30.09.2013, 22:00 Uhr

„Anderes Missionsverständnis“ Weihnachten im Schuhkarton: Kirchen skeptisch

Ein Schuhkarton voller Weihnachten: Die Aktion, bei der Kinder aus Industriestaaten Geschenke in Entwicklungsländer schicken, ist umstritten. Foto: dpaEin Schuhkarton voller Weihnachten: Die Aktion, bei der Kinder aus Industriestaaten Geschenke in Entwicklungsländer schicken, ist umstritten. Foto: dpa

Osnabrück. Alle Jahre wieder werben die Kirchen zur Advents- und Weihnachtszeit um Spenden für karitative oder soziale Projekte in Entwicklungsländern. Großer Beliebtheit erfreut sich auch die Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ des christlichen Hilfswerks „Geschenke der Hoffnung“, bei der Kinder aus wohlhabenden Ländern Kindern in armen Ländern Geschenke schicken. Doch bei den Kirchen stößt das Projekt nicht gerade auf Gegenliebe. Warum nicht?

445898 Kartons wurden im vergangenen Jahr in Deutschland gesammelt und anschließend vor allem in Osteuropa und Palästina verteilt, wie „Geschenke der Hoffnung“ angibt. Das Prinzip dahinter ist denkbar einfach : Kinder in Industrienationen bekleben einen Schuhkarton mit Geschenkpapier und bepacken ihn dann mit kleinen Überraschungen und Geschenken: Spielsachen, Süßigkeiten, Schulheften, Kuscheltieren, Kleidungsstücken, Zahnbürsten und Zahnpasta zum Beispiel. Bis zum 15. November muss das Paket an einer Sammelstelle abgegeben werden, damit es zum Empfänger weitergeleitet werden kann. In diesem Jahr sollen bedürftige Kinder in Bulgarien, Georgien, Kasachstan, Moldau, Mongolei, Polen, Rumänien, der Slowakei und Palästina bedacht werden.

Fotos und Videos auf der Internetseite des Vereins zeigen strahlende, glückliche Kinder beim Öffnen der Kartons. Gleichwohl hat die Spendenaktion nicht nur Freunde: Vor allem die Kirchen geben sich zurückhaltend bis ablehnend. „Wir als Bistum wünschen nicht, dass unsere Einrichtungen sich an der Aktion beteiligen“, sagt etwa Dieter Tewes, Referent für Missionarische Dienste im Bischöflichen Generalvikariat Osnabrück. „Die Idee an sich ist ja nicht schlecht“, sagt er – bemängelt aber die Umsetzung: „Da wird eine nette Aktion von Kindern zur Werbung für eine ganz konkrete Freikirche genutzt“, kritisiert Tewes. Der Hintergrund: „Geschenke der Hoffnung“ steht der Billy Graham Evangelistic Association nahe, einer evangelikalen Kirche in den USA. Die habe ein „anderes Missionsverständnis“ als die katholische Kirche, sagt Tewes, und habe beispielsweise Broschüren mit christlichen Botschaften in muslimischen Regionen wie Palästina verteilt.

Nicht nachhaltig?

In die gleiche Kerbe schlägt Uwe Becker, im Diakonischen Werk der Evangelisch-luherischen Landeskirche Hannovers zuständig für den evangelischen Entwicklungsdienst „Brot für die Welt“ . Ihm sei die Nähe zu „eher fundamentalistischen christlichen Gruppierungen“ in Amerika nicht geheuer, sagt er; außerdem werde zu viel Geld für den administrativen Ablauf ausgegeben. Tatsächlich empfiehlt „Geschenke der Hoffnung“ pro Karton eine Spende von sechs Euro „für Abwicklung und Transport“ – bei einem Warenwert von erfahrungsgemäß 15 bis 20 Euro mache das ein Viertel des Gesamtbetrags aus, bemängelt Becker. Überdies sei die Aktion nicht nachhaltig, da die Lebensbedingungen der Kinder vor Ort durch die Geschenke nicht langfristig verbessert würden, und ökologisch fragwürdig, weil die Hunderttausende Schuhkartons aufwendig zu den Empfängern transportiert werden müssten, sagt Becker.

Skepsis herrscht auch bei der Evangelisch-reformierten Kirche in Leer. „Es gibt zwar auch in unserer Kirche Gemeinden, die sich an ‚Weihnachten im Schuhkarton‘ beteiligen, aber ich sehe das schon kritisch“, sagt Pressesprecher Ulf Preuß. Vor allem den „Transfer von Gütern einer hoch industrialisierten Welt in weniger entwickelte Länder“ halte er für problematisch.

Bei „Geschenke der Hoffnung“ kennt man die Kritik längst – und begegnet ihr mit einem umfassenden Informationsangebot im Internet . Auf Nachfrage erläutert Geschäftsführer Bernd Gülker, der im deutschsprachigen Raum für die Aktion verantwortlich ist: „Wir sind ein christlicher Verein und arbeiten national wie international mit Gemeinden aller Konfessionen zusammen. Da die Schuhkartons vorwiegend über Kirchen und Gemeinden verteilt werden, erinnern die Christen vor Ort, wie es dem Wesen der Kirche entspricht, an den Ursprung von Weihnachten: die Geburt von Jesus Christus.“ Zur Illustration würden die Gemeinden „dort, wo es erwünscht ist“, ein kleines Heft mit kindgerecht aufbereiteten Bibelgeschichten verschenken. Die Annahme sei frei und keine Bedingung für den Erhalt der Schuhkartons.

Seitens des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI) , das dem Verein sein Spenden-Siegel verliehen hat, gibt es jedenfalls keine Zweifel an der Seriosität und Vertrauenswürdigkeit von „Weihnachten im Schuhkarton“: „Natürlich kannten wir die Kritik, als wir den Verein geprüft haben“, sagt DZI-Geschäftsführer Burkhard Wilke. Ausschlaggebend sei aber, dass „Geschenke der Hoffnung“ umfassend und transparent über seine Arbeit informiere. „So kann sich jeder selbst entscheiden, ob er die Aktion unterstützen möchte“, sagt Wilke.

Fair gehandelte Kugeln

Die Kirchen halten „Weihnachten im Schuhkarton“ derweil ihre eigenen Spendenaktionen entgegen, auch wenn sie diese nicht als Gegenangebot oder Konkurrenz verstanden wissen wollen. Allenfalls die ökumenische Aktion „Weihnachten weltweit“ , die sich an Kinder im Vorschulalter richtet, sei bewusst als Alternative zum beliebten Schuhkarton konzipiert, wie Dieter Tewes vom Bistum Osnabrück erläutert. Hierbei können Kindergartengruppen Pappmascheekugeln bestellen, die von kleinen Initiativen in Entwicklungsländern unter fairen Bedingungen hergestellt und gehandelt wurden. Die Kugeln dürfen dann beklebt und bemalt und schließlich als Weihnachtsdekoration verwendet oder verschenkt werden. Das Projekt wird gemeinsam von den Hilfswerken Adveniat, Brot für die Welt und Misereor sowie dem Kindermissionswerk „ Die Sternsinger“ betrieben.

Ansonsten sammelt die katholische Kirche in den Gottesdiensten an Heiligabend und am ersten Weihnachtstag traditionell Spenden für das kircheneigene Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat , das in diesem Jahr unter dem Motto „Hunger nach Bildung“ gezielt Bildungsprojekte unterstützt. Die evangelischen Kirchen sammeln ebenso traditionell an Heiligabend Spenden für ihren eigenen Entwicklungsdienst „Brot für die Welt“; die Kollekten sollen insgesamt mehr als 600 Projektpartnern in aller Welt zugutekommen.


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