21.02.2015, 10:00 Uhr

Küchenmaschine für 1109 Euro Der Thermomix: Das Statussymbol in der Küche

Susanne Trippe, Ingeborg Dimmerling und der Thermomix TM5 beim Probekochen in Melle. Foto: Corinna BerghahnSusanne Trippe, Ingeborg Dimmerling und der Thermomix TM5 beim Probekochen in Melle. Foto: Corinna Berghahn

Osnabrück. Eigentlich ist er doch nur eine Küchenmaschine. Was also hat der Thermomix, was ihn so beliebt macht und seine meist weiblichen Benutzer so glücklich? Wir sind dem Phänomen einmal auf den Grund gegangen.

Kordula Pots ist traurig. Vor wenigen Wochen hat sich die Frau aus Melle getrennt und jetzt wartet sie, dass er endlich kommt. Zwar weiß sie, dass sie geduldig bleiben muss, aber das gestaltet sich schwierig, wenn man sich so sehr sehnt. Wonach? Nach dem Thermomix TM5, dem neuen Modell der Küchenmaschine, die, glaubt man dem Hersteller Vorwerk, diversen Internetforen und Kordula Pots so viel mehr ist als eine Küchenmaschine. Günstig ist der Thermomix nicht: 1109 Euro kostet das Gerät. Zudem dauert es, bis es geliefert wird: Stolze zwölf Wochen muss Pots warten. Ihr altes Model, den Thermomix TM31, hatte sie schon abgegeben. Nun ist der Platz in ihrer Küche verwaist.

An diesem Abend findet bei ihr im Meller Ortsteil Westhoyel ein „Erlebniskochen“ statt. So heißen die Veranstaltungen, in denen potenziellen neuen Käufern das Wunderwerk vorgeführt wird. Susanne Trippe führt durch den Abend. Die dreifache Mutter besitzt selbst seit sechs Jahren einen Thermomix und ist seit drei Jahren als sogenannte Thermomix-Repräsentantin für den Bereich Osnabrück tätig. Derlei Vorführabende macht sie bis zu drei Mal in der Woche. Ebenfalls vor Ort ist Ingeborg Dimmerling; sie ist als Bezirksleiterin bei Vorwerk für Trippe und die weiteren Repräsentanten zuständig.

Nur im Direktvertrieb

Zu kaufen gibt es das Gerät in alter Vorwerk-Tradition ausschließlich über den Direktvertrieb. Auf der Thermomix-Website im Internet kann man im Online-Shop daher auch nur Termine vereinbaren. „Man muss einfach erleben, was der Thermomix kann, um von ihm überzeugt zu sein“, erklärt Trippe. Und die Repräsentanten haben viel zu tun: „Allein im September und Oktober 2014 hatten wir einen Zuwachs von 3.000 selbstständigen Repräsentantinnen. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum bedeutet dies eine Steigerung von 50 Prozent“, sagt Stefanie Schwärtzel aus der Presseabteilung von Vorwerk. Ein Grund dafür könnte aber auch sein, dass man sich den eigenen Thermomix quasi dadurch abbezahlen kann, indem man für Vorwerk als Repräsentantin oder Repräsentant arbeitet.

Das Prozedere hat wohl auch einen weiteren Grund: Eine Küchenmaschine für 1109 Euro, die in einem Laden neben anderen, weitaus günstigeren Geräten steht, könnte sich im preisbewussten Deutschland schnell zum Ladenhüter entwickeln. Und was noch wichtiger ist: Dieses System erhöht zusammen mit dem Preis den Nimbus des Gerätes weiterhin. „Es geht bei diesen Terminen nicht nur um das Verkaufen, es geht darum, die Menschen vom Thermomix zu begeistern“, beteuert Dimmerling.

Wirtschaftlicher Erfolg des Gerätes

Für Vorwerk rechnet sich der Thermomix-Direktverkauf: Alle 38 Sekunden, so das Unternehmen, wird irgendwo auf der Welt ein Thermomix verkauft. Knapp 200.000 Geräte hat die Firma 2013 in Deutschland verkauft, weltweit waren es in dem Jahr rund 840.000. Der Geschäftsbereich Thermomix erzielte im Jahr 2013 mit 17 Prozent Plus einen Umsatz von 800 Millionen Euro weltweit, und ist damit der Geschäftsbereich mit dem dynamischsten Wachstum bei Vorwerk, so das Unternehmen. In diversen Bereichen des Unternehmens gab es aufgrund der Nachfrage auch Neueinstellungen, so Schwärtzel. (Weiterlesen: Sieben Fakten über den Thermomix)

Nicht abzuwenden war trotz alldem jedoch die lange Wartezeit von zwölf Wochen, oder anders gesagt: Nicht für jeden Thermomix gibt es einen Deckel: „Durch die hohe Nachfrage nach dem Thermomix, die weit über unseren Erwartungen liegt, ist die Kapazität der Deckelproduktion ausgeschöpft. Jedoch arbeitet Vorwerk bereits mit Hochdruck daran, die Kapazität auszubauen“, erklärt Schwärtzel.

Idiotensicheres Kochen

In Westhoyel haben sich mittlerweile drei Bekannte von Kordula Pots eingefunden: Die Frauen sind alle über vierzig Jahre alt und freuen sich über ihren Feierabend. Zwei von ihnen haben schon von dem Thermomix gehört, die dritte jedoch noch nie. Es herrscht eine lockere Atmosphäre, vielleicht wegen des gereichten Proseccos, vielleicht auch, weil Trippes Lobeshymnen auf das Gerät eine gespannte Vorfreude verbreitet.

Es gibt Baguette, einen Rohkostsalat, einen Aufstrich, Fruchteis und eine Gemüseplatte mit Reis und Sauce. Kochen darf jede von den Anwesenden an diesem Abend eine dieser Speisen. Wobei das Wort „kochen“ es nicht wirklich trifft: Man „füttert“ das Gerät mit den Zutaten und das verarbeitet sie dann. Dabei hält man sich an die Vorgaben, die auf den Touchscreen angezeigt werden. „Guided Cooking“ heißt das beim Thermomix. Man könnte es aber auch „Kochen für Dummys“ nennen.

Das Zubereiten geht schnell und die unangenehmen Seiten des Kochens, wie Rühren, Schneiden und später der Großabwasch all der gebrauchten Brettchen und Schalen, entfallen größtenteils. Selbst das gleichzeitige Dünsten des Gemüses in einer oberhalb des Mixbehälters befindlichen Schale, während unten der Reis gekocht wird, ist unkompliziert. Jedes Rezept gelingt garantiert, so Trippe, wenn man sich man sich an die Vorgaben des analogen oder digitalen Kochbuches hält. Letzteres wird wie ein magnetischer Chip seitlich an der Maschine befestigt. Selbst wer mit der Technik hadert, kriegt das hin. Kurzum: Der Thermomix ist idiotensicher. Was er jedoch nicht kann, ist backen und anbraten.

Fanatische Thermomix-Fans

Lauscht man Dimmerling und Trippe, scheint es sich beim Thermomix um einen Life-Changer zu handeln: Seitdem sie ihn benutzen, beteuern beide, habe sich ihr Leben grundsätzlich verändert. Für Trippe bedeutet ihr Tun als freie Handelsvertreterin den Wiedereinstieg in das Berufsleben, Dimmerling kündigte ihre Stelle beim öffentlichen Dienst, um bei Vorwerk neu zu starten. Beide, so sagen sie, treffen immer wieder auf Menschen, die durch den Thermomix glücklich geworden sind.

Allerdings scheinen auch die Käufer nachhaltig begeistert vom Produkt zu sein – trotz des Preises. Wirft man einen Blick in diverse Kochforen im Internet, wird dort gegen jegliche Kritik die Ehre des Thermomixes mit ekstatischen Kommentaren verteidigt. Fast so, als handele es sich um das Wohlergehen der eigenen Kinder. Erboste Kommentar erhielt auch die Stiftung Warentest, die dem Thermomix TM31 2010 im Küchenmaschinentest mit „befriedigend“ bewertete.

Dort bemängelte man vor allem die Lautstärke des Geräts. Tatsächlich ist diese kurzzeitig ohrenbetäubend, wie sich an dem Vorführabend in Melle beim Mahlen der Dinkelkörner fürs Brot zeigt. Trippe jedenfalls weist die Damen vor dem Geräusch darauf hin, so erschreckt sich keine.

Statussymbol schlägt Preis

Aber wie kann es sein, dass sich das Gerät in einem Land mit „Geiz ist geil“-Mentalität wie Deutschland, einer so überzeugten Fanschar erfreut? „Es gab in den vergangenen Jahren einige Trendwellen“, berichtet Hermann Hutter vom Bundesverband für den gedeckten Tisch, Hausrat und Wohnkultur (GPK) in Köln: „Erst wollte man große und teure Kaffeemaschinen, dann kam die Grillwelle. Zurzeit sind es die Küchenmaschinen.“ Menschen, die mit Topf, Pfanne und Stabmixer auskommen, mögen über derartige Preise die Köpfe schütteln, doch tut das der Begeisterung technikaffiner und solventer Hobby-Köche an hochpreisigen Küchenmaschinen keinen Abbruch.

Kein Wunder also, dass der Thermomix nicht die einzige mit Kochfunktion ist, die in deutschen Vorzeigeküchen heimisch werden will: Krups verkauft seit vergangenem Jahr in Deutschland den „Prep & Cook“ für 800 Euro, Artisan startet den in vielen Farben erhältlichen und im Retro-Stil designten „Kitchen Aid Cook Processor“ für 999 Euro und Kenwood hat den „Cooking Chef“ für 1399 Euro. Fazit: Eine Küchenmaschine darf auch den Preis eines Gebrauchtwagens haben, denn sie ist ebenso Maschine wie begehrtes Statussymbol.

Ob die Konkurrenzprodukte den Status des Thermomix erreichen, muss sich noch zeigen: Wer einen besitzt, gehört zu einer von sich selbst sehr überzeugten Community mit diversen Youtube-Koch-Kanälen und an Inhalten explodierenden Online-Rezeptforen. Am Ende des Abends hat Susanne Trippe dann auch weitere Mitglieder für diese Gemeinschaft gewonnen: Zwei Thermomixe werden verkauft und gleichzeitig eine neue Beraterin geschult. Und Kordula Pots bekommt ein Gastgeschenk, das sie über die Wartezeit vertröstet: Ein Rezeptbuch für den TM5.


Geschichte des Thermomix

Der Thermomix kein rein deutsches Phänomen: Südeuropa galt lange Zeit als der erfolgreichste Markt für die Maschine. In Portugal – wo er wie auch in Italien – unter dem Namen „Bimby“ bekannt ist, verkauften sich noch 2012 mehr Thermomixe als iPhones. Verkauft wird er in 70 Ländern.

Seinen Ursprung hat das Gerät im Jahr 1961, damals noch ohne die Aufwärmfunktion. In den 70-er Jahren hatte das Gerät dann seinen Durchbruch. Allerdings in Frankreich, wo man auf die Idee kam, neben dem Kleinmachen die Speisen – besonders Suppen - zu erwärmen. Anfang der 1980er kam der nun Thermomix genannte TM3300 auf den italienischen Markt, 1984 auf den deutschen.

1996 folgte der TM21, 2004 wurde der TM 31 eingeführt. Zu einem kleinen Skandal kam es im September 2014, als für viele Kunden völlig überraschend der TM5 auf den Markt kam: Viele der Kunden, sie sich zuvor für rund 1000 Euro das alte Modell zugelegt hatten, waren sauer, dass es plötzlich die neue Version mit farbigen Touchscreen und „Guided Cooking“ gab. Auch die sogenannten Thermomix-Repräsentanten erfuhren erst kurz vorher von dem neuen Gerät. Sie reagierten bei der extra für sie angesetzten Show-Vorstellung in Frankfurt teilweise mit Glückstränen, wie Dimmerling erzählt.

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