19.04.2017, 05:05 Uhr

Ergebnisse wie nationaler Schnitt Donzy als Gradmesser – ein Dorf wählt fast wie ganz Frankreich


Donzy. Das Dorf im Burgund gilt als besonders repräsentativ, weil die Ergebnisse bei Präsidentschaftswahlen seit Jahren fast exakt dem nationalen Durchschnitt gleichen. Was denken sie über das anstehende Votum?

Als Jacques Bouet zu seinem Arbeitswerkzeug greift, kann er sich die Provokation in Richtung seines Chefs nicht verkneifen. „Ich nehme das marineblaue Messer“, sagt er mit spitzbübischem Grinsen, als er sich ein Messer mit blauem Griff schnappt und anfängt, die Gänseleber auf der Arbeitsfläche vor ihm zu zerteilen. Bouet weiß, dass er seinen Boss mit der Anspielung auf den Namen der rechtspopulistischen Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen ärgert. Der schießt prompt zurück. „Überleg´ es dir gut, bevor du Le Pen wählst“, warnt Frédéric Coudray. „Wenn die gewinnt, mache ich den Laden hier dicht und gehe nach Belgien.“

Coudray selbst wird bei den Wahlen am 23. April 2017 und 7. Mai 2017 für den unabhängigen Kandidaten Emmanuel Macron stimmen. „Die Rechten behaupten, Macron sei links – die Linken meinen wiederum, er sei rechts. Das heißt: Er steht in der Mitte, macht Kompromisse. Außerdem ist Macron der einzige Kandidat, der Europa wirklich voranbringen will.“

Dem nationalen Ergebnis ganz nah

Der Gänsezüchter debattiert gerne über Politik – nicht nur in seiner Fabrik, wo er die Spezialität Foie gras herstellt. Medien aus der ganzen Welt dient der redselige Coudray regelmäßig als beliebter Interviewpartner. Denn er lebt in Donzy, wo viele den Schlüssel für den Ausgang des Votums wittern. Seit Jahrzehnten kommt keine Gemeinde bei Präsidentschaftswahlen dem nationalen Ergebnis näher als dieses beschauliche 1600-Seelen-Dorf im Burgund inmitten grüner Wiesen, in dem am Nachmittag alle Läden schließen. Weil sich die prozentuale Verteilung der Stimmen stets fast genau mit jener in ganz Frankreich deckt, gilt es als repräsentativ.

Hier gibt es den Unternehmer Coudray, der sich einen pragmatischen Politikansatz wünscht, am ewigen Jammern vieler Franzosen über die Politiker verzweifelt und die positive Zukunftsvision des jungen Sozialliberalen Macron vorzieht. Und es gibt seinen Angestellten Jacques Bouet, der noch nie wählen war, aber nun so sehr „die Nase voll hat“, dass er eine Protest-Stimme für den Front National abgeben will: Die Kaufkraft sei zu gering, die Kriminalität steige an, die Politiker seien korrupt, zählt der 43-Jährige auf. „Ich weiß nicht, ob es mit Le Pen besser würde, aber schlechter geht doch kaum“, findet er.

Auf einer Caféterrasse in der Sonne sitzen wiederum Tiphaine Coiffard und Victor Zylberberg, beide 29 Jahre alt und Anhänger des Linkspolitikers Jean-Luc Mélenchon, der in den Umfragen aufholt, zuletzt auf 15 Prozent. Warum? „Er macht als einziger aus der Ökologie ein wichtiges Thema und er will die Institutionen reformieren.“

Viele Meinungen

Wer sich in Donzy umhört, bekommt vielfältige Meinungen zu hören – ist es eine Art Abbild Frankreichs? Bürgermeister Jean-Paul Jacob schränkt dies ein. „Wir sind zwar typisch für das ländliche Frankreich, seine Traditionen. Es gibt wie im übrigen Land kaum mehr Industrie. Weil wir ein großes Altersheim haben, leben hier überdurchschnittlich viele Senioren, die sich traditionell stark an Wahlen beteiligen“, erklärt der Konservative. „Aber untypisch ist, dass hier kein einziger Einwanderer wohnt.“ Die Angst vor einer „Migrations-Welle“ und einer „Islamisierung“ der Gesellschaft, vor der Le Pen so eindringlich warnt, sei trotzdem da, ebenso wie die Furcht vor sozialem Abstieg. Viele seien EU-kritisch eingestellt, weil sie glauben, dass Brüssel allen nur bürokratische Vorschriften auferlege: „Die Vorteile der EU werden übersehen.“

Immer mehr Menschen geben offen zu, dass sie Front National wählen, erklärt der Bürgermeister. „Ich glaube aber nicht, dass Le Pen siegen kann, ihr fehlt eine klare Mehrheit.“ Jacobs Prognose? „Sowohl Emmanuel Macron als auch François Fillon haben Chancen.“ Dabei haben dem Republikaner Fillon die Vorwürfe schwer geschadet, er habe seine Frau und seine Kinder als parlamentarische Assistenten üppig bezahlen lassen, ohne dass diese wirklich arbeiteten. In Umfragen liegt er mit knapp 18 Prozent deutlich hinter Macron und Le Pen, denen jeweils 25 Prozent vorausgesagt werden. „Man redet zu viel über Fillons Affären, aber sie zeigen eben auch, wie abgehoben die Politiker in Paris von der Realität der Franzosen sind“, bedauert Jacob, der trotz allem seiner konservativen Parteifamilie treu bleibt.

Wahl ist paradox

Sie fühle sich von keinem Kandidaten gut vertreten, sagt die 75-jährige Cécile Kreweras, die ihren Lebensabend in Donzy verbringt. „Man hat das Gefühl, dass Versprechen ohnehin nicht gehalten werden. Diese Wahl ist paradox: Sie mobilisiert, weil große Unsicherheit im Land herrscht. Zugleich werden sich viele wohl erst entscheiden, wenn sie vor der Urne stehen.“ Das gilt auch für sie selbst – und für ein Drittel der Franzosen.


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