19.04.2017, 06:35 Uhr

Rückkehr ins Mittelalter oder Selbstbestimmung? Was passiert, wenn Frauen ihre Kinder ganz alleine bekommen

Allein im Wald, Garten oder Zuhause: Warum entscheiden sich manche Frauen, ihre Kinder ohne Geburtshilfe zu gebären? Foto: imago/ Bernd FriedelAllein im Wald, Garten oder Zuhause: Warum entscheiden sich manche Frauen, ihre Kinder ohne Geburtshilfe zu gebären? Foto: imago/ Bernd Friedel

sen/skr Osnabrück. Eine Frau bekommt ihr Kind alleine im Wald, eine andere im offenen Meer. Ärzte, Hebammen oder Krankenschwestern sind nicht dabei. Warum treffen Mütter diese Entscheidung und was sagen Geburtsexperten dazu? Wir haben nachgefragt.

Von Sarah Engel und Svenja Kracht


Allein in einem schwedischen Wald bekommt Sarah Schmid ihr zweites Kind. Niemand kontrolliert ihre Wehen, niemand hält ihre Hand. Was sich nach einem unglücklichen Zufall anhört, ist eine lange geplante Entscheidung. Die junge Mutter verzichtet bewusst auf eine Hebamme, Krankenschwestern und Ärzte. Nur mit einem Handy für den Notfall ausgerüstet bringt sie ihr Kind zu Welt. Auch ihre nächsten vier Kinder werden im Haus oder Garten ganz ohne Geburtshilfe geboren. Eine Entscheidung, die polarisiert.
Seit Jahrzehnten streiten Experten über die Geburtshilfe. Eltern haben die freie Wahl, wie ihre Kinder zur Welt kommen sollen. Doch dieses „wie“ lässt Fachleute diskutieren und Eltern meist unsicher zurück. Während die einen Frauen raten, ihre Kinder unter medizinischer Betreuung zu gebären, plädieren die anderen für eine Hausgeburt. Die Frauen in unserem Text gehen einen Schritt weiter. Sie haben sich entschieden, ihre Kinder ganz auf sich alleine gestellt zur Welt zu bringen. Doch was sagen Mediziner und Hebammen zu diesem Weg und wie beschreiben die Frauen ihre Erfahrungen? In unserem Artikel lassen wir sie abwechselnd zu Wort kommen. So unterschiedlich die Orte sind, an denen Kinder geboren werden können, so unterschiedlich sind auch die Meinungen zum aufregendsten Moment eines jeden Lebens.
Ungewöhnlich ist auch der Ort an dem Lara Horlacher ihr drittes Kind zur Welt bingt: In einer kleinen Bucht im offenen Meer auf der Insel Koh Phangan in Thailand. Horlacher wünscht sich schon lange eine Geburt unter freiem Himmel allein inmitten der kleinen Bucht. Dass sie ihre Tochter direkt im Meer zur Welt bringt, entscheidet sie jedoch erst Tage vorher.

Lara Horlacher hat ihr drittes Kind im Meer zur Welt gebracht. Foto: Horlacher
Am Tag der Geburt habe ich mich so gut gefühlt, dass die Geburt im Meer einfach so gekommen ist. - Lara Horlacher
Die Alleingeburten von Sarah Schmid und Lara Horlacher sind ungewöhnlich. Beate Krüger hat in den vergangenen 26 Jahren unzählige Geburten begleitet. Die Entscheidung der beiden Frauen kann die Hebamme aus Bramsche nicht verstehen und rät davon ab. „Ich finde das sehr gewagt. Bei einer Geburt können immer unvorhergesehene Dinge passieren", sagt Krüger als sie davon hört.
Einen Schritt weiter geht Dr. Christian Albring in seiner Einschätzung. „Die Geburt ist die gefährlichste Stunde im Leben eines Menschen“, sagt der Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte, der als Gynäkologe in Hannover arbeitet. „Wenn nur drei Minuten die Sauerstoffversorgung des Gehirns unterbleibt, resultieren lebenslange Schäden.“ Der Berufsverband der Frauenärzte lehne Geburten außerhalb von Geburtskliniken als zu gefährlich für die Gesundheit der Mütter und der Neugeborenen ab. „Dazu gehören auch Hausgeburten und Geburten in Geburtshäusern ohne frauenärztliche Anwesenheit“, sagt Albring. Alleingeburten ohne Hebamme würden Mutter und Kind erst Recht einer unverantwortlichen Gefahr aussetzen. „Solche Geburten fallen weit hinter den globalen WHO-Standard zurück.“
 
Doch selten kommen diese Fälle an die Öffentlichkeit. Im Internet berichten Frauen von faszinierenden Alleingeburten. Ohne Hilfe bringen sie im heimischen Schwimmingpool oder Garten ihre Kinder auf die Welt. Negative Erfahrungen? Fehlanzeige. Dabei gibt es Hausgeburten, die trotz des Beistands einer Hebamme tragisch enden. So bestimmt ein Fall einer Hebamme aus Nordrhein-Westfalen in den vergangenen Jahren die Schlagzeilen. Für eine Hausgeburt reist ein Paar aus Lettland 2008 nach Unna. In einem Hotel möchte die Mutter ihr Kind gebären - obwohl sich dieses in einer Beckenendlage befindet. Nach einer 18-stündigen Geburt verstirbt das kleine Mädchen. Gutachter sind sich sicher, dass das Kind bis vier Stunden vor der Geburt in einer Klinik hätte gerettet werden können. Das Paar verklagt die Hebamme. Sie muss wegen Totschlags für sechs Jahre und neun Monate ins Gefängnis. Ihren Beruf wird sie nie wieder ausüben dürfen.
Lara Horlacher arbeitete selbst als Hebamme. Trotz negativer Beispiele bringt sie ihr Kind alleine zur Welt. Auch sonst findet ihr Leben abseits gängiger Standards statt. Gemeinsam mit ihrem Mann Oliver hat sich die junge Mutter vor fast zwei Jahren gegen ein Leben in Deutschland entschieden: Job gekündigt, Haus samt Inhalt verkauft: Alle Habseligkeiten passen nur noch in einen Wohnwagen. Seitdem verbringt die Familie, zu der auch die beiden älteren Kinder Giulio (6) und Susanna (3) gehören, die Winter in Thailand, einige Wochen in Deutschland und den Rest des Jahres auf Sardinien.
 
Lara Horlacher mit ihrem Mann Oliver. Foto: Horlacher
 
Lara Horlacher während der Geburt im Meer. Foto: Horlacher
Auch wenn sich Lara Horlacher mit ihrer Alleingeburt sehr sicher ist, einen Plan B für den Notfall hat sie trotzdem: „Wir haben uns die Kliniken vor Ort angeschaut und als wir in der Bucht waren, hatten wir ein Handy und das Auto dabei, falls es doch Komplikationen gegeben hätte.“ Aus ihrer Erfahrung heraus könne sie aber sagen, dass sich Komplikationen ankündigen und nicht spontan passieren, so die dreifache Mutter.
Lara Horlacher stillt ihr Baby Katharina direkt nach der Geburt am Strand. Bei der Geburt waren neben ihrem Mann auch ihre Kinder und eine Freundin dabei. Foto: Horlacher
Prof. Dr. Rainer Rossi, Chefarzt des Vivantes Klinikum in Berlin Neukölln widerspricht dem entschieden. „Frauen unter der Geburt sind in einer körperlichen Ausnahmesituation. Ich bezweifle, dass sie unter dieser Belastung bei sich anbahnenden Komplikationen medizinisch rationale Entscheidungen treffen können“, sagt der Mediziner, der in seiner Kinderklinik Neu- und Frühgeborene betreut.
 
Darüber hinaus zeigen Fälle aus der Vergangenheit, dass Notfallpläne nicht immer greifen. So berichten verschiedene Medien von Hausgeburten, die zu spät in die Klinik verlegt wurden - mit tragischen Folgen. Vor einigen Jahren verstirbt das Kind einer Hamburgerin, weil sie sich aus dem vierten Stock ihrer Wohnung verspätet auf dem Weg ins Krankenhaus macht. Der Kaiserschnitt in in der Klinik kommt zu spät, das Kind kann nur noch tot geboren werden.
 
Christian Albring empfindet es als absurd, auf eine Unterstützung während der Geburt zu verzichten. "In Ländern, in denen Geburten ohne Begleitung durch Hebammen die Regel sind, ist die Müttersterblichkeit um die Geburt herum um den Faktor 20 höher als in Deutschland", sagt der Mediziner. Viele Länder der Dritten Welt seien sehr froh, dass es nach und nach gelinge, immer mehr Frauen unter der Geburt eine Begleitung durch Hebammen und im besten Fall auch durch ärztliche Geburtshelfer zu garantieren. Dadurch könnten jedes Jahr Millionen von Neugeborenen gerettet werden. "Mehr als 98 Prozent aller Geburten finden in einem Krankenhaus statt", ergänzt Christian Rossi. Zunehmend sei an diese Krankenhäuser auch eine Kinderklinik angeschlossen - ein wichtiger Faktor für viele Mütter. "Die Geburten in gynäkologischen Kliniken ohne angeschlossene Kinderklinik gehen zurück", sagt Rossi. Denn von vielen Eltern werde der Sicherheitsaspekt immer höher gewertet. Darüber hinaus wünschen sich viele Mütter in der Nähe ihres Kindes zu sein, wenn dieses medizinisch nachbetreut werden müsse.
Ihre erste Geburt lässt Sarah Schmid noch von einer Hebamme begleiten. Doch als bei Schmid die Wehen einsetzen, betreut ihre Wunsch-Hebamme eine andere Geburt. Zu der eingesprungenen Ersatz-Hebamme hat Schmid keinen Draht, sie fühlt sich unwohl. „In diesem Moment habe ich gespürt, dass die Personen, die man zur Geburt einlädt, einen Einfluss auf Mutter und Kind haben", sagt die studierte Ärztin. Erst als ihre persönliche Hebamme Zuhause eintrifft, kann Schmid ihre Tochter zur Welt bringen. Eine Erfahrung, die die studierte Ärztin prägt. Das zweite Kind soll ohne Betreuung zur Welt kommen. Ihr Mann, ebenfalls Mediziner, ist besorgt. Doch Schmid ist von ihrer Idee überzeugt und geht noch einen Schritt weiter: Statt Zuhause wird ihr Sohn im Wald geboren.
Fünf ihrer sechs Kinder brachte Sarah Schmid alleine zur Welt. Foto: Schmid
Ich war selbstsicher und hatte zu jeder Zeit ein gutes Gefühl. Ich wusste, wie ich die Wehen reiten muss und wurde von ihnen nicht überwältigt. - Sarah Schmid
Ihre nachfolgenden vier Kinder gebärt sie alle ohne fremde Hilfe – je nach Jahreszeit im Garten oder im Haus. Sarah Schmid sieht darin für sich viele Vorteile: „Ich habe mich im Vorfeld gut informiert, viel gelesen und auf meinen Körper gehört. Zudem hatte ich während der Geburt niemanden, der mir Druck macht oder aus Angst die Situation falsch einschätzt."
Genau hier setzt die Kritik der sechsfachen Mutter an, die inzwischen im Elsass lebt. „Frauen werden in Angst gehalten und als Gebärmaschinen gesehen", sagt Schmid. „Nur mit der Medizin und dem Arzt als Experten soll eine Geburt sicher sein. Damit wird jeder Frau die Selbstbestimmung genommen."
Auch hier widerspricht Rainer Rossi. „Eine Alleingeburt versetzt Mutter und Kind zurück in das Mittelalter. Diese Erfahrung hat sicherlich einen emotionalen Wert für die Frauen, aber das Risiko ist nicht steuerbar.“ Er habe in seiner Kinderklinik schon Frauen und ihre Neugeborenen erlebt, bei denen eine Alleingeburt fast schiefgegangen sei. „Das ist für die Mutter furchtbar und das Kind dramatisch. Es gibt gute Gründe, dieses Risiko für zwei Personen zu vermeiden und keine Vorteile, es einzugehen.“
Hebamme Beater Krüger rät Frauen, sich während der Geburt fachmännisch betreuen zu lassen. Die meisten Frauen könnten zwar ihre Kinder ohne medizinische Geräte bekommen, sie bräuchten dennoch Unterstützung. Denn unvorhersehbare Komplikationen können immer eintreten.
Symbolfoto: Colourbox.de
Wenn etwas schief geht, müssen Eltern mit der Schuld leben. - Beate Krüger, Hebamme
Lara Horlachers sieht das anders. Mütter sollten ihre Kinder in einem Umfeld bekommen, in dem sie sich wohlfühlen: „Ich hatte im Krankenhaus oft das Gefühl, dass bei eigentlich normalen Geburten und gesunden Babys zu schnell eingegriffen wurde.“ Sie glaubt, dass diese Entwicklung aber auch mit dem Druck zusammenhänge, unter dem Ärzte und Hebammen in Kliniken zunehmend stehen würden.
Jutta Stukenborg, Hebamme aus Osnabrück, bestätigt das. Es gebe immer weniger Kliniken, deshalb müssten in den bestehenden Krankenhäusern mehr Kinder bei gleichem Personal geboren werden. Oft werde sich zu früh für einen Kaiserschnitt entschieden. „Es gibt keine emotionale Betreuung mehr", sagt Stukenborg. "Aber dass Frauen ihre Kinder deshalb aber alleine zur Welt bringen, kann nicht der Weg sein."
Prinzipiell sei es in Deutschland jeder Frau erlaubt, den Ort für die Geburt frei zu wählen, so Lara Horlacher, die in ihrem Familienblog über ihr Leben als Mutter schreibt. Gesellschaftlich anerkannt sei dies jedoch nicht. Zudem sei eine Alleingeburt natürlich nicht für jede Frau das Richtige. „Für mich und mein Kind war es der perfekte Moment, aber es gibt auch komplizierte Geburten, bei denen die Technik im Krankenhaus hilfreich ist", gesteht sie ein.
Lara Horlachers drittes Kind wurde im Meer geboren. Foto: Horlacher
Für den Gynäkologen Christian Albring geht es um mehr als die Selbstbestimmung der Frauen. „Kein Mensch hat das Recht über Leben oder Sterben eines anderen Menschen zu entscheiden“, sagt der Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte. „Auch eine Mutter hat kein Recht, über das Leben und Sterben ihres Babys zu entscheiden, und darum geht es hier.“ Er empfiehlt den Frauen, der Klinik mitzuteilen, ob sie Medikamente zur Schmerzbekämpfung, Wehenförderung – oder hemmung erhalten möchte. „In jeder Klinik ist es heute möglich, das Kind in unterschiedlichen Gebärpositionen zur Welt zu bringen, und eine familiäre Atmosphäre ist eigentlich auch in jedem Kreißsaal möglich“, sagt Albring. Ihn persönlich habe noch keine seiner Patientinnen auf eine Alleingeburt angesprochen.
Sarah Schmid hat über ihre Erfahrungen mit den Alleingeburten ein Buch geschrieben. Auf ihrem Blog „Geburt in Eigenregie" kommen andere Mütter zu Wort. Eine Empfehlung will sie für die Alleingeburt nicht geben. Vielmehr möchte sie Frauen die Möglichkeiten vorstellen, die diese Geburt bietet. Am Ende muss jede werdende Mutter für sich selbst entscheiden, welchen Weg sie gehen möchte.
Familie Schmid lebt heute im Elsass. Foto: Schmid

Das Interesse an der Alleingeburt im Netz nimmt jedoch zu. Während es vor vielen Jahren nur wenige deutschsprachige Informationen gab, finden sich heute immer mehr Erlebnisberichte im Internet. In Diskussionen darüber finden sich Befürworter, Gegner und Neugierige.

Rainer Rossi sieht das kritisch. Frauen wie Sarah Schmid und Lara Horlacher hätten eine große Präsenz im Netz. Doch zur Lebenswirklichkeit gehöre ihr Weg, ein Kind zu gebären sicherlich nicht.

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