26.11.2016, 09:31 Uhr

Autor Michael Tsokos im Interview Irrtümer über die Rechtsmedizin: Warum Mentholpaste überflüssig ist

Rechtsmediziner und Autor Michael Tsokos. Foto: Helmut Henkensiefken / FinePic, MünchenRechtsmediziner und Autor Michael Tsokos. Foto: Helmut Henkensiefken / FinePic, München

Berlin. Leiter des Instituts für Rechtsmedizin der Berliner Charité und Schriftsteller: Der Terminkalender von Michael Tsokos ist gut gefüllt. Im Interview erzählt er, wie er von der Arbeit abschaltet, wie viele Leichen er bislang obduziert hat und warum er nie wieder in einem TV-Krimi mitspielen will.

Herr Tsokos, wie viele Leichen haben Sie in Ihrem Leben schon gesehen?

Ich habe schon mehr als 200.000 Leichen in meinem Leben gesehen. Der Grund für diese hohe Zahl ist, dass ich sowohl die Opfer des Massakers von Sebrenica im Jahr 1998 und die des Kosovokrieges von 1999 untersucht habe. Zudem war ich 2004 bei dem Tsunami in Thailand. Allein das macht mehr als hunderttausend Opfer aus. Diese große Zahl erstaunt immer alle, aber sie entsteht eben durch meine Auslandseinsätze nach Kriegen oder Massenkatastrophen. Hinzu kommen mindestens 100.000 weitere Tote, die ich in Deutschland gesehen habe. Während meiner zehn Jahre in Hamburg habe ich jeden Morgen im Krematorium die Leichenschau durchgeführt. Hier lagen täglich um die 80 Verstorbenen. Ich habe das fünf Tage die Woche für zehn Jahre gemacht, da kommt einiges zusammen.

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Sehen ist das eine, obduzieren das andere.

Genau. Ungefähr 30.000 Menschen habe ich in meinem Leben bislang obduziert. Irgendwann habe ich aufgehört, zu zählen und nur noch grob geschätzt. Das ist jedoch hier in Berlin sehr einfach, da wir an der Charité 2000 Obduktionen im Jahr durchführen, von denen ich mindestens an der Hälfte beteiligt bin.

Arbeit als Sachverständiger vor Gericht

Viele Polizisten haben diesen einen ungelösten Fall, der sie nie loslässt. Kennen Sie das?

Nein. Denn ich muss die Fälle nicht ermittlungstechnisch oder juristisch abschließen. Natürlich gibt es den einen oder anderen Fall, bei dem ich anderer Meinung bin als die Polizei. Aber diese Fälle verfolgen mich nicht, weil ich sie niemals klären werde. Ich erinnere mich an einen Fall, der von Staatsanwaltschaft und Polizei als Suizid eingestuft wurde. Ich war mir sicher, ich bin es auch heute noch, dass es ein Tötungsdelikt ist. Das habe ich mit den Ermittlern thematisiert und protokolliert. Aber wenn sie den Fall anders bewerten und abschließen, kann ich das nicht ändern.

Verfolgen Sie das Ende der Fälle?

In manchen Fällen sind wir Rechtsmediziner noch anschließend beteiligt und treten als Sachverständige vor Gericht auf. An diesen Fällen bin ich natürlich am Ausgang interessiert und mache mir vorher ein Bild des Prozesses. Dennoch muss man sich klarmachen, dass 80 Prozent unserer Fälle am Obduktionstisch eingestellt werden. Das sind Menschen, die aufgrund eines Herzinfarktes auf der Straße umfallen, oder jemand stürzt vom Hochhaus und die Polizei findet einen Abschiedsbrief. Diese Fälle sind schnell abgeschlossen. Nur bei einem geringen Teil der Verfahren sind noch Fragen offen.

Michael Tsokos ist „Tatort“-Fan

Sie obduzieren Opfer von Umweltkatastrophen oder von bedeutenden Kriminalfällen. Wie schalten Sie ab?

Ich schalte - wie jeder andere Arbeitnehmer auch - mit meiner Familie ab. Ich spreche mit meinen Kindern über ihren Tag, gehe mit ihnen zum Sport, im Wald spazieren oder ins Kino. Auch mit guten Serien kann ich hervorragend abschalten. Ich wache nicht nachts auf und habe die Lösung für einen Fall. Ich lasse alles hier im Institut.

Haben Sie denn eine Lieblingskrimiserie?

Die amerikanische Serie „True Detective“ fand ich richtig gut. Ich schaue auch gerne Tatort. Natürliche habe ich auch hier meine Lieblingsteams. Den Kieler Tatort mit Axel Milberg finde ich super.

Obduktion von Kindern besonders schwer

Kommen wir zu einem schwierigeren Thema: Neben Erwachsenen müssen Sie als Rechtsmediziner auch Kinder obduzieren. Können Sie sich noch an das erste Kind erinnern, dass Sie untersucht haben?

Ich erinnere mich nicht mehr im Detail, weiß aber, dass das Kind am plötzlichen Kindstod, also eines natürlichen Todes, gestorben ist. Sehr gut kann ich mich hingegen an meine ersten Fälle von Kindesmisshandlung in einem Hamburger Krankenhaus erinnern. Mich hat dieses Thema sehr geprägt, weshalb ich auch ein Debattenbuch darüber geschrieben habe.

Warum lässt Sie dieses Thema nicht los?

Ich habe festgestellt, dass sich über die Jahrzehnte hier nichts verändert hat. Die Fälle von Kindesmisshandlung laufen immer noch in den gleichen Konstellationen ab. Jugendämter sind informiert, Behörden wissen Bescheid, Großeltern gehen zur Polizei - trotzdem wird nichts unternommen und am Ende ist ein Kind tot.

Gehen Sie mit diesen Fällen anders um?

Klar. Kindliche Todesfälle, ob es Kinder sind, die ertrinken, überfahren werden oder aus großer Höhe fallen, sind immer besonders. Denn es passt nicht, wenn ein 60 Zentimeter kleines Bündel Mensch auf einer zwei Meter großen Stahlplatte vor uns liegt. Für uns ist das ein ungewohntes Bild. Oft kann ein Kind nichts dafür, weil es so unschuldig und unbedarft ist, dass in den meisten Fällen ein Erwachsener an seinem Tod schuld ist. Auch nach vielen Jahren haben diese Fälle für mich immer noch eine große Tragik.

„Größter Risikofaktor für Kinder ist der neue Lebenspartner der Mutter“

Wie kann die Gesellschaft verhindern, dass Kinder zu Opfern werden?

Wir sind in der Gesellschaft in eine Schieflage gekommen und es wir sehr schwer, diese wieder zu begradigen. Das traditionelle Familienbild schwindet und damit vergrößert sich für Kinder die Gefahr, zu verwahrlosen. Heute ist es für Kinder gefährlicher als vor Jahrzehnten. Früher lebte die ganze Familie gemeinsam in einem Haus, bei Streit oder Alkoholismus in der Familie konnten die Großeltern die Kinder rausziehen. Doch zum einen wohnen die wenigsten Familien heute noch zusammen und zum anderen halten Ehen nicht mehr lange. Somit gibt es viele Patchworkfamilien, was problematisch ist. Denn der größte Risikofaktor für Kinder ist der neue Lebenspartner der Mutter. Es ist statistisch erwiesen, dass die meisten Tötungsdelikte an Kindern durch den neuen Partner begangen werden. Doch wie wollen wir diese Entwicklung politisch und gesellschaftlich wieder auffangen? Es gibt zwar Privatinitiativen, trotzdem müsste sich die Politik hier mehr einmischen. Bislang fehlt es an einem wirklichen Konzept für dieses Problem.

Sie haben selbst fünf Kinder - wie sehr beeinflusst sie das in Ihrer Arbeit?

Sehr. Denn meine Kinder sind zwischen vier und 15 Jahre alt, so habe ich immer ein Kind in dem Alter, wie das, was gerade auf meinem Tisch liegt. Durch meine Arbeit habe ich einiges für mein Privatleben mitgenommen. So müssen Steckdosen ordentlich gesichert werden. Zudem können kleine Kinder Höhe nicht einschätzen und glauben, dass sie aus dem vierten Stock springen können, ohne dass ihnen etwas passiert. Trotzdem versuche ich, keine Angst zu haben, wenn ich meinen siebenjährigen Sohn alleine zum Brötchenholen schicke. Einerseits kenne ich genug Fälle, in denen Kinder in diesem Alter, als sie das erste Mal alleine irgendwohin gingen, entführt, vergewaltigt und getötet wurden. Andererseits muss ein Kind auch selbstständig werden. Kinder dürfen nicht überbehütet werden.

Wie erklären Sie Ihren Kindern Ihre Arbeit?

Meine älteren Kinder wissen, was ich tue, und besuchen auch Lesungen von mir. Die Kleinen denken in der Dimension von Räuber Hotzenplotz, dass ich für die Polizei arbeite und Verbrechen untersuche.

Rechtsmediziner müssen unvoreingenommen sein

Wie schaffen Sie es, unvoreingenommen und neutral zu arbeiten?

Diese Eigenschaft ist ein Muss für jeden Rechtsmediziner. Zudem muss ich die Fälle ohne die Hilfe eines Psychologen ertragen. Wir müssen eine stabile Psyche und Physis haben und jedes Mal unvoreingenommen an Fälle herangehen. Selbst wenn ich weiß, wie massiv ein Kind misshandelt wurde, überprüfe ich, ob es innere Erkrankungen gibt, die Blutergüsse oder Verletzungen erklären können.

Auch wenn Sie die Angst nicht in Ihr Leben lassen wollen - wie gehen Sie mit dem Monster im Menschen um?

Ich habe nicht mehr Angst vor Menschen als jeder andere auch.

Können Sie eine Erklärung finden, warum ein Mensch zum Mörder wird?

Nein. Viele Wissenschaftler und Kriminologen haben schon versucht, diese Frage zu klären, aber es ist schwierig. Es ist mit Sicherheit ein Mix aus Genetik und Umwelteinflüssen. Sadisten können aus behüteten Elternhäusern oder den allerschlimmsten Verhältnissen stammen. Wir können nicht erklären, warum Menschen unerklärliche Dinge tun.

Debatte über Sexualstrafrecht zu hitzig

Sie haben hier in Berlin die Gewaltschutzambulanz gegründet. Wie stehen Sie zur Entwicklung des Sexualstrafrechts?

Die Diskussion ist mir zu hitzig und zu schnell geführt worden. Ich halte es für wichtig, dass das deutsche Sexualstrafrecht zeitgemäß reformiert wird. Aber wir sollten diese Debatte in gemäßigten Schritten angehen und nicht in Hektik verfallen. Der aktuelle Fall von Gina-Lisa Lohfink zeigt, wie schnell eine Debatte darüber hochkocht und voller Emotionen geführt wird. Das halte ich für gefährlich und nicht zielführend.

Sie schreiben über Themen wie diese seit vielen Jahren Bücher. Warum wollen Sie die Menschen aufklären?

2007 wandte sich der Thriller-Autor Veit Etzold mit der Bitte, ihn rechtsmedizinisch zu beraten, an mich. Er fand meine beruflichen Erlebnisse unglaublich und sagte, dass ich das eines Tages einmal aufschreiben solle. In dem Moment habe ich gemerkt, dass meine Arbeit, die für mich normal ist, für andere unglaublich ist. Wenn ich gut kochen könnte, würde ich auch Kochbücher schreiben. All das ist aus Spaß entstanden. Ich muss mir meine Geschichten nicht ausdenken, weil ich ja direkt an der Quelle sitze.

Wahre Verbrechen gruseln mehr als Fiktion

Welche Fälle inspirieren Sie für Ihre Arbeit?

Nur ganz wenige, es ist der eine besondere Fall im Jahr. In „Zerschunden“ handelt es sich um den Fall eines Serienkillers, der von einem europäischen Flughafen zum nächsten geflogen ist. Eines seiner Opfer hatte ich auf meinem Sektionstisch liegen. Doch die anderen europäischen Opfer konnten nicht miteinander in Verbindung gebracht werden, weil Polizisten dafür europaweit nicht ausreichend vernetzt sind. Zudem war es schwierig, ihn zu finden, weil er selbst nie wusste, wo er als Nächstes hinfliegt. Ein Fall aus Kasachstan, bei dem ich zersetzte Leichen obduzierte, die mit dem ehemaligen kasachischen Geheimdienstchef in Verbindung gebracht wurden, hat mich für das zweite Buch inspiriert. Es sind Fälle, die spektakulär und einzigartig sind. Das ist der Stoff, aus dem Thriller sind.

Warum fesseln uns als Leser die wahren Fälle mehr?

Weil viele Leser meiner Bücher während der Geschichten ein wohliges Gruseln bekommen und sich vorstellen können, dass der Mörder auch mit ihnen im Flugzeug durch Europa getourt ist. „True crime“ eben.

„Kein Ausflug mehr zum Film“

Sie haben sich auch selbst in einem TV-Krimi gespielt. Wie ist der Spagat zwischen Fiktion und Realität?

Mein TV-Experiment fiel mir wirklich sehr schwer. Ich hatte die Drehbuchautorin Elisabeth Herrmann rechtsmedizinisch beraten und am Ende sagte sie, dass ich den Rechtsmediziner spielen könnte. Ich sagte aus Spaß zu und auf einmal war klar, dass ich tatsächlich mitdrehen soll. Das Drehbuch in der Mail hatte ich anschließend übersehen und kam vollkommen unvorbereitet ans Set. Das würde ich heute nie wieder machen. Das war mein letzter Ausflug zum Film - zumindest mit sprechender Rolle (lacht).

Wobei Sie im Fernsehen schon als Experte öfter auftreten...

Das stimmt. Aktuell werden meine Sachbücher mit mir als Moderator und Experte in einer Person für Sat 1 verfilmt. Das gibt mir Gelegenheit, mein fundiertes Fachwissen und meine Erfahrung einzubringen. Sendetermin ist im ersten Halbjahr 2017.

Spagat zwischen Rechtsmedizin und Schriftstellerei

Die „Mopo“ hat Sie ja auch mal als „George Clooney der Rechtsmedizin“ bezeichnet. Wie gehen Sie mit diesem Titel um?

Ehrlich gesagt ist mir das egal, weil ich sehr uneitel bin. Ich habe in der Vergangenheit viel Kritik für mein Buch „Deutschland misshandelt seine Kinder“ einstecken müssen. Selbst das habe ich mir nicht zu Herzen genommen. Auch Amazon-Rezensionen mit nur einem Stern stören mich nicht. Ich kann schließlich nicht jedermanns Geschmack treffen. Ich bin bei Schlagzeilen und Meinungen relativ leidenschaftslos. Klar, wenn mich Zeitungen als „Marianne Sägebrecht der Rechtsmedizin“ bezeichnen würden, würde ich nachfragen. Aber der Vergleich mit George Clooney schmeichelt eher, ist aber nicht zwingend notwendig.

Sie arbeiten im Institut, schreiben Bücher und halten Vorträge. Wie schaffen Sie das alles?

Ohne eine gute Organisation würde mein Leben nicht funktionieren. Schon heute sind meine Veranstaltungen bis zum Oktober nächsten Jahres durchgetaktet. Zudem versuche ich, nicht jeden Abend unterwegs zu sein – sonst würde meine Frau im Dreieck springen. Der Tag fängt für mich um 7.30 Uhr im Institut mit einer Besprechung aller Fälle an. Anschließend geht es für mich in den Sektionssaal. Hier bin ich beim Großteil der Fälle als erster oder zweiter Obduzent dabei. Für mich ist diese Arbeit Routine. So habe ich ein 20-seitiges Protokoll in 15 Minuten herunterdiktiert. Darauf folgen Termine oder Schreibtischarbeit. Den Leerlauf dazwischen nutze ich für das Schreiben oder zum Telefonieren. Ich versuche, meinen Alltag effektiv einzuteilen, damit ich abends Zeit für meine Frau und die Kinder habe. Der wichtigste Punkt für mich bleibt, dass meine Arbeit Spaß macht. Ich freue mich jeden Morgen auf meinen Job.

Zusammenarbeit mit Sebastian Fitzek

Wie arbeiten Sie denn im Team mit einem Co-Autoren wie Sebastian Fitzek?

Sebastian Fitzek kannte meine Sachbücher und fragte mich, ob ich Lust hätte, ein Buch im Bereich der Belletristik zu schreiben. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich die Idee für „Abgeschnitten“ schon im Kopf. Nachdem ich ihm den Plot erzählt hatte, rief er mich zwei Tage später an und fragte, ob wir die Geschichte zusammen machen wollen. Anschließend haben wir uns sein Arbeiten als Vorbild genommen. Nachdem wir ein 30-seitiges Exposé an den Verlag geschickt haben, schrieben wir die Geschichte wie eine Spirale immer größer. Aus 20 Seiten wurden 50, daraus entstanden 100 und immer so weiter. Er fängt nicht bei Kapitel 1 an, sondern schreibt immer an der ganzen Geschichte und das ist sehr produktiv. Als Schriftsteller hat er unter anderem die Cliffhanger produziert, während ich als Rechtsmediziner darauf geachtet habe, dass das Know-how und die Schnitzeljagd in den Leichen stimmt. Unser Manuskript ging immer zwischen uns hin und her.

Wie viel von Ihrer Figur – Rechtsmediziner Fred Abel – steckt in Ihnen?

Sicherlich eine ganze Menge, aber auch nicht alles.

„Ich war wirklich sehr faul“

In Ihrem Job sind Sie sehr erfolgreich, in der Schule glänzten sie jedoch nicht. Was hat Ihnen im Unterricht gefehlt?

Mir haben Lehrer gefehlt, die mich motiviert haben. Aber ich möchte die Schuld nicht nur auf die Lehrer schieben. Ich war wirklich sehr faul und habe immer nur für die Klausuren gelernt – einer meiner Söhne macht das übrigens genauso, kommt aber damit auch durch das Gymnasium. Aber ich kann schlecht sagen, dass er sich anstrengen und gute Noten haben soll, denn die hatte ich auch nicht. Heutzutage gibt es zum Glück andere didaktische Prinzipien und mehr Männer in dem Beruf. Ich hatte nur Frauen – bis auf den Sportlehrer, der in Anzug und Schlips faul am Rand stand. Mir hat es definitiv an guten an Vorbildern in der Schule gefehlt.

Wussten Sie im Medizinstudium sofort, in welche Fachrichtung es Sie verschlagen würde?

Nein, das Studium hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht und ich fand alles spannend – mit ein paar Ausnahmen wie Biochemie. Doch bei der Rechtsmedizin erschloss sich alles für mich, das Fach lag mir und das ist wichtig. Ich freue mich, dass ich einen Job gefunden habe, der mir Spaß macht.

Rechtsmediziner brauchen solide psychische Verfassung

Viele Rechtsmediziner werden im Fernsehen als morbide und schlecht gelaunt dargestellt. Wie gehen Sie zur Arbeit?

Ich bin ein sehr fröhlicher Mensch und habe eine solide psychische Verfassung. Wer depressiv ist, wird sicherlich nicht Rechtsmediziner.

Wie sehr ärgern Sie die Klischees über Rechtsmediziner?

Die ärgern mich überhaupt nicht. Denn im Fernsehen soll das Berufsbild ja nicht erklärt werden.

Wie viele Menschen sind an Ihrem Tisch schon umgefallen?

Vor vielen, vielen Jahren ist ein Herr mal bei mir umgefallen und seitdem habe ich einen Blick dafür. Ich sehe sehr schnell, wenn ein Mensch blass und kaltschweißig wird, große Augen bekommt und sich kaum mehr bewegt. Dann, schicke ich ihn vor die Tür, an die frische Luft.

Zuletzt müssen wir noch ein Klischee aufklären: Wie viel Mentholpaste verbrauchen Sie im Jahr?

Sie spielen jetzt auf die Szene aus „Das Schweigen der Lämmer“ an, in der sich alle die Mentholpaste unter die Nase reiben, ehe sie das ein Mordopfer obduzieren. Aber in meinem Leben spielt diese Paste überhaupt keine Rolle. Das ist eines der großen Mythen der Rechtsmedizin.


Zur Person

Michael Tsokos wird am 23. Januar 1967 in Kiel geboren. Dort schließt er mit einem Notendurchschnitt von 3,0 im Jahr 1986 sein Abitur ab. Nachdem er als zweitbester Teilnehmer den Medizintest besteht, beginnt er nach seinem Dienst bei der Bundeswehr an der Universität Kiel das Studium der Medizin. Nach dem Ende seines Studiums und seiner Approbation als Arzt obduziert Tsokos Ende der 90er-Jahre für das Bundeskriminalamt Opfer des Jugoslawienkriegs. 2001 folgt seine Habilitation an der Universität Hamburg. Nach dem Tsunami in Thailand reist Tsokos erneut als Experte für das Bundeskriminalamt zum Unglücksort. Zudem arbeitet er bis 2006 als Oberarzt für die Hamburger Rechtsmedizin. Ein Jahr später übernimmt er die Leitung des Instituts der Rechtsmedizin der Charité Berlin und des Landesinstituts für gerichtliche und soziale Medizin im Stadtteil Moabit. 2009 veröffentlicht Michael Tsokos sein erstes Sachbuch, 2012 erscheint in Zusammenarbeit mit Autor Sebastian Fitzek sein erster Thriller „Abgeschnitten“, weitere Bücher folgen. In seinem aktuellen Buch „Sind Tote immer leichenblass“ räumt der 49-Jährige mit den Irrtümern über seinen Berufsstand auf. Michael Tsokos lebt in Berlin, ist verheiratet und Vater von fünf Kindern. sen/kan

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