22.11.2016, 17:03 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Frauenhäuser überbelegt Deutschland: 100 000 Frauen erleben Gewalt in Partnerschaft

Mehr als 100 000 Frauen pro Jahr werden in Deutschland Opfer von Gewalt in der Partnerschaft. Foto: Maurizio GambariniMehr als 100 000 Frauen pro Jahr werden in Deutschland Opfer von Gewalt in der Partnerschaft. Foto: Maurizio Gambarini

dpa/swi Berlin. Kein Randthema, sondern eines aus der Mitte der Gesellschaft: Viele Frauen werden in ihrer Partnerschaft Opfer von Gewalt. Die zuständige Ministerin fordert: „Raus aus der Heimlichkeit“.

Mehr als 100 000 Frauen pro Jahr werden in Deutschland Opfer von Gewalt in der Partnerschaft. Das geht aus einem veröffentlichten Bericht des Bundeskriminalamts (BKA) für das Jahr 2015 hervor.

„Die Zahlen sind schockierend“, sagte Bundesfrauenministerin Manuela Schwesig (SPD). Sie appellierte an die Opfer von Gewalt, ihr Schweigen zu brechen.

Der mit Abstand größte Teil der Gewalttaten gegen Frauen in Partnerschaften fällt unter die Rubrik „vorsätzliche einfache Körperverletzung“ (65 800 Fälle). Es folgen Bedrohungen, gefährliche Körperverletzungen und Stalking - sowie Mord und Totschlag in 331 Fällen.

Gewalt in Partnerschaften trifft zu 82 Prozent Frauen, im Ganzen waren es im vergangenen Jahr 104 290 weibliche Opfer. Aber auch Männer waren 23 167 Mal betroffen. Insgesamt, also Gewalt gegen Männer und Frauen zusammengezählt, wurden 2015 gut 127 000 solcher Fälle verzeichnet, seit 2012 ist die Zahl damit um 5,5 Prozent gestiegen.

Die Bundesfamilienministerin setzt sich angesichts der hohen Zahlen bei Gewaltopfern in einer Partnerschaft auch für mehr Frauenhäuser in ländlichen Regionen ein. „Ich bin mit allen Länderministerinnen im Gespräch, weil es sehr unterschiedlich läuft“, sagte die SPD-Politikerin im ZDF-„Morgenmagazin“. Sie selbst könne die Lücken auf dem Land als Bundesministerin jedoch nicht schließen. „Für diese Aufgabe sind die Städte und die Länder zuständig.“

Bei vielen Frauenhäusern in Niedersachsen übersteigen die Anfragen die Kapazitäten.

Auch die Anforderungen ändern sich zum Teil. Sozialarbeiterin Berna Fritze vom Frauenhaus in Meppen stellte fest: „Es kommen zunehmend Frauen mit Migrationshintergrund, die vor allem von körperlicher Gewalt betroffen sind.“ Damit einher gingen Probleme bei der Verständigung und rechtliche Fragen zu Aufenthalt und Umgangsrecht.

Deutsche Frauen kämen dagegen eher, wenn sie unter psychischer Gewalt litten. „Sie bekommen dann von ihrem Partner zu hören: ,Du taugst nichts, du kannst nichts“, sagte Fritze. Während deutsche Frauen vielfach das Gefühl hätten, für die intakte Familie verantwortlich zu sein, hätten vor allem muslimische Frauen akzeptiert, dass der Vater gemeinsamer Kinder alleinigen Anspruch auf die Kinder habe. So komme es vor, dass Frauen Zuflucht im Frauenhaus suchten und sich damit auch von ihren Kindern trennten.

Monika Olhaus-Göbel vom Frauenhaus des SkF in Lingen sagte im Gespräch mit unserer Redaktion: „Zu uns kommen zunehmend Asylbewerberinnen.“ Gerade bei ausländischen Frauen beobachte sie eine stärkere Ausprägung der körperlichen Gewalt, etwa blaue Flecke, Schwellungen oder Gehirnerschütterungen. „Für viele Frauen mit Migrationshintergrund ist diese körperliche Gewalt Alltag“, sagte Olhaus-Göbel, „Manche bekommen auch erst nach und nach mit, dass es sich dabei in Deutschland um eine Straftat handelt.“

Ins Osnabrücker Frauenhaus seien dagegen schon immer Frauen mit Migrationshintergrund gekommen, sagte Mitarbeiterin Esther Bierbaum. „Eine Veränderung der Klientel können wir über die vergangenen 10 Jahre nicht feststellen.“ Aufgrund der Aufenthaltsfreiheit innerhalb der EU sei allerdings vielfach zu beobachten, dass ausländische Frauen nach einer Trennung ohne soziales Netz und Familie Probleme dabei hatten, ihren Lebensunterhalt ohne Arbeitslosengeld selbst zu bestreiten. „Abgesehen davon gibt es heute sehr viele Frauen, die gut aufgeklärt sind.“


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