15.08.2013, 10:16 Uhr

Internet als wichtige politische Plattform Wie Parteien im Netz werben

Wird eine Bundestagswahl inzwischen im Internet entschieden? Wir haben einen Blick auf die Internetauftritte der Parteien geworfen. Montage: Neue OZ/MichelWird eine Bundestagswahl inzwischen im Internet entschieden? Wir haben einen Blick auf die Internetauftritte der Parteien geworfen. Montage: Neue OZ/Michel

Osnabrück. Wird eine Bundestagswahl inzwischen im Internet entschieden? Sind bei der Frage, wo am 22. September die Kreuzchen gemacht werden, weniger die Wahlkampfveranstaltungen vor Ort als die Infos aus dem Web relevant? Sicher ist, dass die Parteien den Wahlkampf längst ins Web getragen haben. Und das nicht nur als Werbe-Anzeige. Begleiten Sie uns auf einen Surfausflug durch die Parteien-Landschaft – streng subjektiv und ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Bei einer vom Branchenverband Bitcom in Auftrag gegebenen Forsa-Umfrage im Mai gab rund ein Drittel der Befragten an, dass der Internet-Wahlkampf entscheidend für den Ausgang der Bundestagswahl sei. Natürlich, das ist nur eine gefühlte Einschätzung der Befragten. Aussagekräftiger, wenn auch nicht so schlagzeilenverdächtig, sind andere Ergebnisse der Umfrage. Danach informieren sich 60 Prozent der Bundesbürger über politische Themen im Web. Bei den 18- bis 29-Jährigen sind es sogar 80 Prozent, die sich online auf dem Laufenden halten. Talkshow? Das war gestern. Im Web spielt die Musik.

In Foren und Blogs aktiv

Fast noch wichtiger ist ein anderer Aspekt: Rund ein Drittel der Bundesbürger konsumiert nicht nur politische Inhalte, sondern nimmt in Foren und Blogs auch aktiv an der Diskussion und damit am Wahlkampf teil, indem ihre Beiträge möglicherweise Einfluss auf die Wahlentscheidung anderer Menschen nehmen.

Aber das Internet ist längst nicht mehr nur Trägermedium für Informationen und Werbung: Die eigentliche Stärke liegt in den neuen Organisationsmöglichkeiten, in der Mobilisierung der eigenen Basis. Das haben längst nicht nur die Piraten erkannt: Auf mitmachen.spd.de versuchen zum Beispiel die Sozialdemokraten genau das. Doch auch die Unterhaltung darf im Wahlkampf nicht zu kurz kommen: Das SchwarzGelblog fällt unter diese Kategorie. Dort wird hemmungslos über das „Kabarett Merkel“ abgelästert. Erst wer genau hinsieht, stellt fest, dass es sich um „ein redaktionelles Angebot der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“ handelt. Fast überflüssig zu erwähnen: Alle diese Plattformen sind miteinander und mit spd.de verlinkt.

Die CDU setzt im Internet dagegen ganz auf Angela Merkel und den Kanzlerbonus: www.cdu.de scheint auf dem ersten Blick eine Werbeplattform für www.angela-merkel.de zu sein. Dort dreht sich alles um die Regierungschefin. Thematisch bleibt das Ganze, wie auch bei vielen anderen Parteien, eher an der Oberfläche.

Und die Unions-Unterstützer? Das „TeAM Deutschland“ agiert unter www.team.cdu.de. In einer Komplett-Kampagne darf auch das Videoportal YouTube nicht fehlen: Unter cdu.tv geht es zum „Internetfernsehen der CDU Deutschlands“.

Bleibt bei so viel Engagement der beiden großen Parteien auf allen Kanälen eigentlich noch etwas für kleinere Mitbewerber wie die Piraten übrig? Lange galten die politischen Newcomer als die Internet-Partei schlechthin. Ja, da geht noch was: Unter dem Motto „Wir stellen das mal in Frage“ hat die Partei den Dienst Thumblr geentert. Die Botschaft, neben den politischen natürlich: Etwas Facebook macht doch jeder, aber wir wissen, wie Social-Networking wirklich geht.

Piraten in Libyen?

Wissen die Piraten das denn tatsächlich? Das Mitmachportal der Partei findet sich unter pirat.ly . Ly? Das ist die Länderkennung für Libyen. Pirat.ly – das kann man witzig finden, muss man aber nicht. Das Portal selbst bietet viele Möglichkeiten, dürfte Nicht-Piraten aber kaum ansprechen. Wie man Hürden niedrig hält, wissen die Portalmacher bei SPD und CDU offensichtlich besser.

Wurzelwerk, das ist nicht nur ein Bioladen in Berlin-Friedrichshain, sondern auch das Mitglieder- und Mitmach-Netzwerk der Grünen. Das Motto „Hier ist das Internet grün!“ spiegelt sich im Layout der Seite wider. Die Basis des Online-Engagements der Grünen sei aber nach wie vor die Homepage der Partei unter www.gruene.de , so Wahlkampf-Manager Robert Heinrich in einem Interview auf politik-digital.de . Digitalen Dilettantismus kann man den Grünen nicht vorwerfen. Der Weg zu gruene.de führt über die nett gemachte Vorschaltseite 2minuten.gruene.de im Pad-Design. Auch sonst arbeitet die Partei auf vielen Websites: Sehenswert ist der Abwählkalender unter dem Motto „200 Tage/200 Gründe“. Der Kanal Grün auf YouTube bietet dagegen – wie bei vielen Parteien – eher mäßig sehenswerte Wahlkampf-Hausmannskost.

Da fehlt doch noch was. Richtig, Parteien – die haben doch eigentlich ein Wahlprogramm, oder? Haben sie, und die FDP präsentiert es sogar ziemlich prominent auf einer übersichtlich und modern gestalteten Homepage . Ein soziales Netzwerk für Liberale gibt es natürlich auch. „Meine Freiheit“ heißt es. Und ist noch im Beta-Stadium. Das erklärt dann wohl auch die Mitteilung auf der Startseite, dass alle Passwörter aus Sicherheitsgründen neu gesetzt wurden. Aber vielleicht hatte ja auch der Koalitionspartner die Zugänge gleich an die NSA durchgereicht...

Der Webauftritt der Linken wirkt dagegen fast ein bisschen altbacken. Solide, ja, aber irgendwie angestaubt. An den Inhalten liegt es nicht, die sind sauber aufbereitet, selbstverständlich multimedial untermauert, und die Navigation führt schnell ans Ziel.

Verzicht auf Humor

Aber irgendwas stimmt nicht: Es ist der völlige Verzicht auf Humor, die karg zelebrierte Freudlosigkeit, die das Surfen hier so anstrengend macht. Dazu passen dann auch Formulierungen wie: „Ähnlich wie Flickr nutzen wir unseren YouTube-Kanal als Distributionsplattform für Bewegtbild“, von Marion Heinrich, stellvertretende Pressesprecherin in der Bundesgeschäftsstelle. Genauso sieht der YouTubekanal der Linken auch aus.

Aber Wahlkampf findet nicht nur auf den Parteiseiten statt: Er läuft auch über Wikipedia, wenn auch eher verdeckt. Niemand möchte in der Online-Enzyklopädie schlecht dastehen. Aber noch weniger möchte jemand dabei ertappt werden, seine Biografie geschönt oder gar manipuliert zu haben. Hier geht es eher darum, überhaupt vertreten zu sein.

Das ist aber gar nicht so einfach: Mithilfe von Relevanzkritierien will Wikipedia verhindern, nur als ein allgemeines Personenverzeichnis wahrgenommen zu werden. Pech für Kandidaten, die unter dieser Relevanzschwelle bleiben. Nach der derzeitigen Lesart rechtfertigt eine Kandidatur noch keinen eigenen Eintrag.

Keine Frage der Relevanz

Die Frage nach der Relevanz stellt sich bei den Spitzenkandidaten der großen Parteien in der Regel nicht. Eher die Frage nach dem Umfang und der Aktualität der Darstellung: Da hat eine amtierende Kanzlerin klare Vorteile. Angela Merkels Eintrag auf der Online-Enzyklopädie ist fast doppelt so lang wie der von Herausforderer Peer Steinbrück. Die Vermutung liegt nah, dass die Parteien eine Informationsquelle wie Wikipedia nicht anderen überlassen, sondern ein waches Auge auf die Seiten haben.

Und Twitter und Facebook? Daran kommt ohnehin kein Wahlkampf-Manager vorbei. Sucht man auf Google nach „Werbung CDU Web“ oder „Werbung SPD Web“, schlägt die Suchmaschine als erstes Ergebnis „Marketing mit Facebook?“ vor. Es ist eine Anzeige. Natürlich von Facebook. Tenor: „Wir helfen dir dabei, dich mit den richtigen Nutzern zu vernetzen.“ Und etliche von ihnen dürften auch Wähler sein.

Mit Hintergründen und Fallstricken bei diesen Formen der Online-Kampagne beschäftigen wir uns in einer anderen Folge.


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