17.04.2017, 17:22 Uhr

Nur 1:1 beim FSV Frankfurt Mengas Tor: Lichtblick einer rätselhaften Elf des VfL Osnabrück


Da war viel mehr drin. Ein Fazit, das nicht nur das maue 1:1 des VfL Osnabrück beim FSV Frankfurt vor trister Kulisse in der 3. Liga beschreibt. Ein Analyseversuch anhand der Faktoren Ausstrahlung, Sicherheitsdenken und Kreativität sowie Mut – und der Qualitätsfrage.

Osnabrück. Etwas empört reagierte Marcel Appiah nach der Partie auf die Frage, ob im Strafraum des Gegners der letzte Schuss Wille fehle, das Tor unbedingt machen zu wollen. „Die Mentalitätsfrage ist generell unangebracht“, so der Abwehrspieler. Wieso gingen aber VfL-Fans zuletzt oft mit dem Gefühl aus dem Stadion, dass mehr möglich gewesen wäre als etwa ein 1:1 in Frankfurt am Ostersonntag? Dass man vielleicht nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft hat bei einem Team, das vor der Partie wegen der Insolvenzerklärung quasi als Absteiger feststand?

Nun gehört zur Wahrheit, dass sich die FSV-Spieler nicht aufgegeben hatten: Im dichten 5-4-1-System erwarteten sie den VfL in dem Wissen, dass dieser zuletzt in Ballbesitz nicht geglänzt hatte. Der FSV lauerte auf Fehler und Konter – und hätte bei Sebastian Schachtens Kopfball über das Tor treffen müssen (7.). Durch Fabian Burdenski hätte er treffen können (27.). In den Schuss des Sohnes des Bremer Rekord-Torwarts warf sich aber in Torwart-Manier Marc Heider, wehrte den Ball mit dem Körper ab und bügelte so seinen eigenen Ballverlust aus.

Die Szene des Routiniers, strahlte Kampfgeist aus, wurde von Mitspielern und den VfL-Fans hinter dem Tor gefeiert und riss alle mit – sie blieb aber lange Zeit die Einzige im VfL-Spiel. Nun ist es nicht so, dass nur Aktionen, die öffentlichkeitswirksam Einsatz symbolisieren, eine gute Fußballelf ausmachen. Es ist aber so, dass das Ausbleiben solcher Situationen eine Mannschaft auch nicht anschiebt – vor allem dann, wenn statt dessen Fehler und Versäumnisse ihr Spiel prägen.

Dafür steht Konstantin Engels Schlafmützigkeit, der nach fünf Sekunden einen langen Ball falsch berechnete und unnötig Druck über seine Seite heraufbeschwor. Dafür steht das wiederholt verspätete Anlaufen von Jules Reimerink, der seine Gegenspieler oft flanken ließ – etwa vor dem 0:1. Dafür steht vor allem die Tatsache, dass viele VfL-Fußballer zu oft nach einem Abspiel das Tempo herausnahmen und stehenblieben. Motto: Verantwortung abgeschoben, Arbeit erledigt.

Da strahlte Frankfurts Cagatay Kader etwas anderes aus: erst behauptete er gegen Christian Groß am Strafraum den Ball und setzte Burdenski auf dem Flügel ein. Dann rannte er nach dem Abspiel direkt vor das Tor und köpfte ein– während Anthony Syhre und Konstantin Engel stehen blieben und Marcel Appiah sich nur an einem anderen Frankfurter und nicht am über ihn hinweg fliegenden Ball orientierte. „Kinderfehler einer Kindermannschaft“, kommentierte Alexander Dercho das 0:1 hinterher.

Der 30-Jährige war über weite Strecken mit Vorstößen, Flanken und Dribblings gefährlichster VfL-Akteur – als Linksverteidiger (hier die Einzelkritik aller VfL-Fußballer). Stürmer Heider rackerte, rieb sich in vielen Zweikämpfen im Zentrum ebenso auf wie Kwasi Okyere Wriedt, der oft fahrig agierte, einen hastig abgefeuerten Schuss neben das Tor setzte (47.) und bei einem aussichtsreichen Dribbling nur einen Abstoß produzierte – anstatt eines Eckballs oder des möglichen Foulelfmeters (34.).

Noch augenfälliger war aber die Statik im VfL-Mittelfeld: Nazim Sangaré, der in einer zurückliegenden Phase der Saison als Rechtsverteidiger eine ähnliche Rolle wie Dercho spielte, war eine Position weiter vorn erneut abgemeldet. Und im Zentrum verteilten Anthony Syhre und Christian Groß zwar Bälle von links nach rechts oder hinten, aber erzeugten fast nie Gefahr mit einem vertikalen Pass.

Das änderte sich, als Ahmet Arslan, Bashkim Renneke und Addy Menga jene Statik als Einwechselspieler aufbrachen. Bereits Renneke hätte nach Pass von Arslan das 1:1 machen müssen (72.). Erst Menga überwand nach Heiders Pass per trockenem 13-Meter-Schuss FSV-Keeper Jannis Pellowski. Danach entwickelte sich ein offener Schlagabtausch mit Chancen auf beiden Seiten, etwa für Wriedt (82.) und Schachten (90+2), ein Tor fiel nicht mehr.

VfL-Trainer Joe Enochs kritisierte bezüglich der wilden Schlussphase nicht ganz zu Unrecht, dass Ordnung und Struktur seiner Elf auf dem Feld verloren gegangen sei – die Partie sei in der letzten Viertelstunde „wie ein A-Jugend-Spiel“ gewesen. Fakt ist aber auch: Der VfL agierte im A-Jugend-Modus gefährlicher als in der starren Statik zuvor. Ob ein früheres Lösen aus jener Statik einen abbauenden und durch die Insolvenznachricht auch etwas demoralisierten Gegner noch mehr in Bedrängnis gebracht hätte, bleibt spekulativ. Sicher ist nach dem 1:1 aber, dass der VfL im Saisonendspurt der 3. Liga viel mehr Risiko gehen muss, wenn er einen ernsthaften Angriff auf die vorderen Plätze überhaupt noch versuchen will.

Hier gibt es weitere Reaktionen aus Frankfurt.


9 Kommentare