04.01.2016, 14:11 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Neue Dimension der Gewalt Polizei schockiert über Angriffe auf Frauen in Köln

Rund um den Hauptbahnhof in der Nähe des Kölner Doms waren Frauen in der Silvesternacht von mehreren Männern umzingelt und unsittlich berührt worden. Foto: Oliver Berg/ArchivRund um den Hauptbahnhof in der Nähe des Kölner Doms waren Frauen in der Silvesternacht von mehreren Männern umzingelt und unsittlich berührt worden. Foto: Oliver Berg/Archiv

Köln. Sie waren betrunken, äußerst aggressiv und haben in Gruppen Frauen umringt, beraubt, begrapscht und teilweise massiv sexuell belästigt. Vier Tage nach Silvester nehmen die Übergriffe am Kölner Hauptbahnhof in der Neujahrsnacht eine weitere Dimension an.

Von Claudia Hauser, Tobias Christ und Fabian Klask

Mehr als 1000 Männer gehörten zu der Gruppe, aus der heraus die Taten begangen wurden. Diese Zahl nannte die Polizei am Montag. Inzwischen sind 60 Anzeigen eingegangen, es gibt 80 Geschädigte – viele von ihnen wurden beraubt, etwa 15 Frauen sexuell belästigt. Auch eine Zivilbeamtin ist unter den Opfern. Die Zahl dürfte sich in den kommenden Tagen noch erhöhen. „Wir erwarten noch mehr Anzeigen und bitten alle Geschädigten, sich zu melden“, sagt Heidemarie Wiehler von der Direktion Kriminalität. Sie und neun weitere Polizeibeamte sind in der Ermittlungsgruppe „Neujahr“ mit der Aufklärung der Taten beschäftigt.

„Völlig unerträglicher Zustand“

Polizeipräsident Wolfgang Albers spricht von „Straftaten einer neuen Dimension“. „Es ist ein völlig unerträglicher Zustand, dass solche Taten mitten in der Stadt begangen werden“, sagt Albers. Nach Angaben von Polizeibeamten, Zeugen und Opfern sind die meisten der Täter junge Männer zwischen 15 und 35 Jahren aus Nordafrika oder dem arabischen Raum. Michael Temme, Leiter der Direktion Gefahrenabwehr, sagt: „Das Vorgehen der Täter hat uns völlig überrascht. Das hat alles getoppt, was wir bisher in Silvesternächten erlebt haben. Weder in Köln noch in anderen Städten hat es einen solchen Modus operandi bisher gegeben.“

Es soll sich bei den Tätern nach bisherigen Erkenntnissen nicht um die jungen Nordafrikaner handeln, die am Weltjugendtagsweg und rund um das Museum Ludwig mit Drogen dealen. Vielmehr sollen sie aus dem Umfeld der Trickdiebe stammen, die als „Antänzer“ auf Kölns Amüsiermeilen Feiernde bestehlen. Zwei der fünf Männer, die am Sonntag festgenommen wurden, sind mittlerweile in Haft. Nachweisen kann ihnen die Polizei aber bisher nur Taschendiebstähle. Am Silvesterabend gegen 21 Uhr versammelten sich zunächst 400 bis 500 der Männer auf der Domplatte.

Mehr als 1000 Personen

„Sie waren völlig enthemmt, warfen Feuerwerk in die Menge“, sagt Wolfgang Wurm, Präsident der Bundespolizei St. Augustin. Die Gruppe wuchs auf mehr als 1000 an. Gegen 0.15 Uhr sperrte die Polizei den Bahnhofsvorplatz und die Treppen. Nach und nach gab es erste Hinweise, dass kleinere Gruppen Frauen angegriffen hätten.

Eine Overatherin und ihre Freundin wurden in der Umgebung des Doms gleich mehrfach von vier bis sechs jungen Männern umkreist. „Die haben versucht, uns anzumachen, wir fühlten uns bedroht“, sagt sie. Die Frauen konnten sich befreien, doch später habe am S-Bahn-Gleis im Bahnhof noch einmal das „totale Chaos“ geherrscht.

Viele der jungen Männer seien dort betrunken sehr aggressiv geworden, es sei zu Schlägereien gekommen. „Ich hatte das Gefühl, die Polizei und die Sicherheitsleute der Bahn waren nicht nur überfordert, sondern hatten auch Angst, die Lage könnte eskalieren“, sagt die Augenzeugin.

Dass es in der Nacht keine Festnahmen gab, hat nach Angaben der Polizei vor allem damit zu tun, dass die Taten sich innerhalb einer riesigen Menschenmenge abgespielt hätten. Etliche Männer wurden überprüft, konnten sich teilweise nur mit Duldungsbescheinigungen ausweisen und wurden zur Feststellung der Identitäten mit auf die Wache genommen. Einige Täter sollen sich blitzschnell andere Jacken angezogen oder in der Menge weggeduckt haben, Opfer erkannten Täter im Getümmel nicht wieder, die Polizei erfuhr erst nach und nach von den Taten – weil Opfer sich auf der Wache meldeten.

GdP geschockt

Arnold Plickert, NRW-Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), sagt: „Das ist eine völlig neue Dimension der Gewalt.“ Man müsse die Taten lückenlos aufklären. „Wenn Frauen sexuell belästigt werden, ist das ein massiver Eingriff in ihre Grundrechte. Das ist nicht hinnehmbar. Deshalb darf bei der Aufklärung der Übergriffe nichts verschwiegen werden, auch wenn das zu Ergebnissen führen sollte, die politisch unangenehm sind“, fordert Plickert. Zugleich warnte der GdP-Vorsitzende aber davor, die nach Deutschland gekommenen Flüchtlinge als potenzielle Straftäter zu diffamieren. Innenminister Ralf Jäger (SPD) sagt: „Wir nehmen es nicht hin, dass sich nordafrikanische Männergruppen organisieren, um wehrlose Frauen mit dreisten sexuellen Attacken zu erniedrigen.“ Die Kölner Behörde werde nun „konsequent“ aufklären. „Sie wird außerdem neue Konzepte für die Karnevalszeit erarbeiten, um solchen Vorfällen vorzubeugen. Das sind wir den Frauen schuldig und zugleich den nordafrikanischen Flüchtlingen, die friedlich bei uns leben wollen“, betont der Minister. Mehr Zivilbeamte und Einsatzkräfte, Fahrzeuge mit Videomasten, die es ermöglichen, eine Menge von oben zu filmen, vielleicht auch Videoüberwachung auf dem Bahnhofsvorplatz – das alles könnten nach Angaben von Michael Temme Konsequenzen für die Karnevalstage Anfang Februar sein. „Ziel muss es sein, frühzeitig größere Ansammlungen von Tätern, wie wir sie hier erlebt haben, zu verhindern.“ Das dürfte an einem Tag wie Weiberfastnacht eine enorme Herausforderung sein. „Es kann natürlich nicht darauf rauslaufen, dass jede größere Gruppe von der Polizei begleitet wird – dann würden wir das verlieren, was Köln ausmacht.“

Mit freundlicher Genehmigung des „Kölner Stadtanzeigers“


Polizei setzt nun auf Abschreckung – Krisentreffen am Dienstag

Von Claudia Hauser, Fabian Klask und Helmut Frangenberg

Nach den Ereignissen in der Silvesternacht am Hauptbahnhof sind mittlerweile 60 Anzeigen bei der Polizei eingegangen, es gibt mindestens 80 Geschädigte. Die Zahl dürfte sich in den kommenden Tagen noch erhöhen.

Die Polizei werde nach den Ereignissen „zur Abschreckung“ mehr Präsenz rund um den Kölner Hauptbahnhof zeigen, sagte Innenminister Ralf Jäger (SPD) dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. „Wir nehmen es nicht hin, dass sich nordafrikanische Männergruppen organisieren, um wehrlose Frauen mit dreisten sexuellen Attacken zu erniedrigen.“ Auf Details der Ermittlungen wollte Jäger nicht eingehen. Die Kölner Behörde werde nun „konsequent“ aufklären. „Sie wird außerdem neue Konzepte für die Karnevalszeit erarbeiten, um solchen Vorfällen vorzubeugen. Das sind wir den Frauen schuldig und zugleich den nordafrikanischen Flüchtlingen, die friedlich bei uns leben wollen“, betonte der Minister.

Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker hat nach den sexuellen Übergriffen auf Frauen und den Raubüberfällen am Hauptbahnhof ein Krisentreffen für Dienstag anberaumt. Die Vorfälle seien „ungeheuerlich“, sagte Reker dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Es könne nicht sein, dass Köln-Besucher Angst haben müssten, überfallen zu werden. „Wir können nicht tolerieren, dass hier ein rechtsfreier Raum entsteht“, so Reker. Polizei und Bundespolizei seien „dringend gefordert“. Möglicherweise müsse man auch die Video-Überwachung im Hauptbahnhof ausweiten.

In einem Telefonat mit dem Polizeipräsidenten habe sie kurzfristig für Dienstag einen Termin vereinbart. Bei dem Treffen werden außerdem der leitende Polizeidirektor, ein Vertreter der Bundespolizei, Stadtdirektor Guido Kahlen und der Leiter des städtischen Ordnungsamts teilnehmen.

Mit den Vorfällen von Köln wird sich auch der Innenausschuss des Landtags befassen. Es müsse aufgeklärt werden, ob die Behörden in der Vergangenheit zu nachlässig mit den Tätern umgegangen seien, sagte der CDU-Innenexperte Gregor Golland dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Die Vorfälle zeigten auch, dass Polizeipräsident Wolfgang Albers „die Lage in Köln definitiv nicht im Griff“ habe, sagte der CDU-Politiker.

NRW-Emanzipationsministerin Barbara Steffens (Grüne) nannte die Silvester-Ereignisse „die Spitze eines sehr miesen Eisberges“. Gewalt gegen Frauen werde in der Gesellschaft zu oft verharmlost, sagte sie dem „Kölner Stadt-Anzeiger. „Wir brauchen eine größere gesellschaftliche Verurteilung dieses männlichen Machtmissbrauchs“, so die Ministerin.

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