14.04.2015, 18:10 Uhr

„Ich will, dass so etwas aufhört“ Menga über Beleidigungen eines Dresdner Kollegen

Direktes Duell kurz vor Weihnachten: Addy-Waku Menga (Osnabrück) und Dennis Erdmann (Dresden). Foto: imagoDirektes Duell kurz vor Weihnachten: Addy-Waku Menga (Osnabrück) und Dennis Erdmann (Dresden). Foto: imago

Osnabrück. Ganz allgemein ist es leicht, sich gegen Rassismus und Diskriminierung zu bekennen. Schwierig wird´s im Einzelfall, wie jetzt Addy Waku Menga erlebt. Der Fußballprofi des VfL Osnabrück ist nach eigener Aussage von einem Dresdner Berufskollegen rassistisch beleidigt worden, will aber über den Fall nicht mehr sprechen und nicht gegen den Dynamo-Spieler vorgehen. Und am liebsten wäre es dem gebürtigen Kongolesen, wenn das Thema öffentlich nicht bekannt geworden wäre.

Doch das ist es schon, denn in einem – übrigens insgesamt sehr lesenswerten – Interview mit dem Fanzine „Monkey Business“ hat Menga über den Fall gesprochen. Der Dresdner Dennis Erdmann habe ihn im Spiel am 20. Dezember 2014 beleidigt, wie auch schon im Hinspiel: „Das war klar unter der Gürtellinie, da war ich wirklich sauer. Im Innern tut das natürlich weh. Mit so einem will man dann auch nie wieder was zu tun haben – egal wo, egal wie. Wenn ich den mal wieder auf der Straße sehe, werde ich auf alle Fälle ein paar Takte mit ihm sprechen, denn sowas gehört sich einfach nicht.“

Was genau „sowas“ war, möchte Menga heute nicht mehr sagen, den Wortlaut der Beleidigungen behält er für sich. Warum? „Es ist jetzt schon ein paar Monate her. Es war sicherlich ein Fehler, dass ich das damals nicht gleich öffentlich gemacht habe. Aber das wäre nach dem Spiel vielleicht als eine Art billige Rache angesehen worden.“ In der Partie war der VfL in mehreren Szenen durch Entscheidungen von Schiedsrichter Christian Dietz benachteiligt worden und hatte 1:2 verloren.

Doch es kann auch andere Gründe geben, wenn Fußballprofis derartige Ausfälle nicht thematisieren. Es fällt nicht leicht, einen Kollegen öffentlich anzuklagen; schnell gilt man als Nestbeschmutzer, der gegen das ungeschriebene Gesetz verstößt: „Nach dem Spiel gibt man sich die Hand und alles ist vergessen.“

Auch zu der modernen Öffentlichkeitsarbeit von Vereinen und Verbänden passt der offensive Umgang mit konkreten rassistischen Ausfällen nur bedingt. Da hat man es lieber konfliktfrei und möchte nichts Negatives öffentlich über Konkurrenten oder Spieler des Gegners sagen. Aber soll man – oder sogar: darf man – deshalb darauf verzichten, ein Fehlverhalten zu benennen, das die Grenzen dessen weit überschreitet, was im Kampfsport Fußball gemeinhin toleriert wird?

Wer jetzt „Nein“ sagt, muss sich allerdings fragen lassen, wie er selbst auf der Tribüne reagiert, wenn sein Nachbar „Schwule Sau!“ oder „Dreckiger Nigger!“ ruft. Es ist viel schwerer, in einer solchen Situation Flagge zu zeigen als ein Selfie zu posten, auf dem man in eine Banane beisst. So, wie es weltweit Tausende taten, nachdem Barca-Star Dani Alves die ihm von den Rängen vor die Füße geworfene Banane vor der Ausführung eines Eckballs aufgegessen hatte. Cooler hat wohl noch kein Sportler auf eine rassistische Demütigung reagiert.

Oder doch? „Du kannst auf meiner Plantage als Sklave arbeiten“, rief der farbige Diplomaten-Sohn Anthony Baffoe – Profi in Düsseldorf und Köln – spöttisch einem Krakeeler zu. Und Abderrahim Ouakili von München 1860 erzählte einst, dass Bayern-Star Mario Basler ihn als „scheißmarokkanisches Arschloch“ bezeichnet habe. Ouakilis trockener Kommentar: „Arschloch hätte auch gereicht.“

Diese Anekdote markiert plastisch die Grenze zwischen dem rauen Ton, heute Trash-Talk genannt, der in Profikreisen als Mittel zur Verunsicherung des Gegners noch akzeptiert wird, und dem vollzogenen Rassismus, der die Menschenwürde verletzt und im zivilen Alltag als Diskriminierung bestraft werden würde.

Diese Grenze wurde offenbar in Dresden überschritten. Deshalb sprach Menga mit seinen Mannschaftskollegen über den Vorfall. Und: „Wegen dieser Sache bin ich dann auch zum Schiedsrichter gegangen und habe ihm gesagt, was los ist und dass ich das nicht in Ordnung finde“, sagte Menga dem Fanzine. Außerdem habe Erdmann sich auch schon beim Hinspiel in Osnabrück ähnlich verhalten.

Menga will Erdmann – der übrigens vor etwas mehr asl einem Jahr kurz vor der Vertragsunterschrift beim VfL stand – nicht an den Pranger gestellt sehen und fordert auch keine Strafe für den Kollegen: „Aber ich will, dass so etwas aufhört. Rassistische Beleidigungen haben auf dem Platz nichts zu suchen – darüber soll er mal nachdenken und alle anderen, die das schon mal getan haben, auch.“

Es gibt nicht viele Beispiele dafür, dass farbige Spieler rassistische Ausfälle von Gegenspielern öffentlich klar benannt haben. Souleyman Sane berichtete mit Verzögerung davon, dass der Kölner Abwehrspieler Paul Steiner ihn mit den Worten „Scheiß Nigger, hau ab! Was willst Du in Deutschland?“ traktiert habe.

Im August 2007 beschuldigte der Schalker Gerald Asamoah den Dortmunder Roman Weidenfeller, der habe ihn als „Schwarzes Schwein“ beschimpft. Der BVB-Schlussmann gab eine verbale Entgleisung zu, wehrte sich aber gegen den Vorwurf Rassismus. Er wurde für drei Spiele gesperrt, im Urteil ist von Rassismus jedoch keine Rede und auch der exakte Wortlaut der „Verunglimpfung“, für die er büßen musste, wurde nicht festgehalten. Konsequent war das nicht.

Wie gesagt: Ganz pauschal und allgemein gegen Rassismus zu sein, ist einfach. Schwierig wird‘s im Einzelfall.


Ausstellung „Tatort Stadion 2“ in Osnabrück

„Diskriminierung im Fußball ist weiter ein vorherrschendes Thema“, sagt Dennis Germer vom Fanprojekt Osnabrück – und kann sich durch den Vorfall um Addy Menga bestätigt sehen. An diesem Mittwoch wird die vom Fanprojekt nach Osnabrück geholte Wanderausstellung „Tatort Stadion 2“ vom „Bündnis Aktiver Fußballfans“ in den VIP-Räumen der osnatel-Arena offiziell eröffnet. Ab 19 Uhr sprechen VfL-Präsident Hermann Queckenstedt und Autor Ronny Blaschke, danach folgt eine Diskussion mit VfL-Spielern.

Führungen durch die Ausstellung in den nächsten Tagen können beim Fanprojekt per Mail an fanprojekt@osnabrueck.de oder unter Telefon 0541/20079410 angemeldet werden. Hier gibt es weitere Infos zur Ausstellung.

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