15.05.2015, 17:30 Uhr

Droht nationale Katastrophe? AIDS hat Russland im Griff

In Russland erkranken immer mehr Menschen an AIDS. Foto: ReutersIn Russland erkranken immer mehr Menschen an AIDS. Foto: Reuters

Moskau. Die Anzahl von an AIDS erkrankten Menschen wächst in Russland schnell an. Von Seiten der Wissenschaft werden mehr Geld und mehr Aufklärung gefordert. Doch in der Politik gibt es Widerstand. Familienwerte seien wirksamer als Präservative.

Der Leiter des russischen Zentrums zur Bekämpfung von AIDS warnt vor einer nationalen Katastrophe. Während die Krankheit seit 2000 in den meisten Ländern zurückgehe, greife sie in Russland um sich, sagte Wadim Pokrowski. Die Zahl der offiziell registrierten HIV-Infizierten habe bis zum 1.Mai bereits 933000 erreicht. Bis zum Jahresende werde sie auf eine Million steigen und sich in vier bis fünf Jahren verdoppeln.

Die wirkliche Zahl der Infizierten sei schon jetzt mindestens zweimal so hoch wie die offizielle, so Professor Pokrowski. 2014 habe AIDS 24400 Opfer gefordert. Das komme fast jener der Verkehrstoten gleich. Die russische Regierung habe für die Förderung der Verkehrssicherheit 33 Milliarden Rubel (580 Millionen Euro) bis 2020 zur Verfügung gestellt. Gleichzeitig habe das Gesundheitsministerium nur 18 Milliarden Rubel für Medikamente gegen HIV eingeplant.

Schlechte Aufklärung

Laut Pokrowski werden 200000 von 721000 der russischen AIDS-Infizierten respektive 30 Prozent medikamentös behandelt. Wie die internationale Erfahrung zeige, wären indes mindestens 70 Prozent erforderlich, um die Epidemie einzudämmen. Für die AIDS-Aufklärung stünden lächerliche 200 Millionen Rubel im Jahr zur Verfügung. Das seien 1,5 Rubel pro Person. In der russischen Gesellschaft herrsche immer noch die irrige Vorstellung, wonach das Virus nur Homosexuelle und Drogenabhängige bedrohe. Von den 2014 bekannt gewordenen Infizierungsfällen entfielen aber nur 1,2 Prozent auf Schwule und 57,3 Prozent auf Rauschgiftsüchtige. 40,3 Prozent hätten sich bei heterosexuellen Kontakten angesteckt, so der Professor. Die größte Risikogruppe stellten derzeit in „wilder Ehe“ lebende junge Frauen dar.

Deutschland als Vorbild

Pokrowski fordert dringende Maßnahmen, die sich in anderen Ländern bewährt hätten. Vor allem sollte Heroin bei drogenabhängigen Patienten durch Methadon ersetzt werden, das unter ärztlicher Kontrolle gespritzt werde. Dann bekomme der Betreffende auch ein Medikament gegen HIV. Auch sollten Injektionsspritzen kostenlos an Süchtige verteilt werden, denn zurzeit benutzten in Russland mehrere Personen ein und dieselbe Spritze. Außerdem wären sexuelle Aufklärung und kostenlose Verteilung von Präservativen an Schulen wichtig. Damit habe Deutschland den niedrigsten AIDS-Stand in Europa erzielt, sagt der Professor. Allerdings sträubten sich das Gesundheitsministerium, die Drogenbehörde FSKN und die Staatsduma dagegen. In der Duma säßen „hysterische Weiber“, die an Stelle einer ruhigen Diskussion ein Geschrei gegen die angebliche „Propaganda der Unzucht“ anstimmten.

Eine der Angesprochenen hat bereits reagiert. „Die Aufklärung an den Schulen würde nur das Interesse der Kinder für Sex anstacheln“, erklärte Ludmila Stebenkowa, Abgeordnete des Moskauer Stadtparlaments, gegenüber der Tageszeitung „Kommersant“. „Statt Präservative zu verteilen, werben wir unter Jugendlichen für Partnertreue und Familienwerte“, fuhr sie fort. Dies ist laut Strebenkowa viel wirksamer. Die Politikerin bezeichnete Pokrowski als „typischen Agenten gegen die Interessen unseres Staates“.


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