26.11.2012, 18:54 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Wahl zwischen Pest und Cholera Versicherungskunden mit Altverträgen unter Druck

Im Fokus: Altverträge von Lebensversicherungen. Foto: dpaIm Fokus: Altverträge von Lebensversicherungen. Foto: dpa

Osnabrück. Eigentlich hat Caroline S. allen Grund zur Freude: Im Januar ist ihre Lebensversicherung auszahlungsreif, in die die 60-Jährige 30 Jahre lang unter Entbehrungen eingezahlt hat. Doch was ihr eigentlich Sicherheit im Alter verschaffen sollte, raubt ihr jetzt den Schlaf.

Der Grund: Eine Änderung des Versicherungsvertragsgesetzes, die der Bundestag am 8. November beschlossen hat, könnte die Lage vieler Lebensversicherungskunden mit sogenannten Altverträgen erheblich verschlechtern. Denn tritt sie wie geplant am 21.Dezember in Kraft, werden die Versicherten künftig nicht mehr wie bislang automatisch mit der Hälfte an den stillen Reserven auf festverzinsliche Wertpapiere beteiligt, wenn ihr Vertrag ausläuft oder sie kündigen. Stattdessen wird wie bei Neuverträgen schon der Fall in einem komplizierten Verfahren ein Faktor zur Stabilisierung der Lebensversicherer abgezogen und erst danach die Beteiligung der Kunden ermittelt werden. Und die dürfte dann deutlich unter den bisherigen Werten liegen.

Bisher ist offiziell von maximal 10 Prozent Verlusten die Rede. Doch der Versicherungsberater von Caroline S. will am Telefon auch 25 Prozent nicht ausschließen: „Ehrlich gesagt, auch wir wissen nichts Genaues“, stellt er fest. Ein freier Finanzberater, der anonym bleiben möchte, spricht von Einbußen in Höhe von 15 000 bis 20 000 Euro bei einer Versicherungssumme von 150 000 Euro.Er prüft jetzt seine privaten Versicherungen.

Verlangt haben die Gesetzesänderungen angeblich die Versicherer. Denen machen vor allem die Altverträge zu schaffen. Bis Juli 2000 hatten die Versicherungspolicen noch einen Garantiezins in Höhe von vier Prozent ausgewiesen. Bei Laufzeiten von 30 Jahren und mehr wird es für die Versicherer immer schwerer, diese Versprechen zu erfüllen, geschweige denn einen Überschuss zu erwirtschaften. Doch noch ist der hohe Garantiezins der Altverträge wohl unantastbar. Also geht man stattdessen an die Überschussbeteiligungen. Tritt die Gesetzesänderung am 21. Dezember in Kraft, können die Versicherer sich erstmal entspannt zurücklehnen.

Caroline S. aber sucht verzweifelt nach einer Lösung. Von der Änderung hat sie wie die meisten Betroffenen erst vor wenigen Tagen durch Zufall erfahren. Obwohl ihr Vertrag schon im Januar auszahlungsreif ist, wurde sie über die neue Entwicklung nicht informiert, „Das finde ich auch deshalb empörend, weil ich durch eine sofortige Kündigung meinen Schaden vielleicht noch begrenzen könnte“, sagt die 60-Jährige. Deadline für die Kündigung ist für Caroline S. Ende November. „Wie soll ich mir jetzt in so kurzer Zeit aber noch ausreichend Klarheit verschaffen, ob ein solcher Schritt in meinem speziellen Fall überhaupt sinnvoll ist?“, fragt sie ratlos.

Die Financial Times Deutschland rät Kunden mit alten Verträgen, die 2013 ablaufen, sie sollten sich vom Versicherer ausrechnen lassen, wie hoch der Unterschied zwischen Kündigung jetzt und damit Berechnung der Überschussbeteiligung noch nach den alten Regeln und Warten bis Ablauf ist. Dabei müsse der Versicherte aber zusätzlich unbedingt mögliche steuerliche Nachteile berücksichtigen.

Auch Verbraucherschützer raten, nichts ohne genaue Prüfung zu unternehmen. Eine Kündigung lohne sich in der Regel, wenn die Police kurz vor der Auszahlung stehe. Nur dann sei der Rückkaufswert, also der Betrag den Kunden bei einer Kündigung erhalten, hoch genug.

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft will nach einem Pressebericht nicht ausschließen, dass einzelne Kunden bei Kündigung besser dastehen. Das hänge allerdings sehr vom einzelnen Unternehmen ab, der Geschichte seiner Kapitalanlagen und weiteren Faktoren, betonte eine Sprecherin.

Endgültig Klarheit haben Caroline S. und andere Betroffene wohl erst am 21.Dezember: Denn dann soll die Änderung zusammen mit den Unisex-Tarifen in Kraft treten. Kündigen kann Caroline S. den Vertrag dann aber nicht mehr. Macht sie das jetzt zu Ende November, geht sie das Risiko ein, dass die Verluste durch die Kündigung möglicherweise höher sind als die durch die Reduzierung der Überschussbeteiligung. Genaues weiß man ja angeblich auch bei den Versicherern noch nicht.

Der Finanzexperte der Grünen, Gerhard Schick, rügt deshalb auf seiner Webseite vor allem die mangelnde Transparenz: „Es darf nicht zum vierten Mal eine Maßnahme zur Stabilisierung des Lebensversicherungssektors beschlossen werden, ohne dass genau dargelegt wird, welche Maßnahmen wirklich nötig sind und zu wessen Lasten in welcher Höhe diese Maßnahmen erfolgen“, so Schick. Gleichzeitig fordert er die Versicherungswirtschaft auf, die Errechnung der Überschussbeteiligung offenzulegen.

An Transparenz mangelt es offensichtlich aber auch dem Gesetzgebungsverfahrenselbst: Nach einem Bericht von „Monitor“ wurde die Änderung quasi „In einer Nacht-und-Nebel-Aktion“ durchgewinkt. Angeblich habe man so eine Kündigungswelle vermeiden wollen.

Caroline S. hat sich auch vier Tage vor Ablauf der Kündigungsfrist noch nicht entschieden: „Ich habe das Gefühl, ich kann nur zwischen Pest und Cholera wählen“, sagt sie resignierend. Der freie Finanzberater dagegen wird kündigen: Seine Lebensversicherung über 80000 Euro läuft im Januar aus: „Statt 80000 bekomme ich dann zwar nur etwa 78000 Euro. Das ist aber immer noch besser als 74000 Euro, die mir bei der Neuberechnung der Überschussbeteilung bleiben würden.“


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