12.06.2015, 18:32 Uhr

Weltklasse nur auf dem Court Modekonzern Gerry Weber wirtschaftlich angeschlagen

Trübe Aussichten: Konzernchef Ralf Weber blickt auf eine schwierige Zukunft. Foto: H. KemmeTrübe Aussichten: Konzernchef Ralf Weber blickt auf eine schwierige Zukunft. Foto: H. Kemme

Halle/Westfalen. Auf dem Rasen dreschen von Samstag an Weltstars wie Roger Federer auf Tennisbälle ein, auf den Rängen fiebern die Zuschauer mit. Viele von ihnen könnten aber auch wegen ihrer Geldanlage angespannt sein – zumindest, wenn sie Aktionäre des Gastgebers Gerry Weber sind. Der Modekonzern aus Halle/Westfalen ist stark angeschlagen.

An der Börse stürzten die Gerry-Weber-Papiere Mittwoch um bis zu 30 Prozent auf 20,67 Euro ab – der tiefste Kurs seit dreieinhalb Jahren. Firmengründer Gerhard Weber verlor an einem Tag rund 56 Millionen Euro, sein Geschäftspartner Udo Hardieck etwa 34 Millionen Euro, wie mehrere Medien berichten.

Die Prognosen für den Modekonzern stehen nicht gut. Einige Analysten senkten den Daumen für Gerry Weber: Die Commerzbank zum Beispiel stufte die Titel herab auf „verkaufen“ von „halten“ und senkte das Kursziel auf 25 von 32 Euro.

Aber was ließ die Kurse fallen? Grund dafür war eine heftige Gewinnwarnung, die Vorstandschef Ralf Weber am Dienstag herausgegeben hatte. Er hatte für das laufende Bilanzjahr einen Rückgang des operativen Ergebnisses (Ebit) angekündigt - um 20 bis 25 Prozent nach 108,9 Millionen im Vorjahr. Ein Schock für alle Anleger, erwartet worden war zunächst ein leichter Ergebnisanstieg.

Massiv an Wert verloren

Innerhalb eines Jahres hat der Modekonzern 46 Prozent an Wert verloren, berichtet die Neue Westfälische. Beschäftigte befürchteten gar einen Stellenabbau. Zudem werde das Unternehmen im September wahrscheinlich aus dem Börsensegment MDAX ausscheiden, schreibt das Blatt und beruft sich auf Analysten des Bankhauses Lampe, eine Privatbank mit Sitz in Bielefeld und Tochterunternehmen des Konzerns Dr. Oetker. Der MDAX stellt ähnlich wie beim Fußball die zweite Liga deutscher Aktien dar. Darin sind die 50 Unternehmen aufgeführt, die auf die 30 DAX-Unternehmen folgen.

Als Grund für die finanziellen Einbußen des Modekonzerns nannte Vorstandschef Weber neben hohen Expansionskosten ungünstige Wetterbedingungen sowie anhaltende Rabattschlachten. Darauf verwies das Unternehmen am Freitag auch in der Mitteilung seiner Zahlen für das zweite Quartal des Geschäftsjahres. Der Nettogewinn sank demnach in den ersten sechs Monaten auf 21,9 Millionen Euro von 32,7 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Der Umsatz soll am Ende des laufenden Geschäftsjahres jedoch dank der Übernahme des Konkurrenten Hallhuber um einen hohen einstelligen Prozentbereich steigen.

„Temporärer Effekt“

„Zweifelsohne handelt es sich um einen temporären Effekt, und wir initiieren umfassende Maßnahmen auf allen Ebenen des Unternehmens“, sagte Weber. Dazu zähle, flexibler in der Warenbeschaffung zu werden, heißt es aus dem Unternehmen. Der Bedarf soll schneller an aktuelle Trends angepasst werden können. Auf diese Weise würden auch Überbestände im Lager zum Ende einer Saison vermieden. Darüber hinaus sollen Sach- und Personalkosten strikter überwacht werden.

Bereits im vergangenen Jahr musste Gerry Weber den Rabattschlachten mit Konkurrenten und Wetterkapriolen Tribut zollen und seine Wachstumsziele eingrenzen. Umsatz und Gewinn stagnierten weitestgehend. Das Unternehmen hatte im vergangenen Jahrzehnt unter der Regie von Firmengründer Gerhard Weber einen rasanten Expansionskurs eingeschlagen und immer wieder die Umsatzmilliarde ins Visier genommen, die bislang aber nicht erreicht wurde.

Bis nächste Woche Sonntag messen sich die Tennis-Stars auf dem Court in Halle – der Großteil zählt zu den Top-80 der Welt. Fliegt Gerry Weber aus dem MDAX sind dessen Zeiten unter den stärksten 80 Deutschlands vorerst vorbei. (mit Reuters)


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