07.03.2015, 10:16 Uhr

Autobauer Karmann in Osnabrück Osnabrücker Flitzer: Vor 60 Jahren startet Karmann Ghia


Osnabrück. Er prägte maßgeblich das Bild des Autobauers Karmann in Osnabrück: der Karmann Ghia. Der schicke Flitzer auf VW-Käfer-Basis verzauberte ab 1955 Zigtausende Autofahrer und vor allem Autofahrerinnen.

Noch heute, 60 Jahre nach dem Erscheinen des Zweisitzers aus der Hasestadt, bekommen viele leuchtende Augen, wenn vom Karmann Ghia die Rede ist – egal ob als Coupé oder, noch eleganter, als Cabriolet.

Alltagstauglicher Zweisitzer

Wilhelm Karmann jun. hatte im Alter von 38 Jahren Ende 1952 nach dem Tod seines Vaters die Leitung des Traditionsunternehmens übernommen. Schon seit Längerem schwelte in ihm der Gedanke, mit einem sportlichen, aber alltagstauglichen Zweisitzer den britischen Autobauern Paroli bieten zu können – gerade auch auf dem boomenden US-Markt. Die Zulassungszahlen von Anbietern wie Triumph oder MG jenseits des Großen Teiches bestärkten ihn in dem Willen, sich von diesem Kuchen ein Stück abzuschneiden.

Cremefarbenes Schmuckstück

Also nimmt sich Karmann auf dem Genfer Salon 1953 seinen alten Weggefährten Luigi Segre zur Seite. Der Chef und Besitzer der alteingesessenen Karosseriefirma Ghia in Turin soll einen Traum auf (VW-)Rädern schaffen. Und Segre liefert: Schon ein halbes Jahr später lotst Luigi seinen Freund Wilhelm im Herbst am Rande des Pariser Salons in eine Garage der Millionenstadt. Dort präsentiert der Italiener stolz sein cremefarbenes Schmuckstück. Karmann ist begeistert. Unter strengster Geheimhaltung kommt der Wagen nach Osnabrück.

Tag und Nacht vermessen die Karmann-Spezialisten den Wagen, denken über die Umsetzung für die Produktion nach, rechnen das Projekt durch. Nachdem VW-Boss Heinrich Nordhoff sehr angetan von dem Wagen ist und den neuen Typ freigibt – auch weil ihm die Kalkulation gefällt – legen die Karmänner richtig los. Sie konstruieren den Wagen durch, fertigen Werkzeuge und Montagevorrichtungen. Von vornherein ist auch ein Cabriolet des Wagens geplant – ein Gebiet, auf dem der Osnabrücker Karosseriebauer besonders viel Erfahrung hat.

Streng geheimes Karmann-Projekt

Am 14. Juli 1955 scheint die Sonne vom norddeutschen Himmel. Und mit ihr um die Wette strahlen Wilhelm Karmann und seine Mannschaft, die den Karmann Ghia stolz einer illustren Journalistenschar und wichtigen VW-Händlern präsentiert. Ort des Geschehens: das Kasino-Hotel in Georgsmarienhütte bei Osnabrück. Bis zu diesem Zeitpunkt war das Projekt streng geheim. Erst nach der Begrüßungsansprache wird der Vorhang im Festsaal zur Seite gezogen: Vor einem stilisierten Italien-Panorama steht ein gazellenbeiges Coupé, dessen Anblick den Anwesenden die Sprache verschlägt. Der Karmann Ghia ist geboren – jung, schick, ein Kind der Zeit.

Italienischer Charme

Journalisten und Händler sind gleichermaßen begeistert. Während der Präsentation hatten Karmann-Mitarbeiter weitere zehn Wagen vor das Kasino gefahren. Die Gäste begutachten den Neuling ausgiebig, staunen nicht nur über das gelungene Blechkleid mit italienischem Charme. Auch innen bietet die Neuschöpfung einiges: wohlgeformte Sitze, Teppichboden, eine elektrische Zeituhr – Luxus der 1950er-Jahre.

„VW im Sonntagskleid“

Die Presse überschlägt sich mit positivem Echo: Von einer „Sensation aus Osnabrück“ spricht die heimische „Neue Tagespost“, die Konkurrenzzeitung „Osnabrücker Tageblatt“ stellt einen „Wagen von Format“ vor. Die Kollegen der „FAZ“ schreiben gar vom „VW im Sonntagskleid“ – kurz: Die deutsch-italienische Neuschöpfung made in Osnabrück kommt an.

Nach der glanzvollen Premiere entwickelt sich schnell eine rege Nachfrage nach dem Wagen. Viele Dinge sprechen für ihn: der glanzvolle Auftritt, der problemlose Service in VW-Werkstätten, die erprobte Käfer-Technik. Trotz eines stolzen Preises von 7500 DM (zum Vergleich: VW Käfer ab 3790 DM, Mercedes 180 ab 8700 DM) – ein Facharbeiter hat damals pro Woche knapp 90 DM in der Lohntüte – wird die Neuschöpfung gut verkauft. Wilhelm Karmann muss die Tagesstückzahl zügig von den geplanten 10 bis 15 Wagen pro Tag erhöhen. Keine einfache Aufgabe bei der komplizierten Karosseriestruktur, bei der noch viel Handarbeit vonnöten ist. Zusammen mit seinen Mitarbeitern schafft es der Autobauer, bereits im Oktober 1956 den 10000. Karmann Ghia zu fertigen. Bis dahin – und teilweise auch noch heute – haben die Leute immer noch nicht gelernt, den Namen des Autos richtig auszusprechen: Karmann ist kein Problem, aber das gh im italienischen Wort Ghia klingt richtig wie bei Spaghetti – keineswegs, wie leider häufig gehört, wie „Dschia“.

Fahrt in das Wirtschaftswunder

Weniger Probleme dagegen macht der Wagen selbst. Die ausgereifte Käfer-Technik bringt die zwei Insassen ohne viel Aufhebens ans Ziel. Planmäßig steht auf den Ständen von VW und Karmann zur IAA 1957 ein neuer Hingucker: das Karmann Ghia Cabriolet. Nun steht einer Fahrt in das Wirtschaftswunder auch mit heruntergeklapptem Verdeck nichts mehr im Wege.

Wie sein Bruder mit festem Dach machen die Karmänner alle Modellpflege-Maßnahmen des Volkswagens mit, ja sind dem Technikspender aus Wolfsburg manchmal sogar ein bisschen voraus. So zeigt ein Karmann Ghia von Beginn an eine Fahrrichtungsänderung schon durch Blinker an, während beim Käfer noch lange Jahre die Winker aus ihrem Versteck am Dachholm krabbeln. Zum Modelljahr 1967 spendiert VW dem Osnabrücker Modell neben Scheibenbremsen auch schon eine Zweikreisbremse.

Bis zu 50 PS

Die Leistung des Karmann Ghia steigt von 30 PS aus 1200 ccm über 34, 40 und 44 PS im Jahr 1970 schließlich auf 50 Pferdestärken aus 1600 ccm. Seit Jahren schon werden die meisten Fahrzeuge in die USA geliefert, wo der Typ als schöner Volkswagen die Herzen der Amerikaner geradezu im Sturm erobert hat. Bis zum Produktionsstopp im Sommer 1974 verlassen mehr als 443000 Exemplare – davon 80881 Cabrios – die Bänder im Osnabrücker Stadtteil Fledder. Bis dahin ist der Karmann Ghia das mit großem Abstand meistgefertigte Modell der Osnabrücker Autofabrik. Wilhelm Karmann hatte zweifellos den richtigen Riecher, Anfang der 50er-Jahre.


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