04.05.2013, 07:00 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Hollywood in Goslar George Clooney dreht in der historischen Altstadt die Zeit zurück


Goslar. Für sein Weltkriegsdrama „The Monuments Men“ lässt Schauspieler George Clooney die Region rund um den Harz zur Kulisse werden. Auch die Stadt Goslar hat das Filmfieber gepackt. Deren historische Altstadt verwandelte Clooney in das belgische Veume und machte deutsche Studenten zu britischen Soldaten.

Ich bin gespannt, was sie aus dem griechischen Restaurant gemacht haben“, ruft ein junges Mädchen und läuft mit schnellen Schritten die Breite Straße hinauf. „Wahnsinn, der ist jetzt ein Herrenausstatter“, sagt sie lachend und zückt ihre Kamera, um die altmodischen Schaufensterpuppen zu fotografieren. Tausende Bürger pilgerten am vergangenen Sonntag in die Innenstadt von Goslar, um die Verwandlung der historischen Straße mitzuerleben. Amerikanische und belgische Flaggen wehten über ihren Köpfen, in den Schaufenstern wurden schwere Dampfbügeleisen und dunkle Hollandfahrräder ausgestellt. „Die Menschen sind verrückt“, ruft ein Taxifahrer aus seinem Fahrzeug und lässt einen Mann mit seiner riesigen Kamera über die Straße huschen. „Normalerweise ist hier nicht so viel los.“ Von Normalität konnte an diesem Wochenende auch keine Rede sein. Schließlich kommt es nicht alle Tage vor, dass Hollywood an die Pforten der alten Kaiserstadt klopft.

Für sein Weltkriegsdrama „The Monuments Men“ lässt Schauspieler George Clooney die Region rund um den Harz zur Kulisse werden. Dafür verwandelten Requisiteure die Breite Straße in die „Bronstraat“ der belgischen Stadt Veume. Parkuhren und Straßenschilder wurden abgebaut, Türschilder und Klingeln abgeklebt, nichts sollte mehr an das Jahr 2013 erinnern. Denn der Film spielt gegen Ende des Zweiten Weltkriegs und basiert auf der wahren Geschichte alliierter Kunsthistoriker. Neben George Clooney, der nicht nur die Hauptrolle spielt, sondern zudem Regie führt, gehören auch Matt Damon, Bill Murray, John Goodman und Cate Blanchett zu den Darstellern. Als „Monuments Men“ versuchen sie, geraubte und verschleppte Kunstwerke vor den Nationalsozialisten zu retten. In der historischen Altstadt von Goslar wurde der Einmarsch alliierter Soldaten nach ihrer Landung in der Normandie gedreht.

Dafür hatte eine Agentur schon Wochen vorher zum großen Casting in Goslar aufgerufen. Über viertausend Bewerber harrten im ungemütlichen Nieselregen aus, um eine der begehrten Komparsenrollen zu ergattern. Zu den Glücklichen durfte sich Sebastian Skorzinski, im normalen Leben Mathe- und Physikstudent, zählen. Hunderte Menschen wurden ausgewählt, als Soldaten oder belgische Bürger den Drehtag am Montag zu bestreiten. „Die Situation wird bestimmt total verrückt“, prophezeite Skorzinski einige Tage vor dem Dreh. „Als Soldaten marschieren wir schließlich in unsere eigene Stadt ein.“ In aller Frühe begannen die Vorbereitungen. Ab vier Uhr wurde die Breite Straße gesperrt, ein lautes Scharren war zu vernehmen. Mit Besen verteilte das Filmteam Schutt und Sand auf der Straße. Um die Altstadt 70 Jahre in die Vergangenheit zu versetzen, mussten auch die Gehwege durch die Maske.

Währenddessen tummelten sich im Goslaer Ortsteil Jerstedt die Statisten. In der Halle eines alten Autohauses erhielten sie ihre Kostüme. Bereits bei ihrer ersten Anprobe hatten die Männer einen Original-Fasson-Haarschnitt verpasst bekommen. „Wir sollten am Drehtag schließlich nicht aussehen wie frisch vom Feldfriseur“, erzählt Student Sven Steinbeck, der ebenfalls einen britischen Soldaten spielte. Den Damen wurden jedoch erst kurz vor Drehbeginn die Haare in die typischen 40er-Jahre-Wellen gelegt.

Nachdem alle Statisten mit Shuttlebussen zurück in die Stadt gebracht worden waren und die ersten Filmpanzer das Breite Tor passiert hatten, konnte der Dreh beginnen. Polizei und Sicherheitsleute sperrten den Bereich rund um die Breite Straße akribisch ab. Auf George Clooney, der gegen halb neun das Filmset betrat, konnte kaum jemand einen Blick erhaschen. Gemeinsam mit seiner Crew wies er die Statisten auf ihre Positionen, probierte mit den Soldaten verschiedene Formationen um die Militärkonvois aus. Unterdessen wechselte ein Assistent noch schnell die Baskenmütze eines Zivilisten, tauschte dessen braune Kopfbedeckung mit einer schwarzen. Sekundenlang rückte er die Mütze von rechts nach links, bis sie perfekt saß. Eine andere Assistentin verteilte weiße und rote Blumen an die Frauen, andere bekamen Körbe mit Äpfeln überreicht oder hielten belgische, amerikanische und französische Fähnchen in den Händen.

Den Statisten Sebastian Skorzinski beeindruckte diese Detailverliebtheit der Crew. George Clooney sei sehr entspannt gewesen, habe aber genau gewusst, was er wollte. „Einem kleinen Jungen hat er minutenlang gezeigt, wie er seine Fahne halten soll, wenn er durch das Tor läuft“, erzählt er. „Das war ein richtiges Lauftraining.“ Laiendarsteller Sven Steinbeck durfte dem Star kurz sogar sehr nah sein. „Ich war der Pechvogel des Tages“, seufzt der junge Mann. Zunächst habe ihn Clooney aus der Masse gepickt und vor Bill Murray auf den Militärwagen gesetzt. Nach einigen Kameraeinstellungen entschied er sich jedoch dafür, Steinbeck wieder zurück zum Fußvolk zu schicken. Enttäuscht ist Steinbeck aber nicht, es sei witzig gewesen, mit Clooney zu flachsen.

Mehrere Runden drehten die Militärwagen durch die Breite Straße. Auf Kommando begrüßten die Zivilisten die Soldaten mit wedelnden Fahnen, überreichten ihnen Blumen und Äpfel, warfen sich stürmisch in deren Arme. Es sei nicht schwierig gewesen, diese Situation zu spielen, erzählt Steinbeck. Die Euphorie der Menge habe sich auf alle übertragen. Euphorisch war auch die Stimmung vor der Absperrung. Die Bürger Goslars zückten ihre Kameras und knipsten die vorbeifahrenden Filmpanzer in der Hoffnung, auch George Clooney vor die Linse zu bekommen.

Doch einzig und allein ein Polit-Promi passierte vor ihnen die Absperrung. Der in Goslar lebende SPD-Chef Sigmar Gabriel stattete dem Set einen kurzen Besuch ab. Im Gegensatz zu Oberbürgermeister Oliver Junk, für den es ein normaler Arbeitstag gewesen sei. „Goslar hat sich als guter Gastgeber präsentiert“, sagt er stolz. „Es war sehr spannend, den ganzen Aufwand hinter dieser Produktion zu erleben.“

Besonders beeindruckt habe ihn die schnelle Verwandlung des Quartiers. Denn so schnell, wie die aufwendigen Kulissen aufgebaut wurden, waren sie nach Drehschluss wieder abgebaut, sodass sich nur wenige Stunden nach den imposanten Militärwagen ein Reinigungsfahrzeug der Stadt Goslar mit lautem Brummen seinen Weg durch die Breite Straße bahnte.


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