträge aus der ganzen Welt

Coupe und Cabriolet kamen an beim Publikum, auf Dauer in den USA noch besser als in Europa. Die Firma expandierte, auch die Abteilungen Werkzeugbau, Produktionsmittel und Technische Entwicklung vergisst Wiersch nicht zu schildern. Aufträge auch aus anderen Häusern zur Entwicklung und/oder Produktion ganzer Automobile machten in den 1950er bis 2000er-Jahre einen immer größeren Anteil der Produktion aus. 1965 eröffnet Karmann in Rheine eine zweite Produktionsstätte in Deutschland, nachdem bereits ein Pendant in Brasilien entstanden war. BMW, Porsche, VW, Ford, Daimler, Audi, Opel, Renault, Seat, Nissan und verschiedene LKW-Firmen wie Scania, Büssing oder Henschel gehörten zu den großen Kunden der Osnabrücker. Immer wieder sorgten Karmann-Ideen und ausgeführte Prototypen für Aufsehen auf Automobilmessen – die Osnabrücker ruhten nicht, neue Wege vorzuzeichnen.

Das Aus kam 2009

Trotz sehr guter Geschäftsbeziehungen zu den großen Playern der Automobilindustrie und gewachsenen Verbindungen über Jahrzehnte hinweg gelang es Karmann letztlich nicht, sich dem Strudel des weltweiten Unterganges der Zunft der Auftragsfertiger zu entziehen. Das Aus für den selbstständigen Automobilbau in Osnabrück und Rheine kam 2009 mit der Insolvenz. Nur Monate später hatte der Volkswagenkonzern Teile des Karmann-Unternehmens übernommen und führt diese seitdem als eigenständige GmbH weiter. Auch diese dramatischen Phasen der Karmann-Historie werden in dem Wiersch-Buch leserfreundlich und in der neuen Auflage überarbeitet geschildert.

Autor ein anerkannter Fachmann

Der Verlag Delius Klasing schildert das Leben des Autoren Bernd Wiersch mit folgenden Worten (Auszug):

Bernd Wiersch ist Autor diverser automobilhistorischer Sachbücher mit dem Schwerpunkt Geschichte des Volkswagens und des Volkswagenwerks.

Nach seinem Studium der Geschichte und Publizistik an der Georg August Universität in Göttingen übernahm er 1969 die Stelle des Archivars bei der Volkswagen AG, die er bis zum Jahr 2000 innehatte. In diesem Zusammenhang war er für die Traditionspflege des Gesamtkonzerns zuständig. 1974 promovierte er bei Prof. Wilhelm Treue, einem der renommiertesten deutschen Wirtschaftshistoriker, mit dem Thema „Die Vorbereitung des Volkswagens“ an der Leibniz Universität Hannover zum Dr. phil. .

Einer der Schwerpunkte im Rahmen seiner beruflichen Aufgaben war der Aufbau einer historischen Fahrzeugsammlung für ein späteres Museum der Volkswagen AG. 1985 wurde das AutoMuseum Wolfsburg unter seiner Leitung in der Dieselstraße in Wolfsburg eröffnet, das mit über 70 Exponaten einen umfassenden Überblick über die Geschichte von Volkswagen lieferte.

Die permanente Weiterentwicklung der Ausstellung war in den darauf folgenden Jahren das Ziel. 1991 wurde das AutoMuseum Wolfsburg in eine gemeinnützige Stiftung umgewandelt und firmiert jetzt als Stiftung AutoMuseum Volkswagen. Bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 2003 war Bernd Wiersch Leiter Vorstand der Stiftung AutoMuseum Volkswagen.

Als besonderes Anliegen betrachtete Bernd Wiersch schon zu Zeiten des Eisernen Vorhangs die Aufarbeitung der Geschichte der Auto Union AG in Chemnitz als Vorläufergesellschaft der Audi AG, Ingolstadt. Er initiierte eine Kooperation mit der Verkehrshochschule in Dresden und ließ von dem renommierten Automobilhistoriker Dr. Peter Kirchberg Expertisen zu den einzelnen Traditionsmarken erstellen. Sie bildeten schließlich die Basis für die Traditionspflege des Ingolstädter Unternehmens.

Nach seinem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst widmete sich Bernd Wiersch in größerem Umfang wieder eigenen publizistischen Aktivitäten.


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