25.02.2017, 05:00 Uhr

Strahlenschutzamtschef König Atommüll-Endlager: Konsens ist nicht das Ziel

Wolfram König
            

            

              
                Foto: imago/Kraufmann&KraufmannWolfram König Foto: imago/Kraufmann&Kraufmann

Salzgitter. Seine Themen sind die Asse oder Gorleben und Schacht Konrad: Seit März 1999 leitet Wolfram König das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) in Salzgitter. Als neuer Chef des Bundesamtes für kerntechnische Entsorgungssicherheit (BfE) ist er bald für ein Jahrtausendprojekt zuständig: das Endlager für Atommüll.

Herr König, Sie sind seit fast 18 Jahren Präsident des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS). Doch selten war es so ruhig um Ihre Atombehörde wie jetzt.

Für die breite Öffentlichkeit scheint das Thema mit dem Ausstiegsbeschluss erledigt zu sein. Dabei wird ausgeblendet, dass die große Herausforderung noch vor uns liegt.

Sie meinen die Suche nach einem Atom-Endlager.

Das wird eine der zentralen Herausforderungen der nächsten Jahre. Der Gesellschaft muss bewusst bleiben, dass hier noch die Beantwortung der Langzeitsicherung offen ist.

Das Endlager soll 2031 gefunden sein. Glauben Sie, dass wir es in 14 Jahren hinkriegen?

Wir haben es bei diesem Thema mit so viel Hoffen und Glauben zu tun gehabt, dass ich mich daran nicht beteiligen möchte. Doch es ist absolut richtig, die Suche zügig durchzuführen. Nur wenn alle Verantwortlichen gezwungen sind dranzubleiben, wird es überhaupt eine Lösung in Deutschland geben.

Warum der Druck?

Der Atommüll darf nicht irgendwann schlecht bewacht in der Ecke stehen oder gar in falsche Hände geraten. Was dann passiert, haben wir schon anderswo erlebt. Wir müssen die Abfälle tief in geologischen Schichten einkapseln, um sie dauerhaft von der Biosphäre abzuschirmen.

Aktuell stehen viele Castoren neben Kraftwerken.

Das ist eine Zwischenlagerung und keine verkappte Dauerlagerung. Die Genehmigungen für diese Lager sind aus gutem Grund auf 40Jahre begrenzt, was aber wahrscheinlich nicht reichen wird. Beton, Stacheldraht und Sicherheitsfirmen können die geologischen Barrieren eines Endlagers nicht dauerhaft ersetzen.

Die Suche soll unvoreingenommen mit einer „weißen Landkarte“ starten ...

Wir müssen offen herangehen, nichts ausschließen und dann immer weiter anhand festgelegter Kriterien eingrenzen.

Im Rennen sind Salz, Ton und Granit. Bayern und Sachsen haben bereits erklärt, dass sie Granit für ungeeignet halten.

Das liegt weniger an wissenschaftlichen Erkenntnissen als daran, dass es dort nur Granit gibt. Insbesondere in Bayern hat man sich daran gewöhnt, mit Atomstrom Geld zu verdienen, den Müll aber anderswo entsorgen zu lassen.

Ist Granit geeignet?

Jede Gesteinsformation hat Vor- und Nachteile. Es gibt keine, die per se besser oder schlechter ist.

Inwiefern?

Wir bringen mit hochradioaktiven Abfällen große Wärme in den Untergrund, die sich auf die Gesteinsbarriere auswirken kann. Die Schichten müssen zudem auch bei Klimaveränderungen robust bleiben. Granit ist zum Beispiel robust, aber kapselt schlecht ein. Salz kapselt gut ein, löst sich aber bei Kontakt mit Wasser auf.

Was spielt noch eine Rolle?

Wir werden das Wissen um das Endlager nicht dauerhaft dokumentieren können. Wie verhindern wir also, dass künftige Generationen ausgerechnet an dieser Stelle unwissentlich nach Rohstoffen graben? Das müssen wir alles mit bedenken.

Vor vier Jahrzehnten haben Proteste im Emsland dazu geführt, dass das Salzbergwerk Wahn nicht als Endlager erkundet wurde. Sollten die Anwohner schon mal wieder Protestschilder malen?

Sie können gerne Schilder malen, auf denen sie ein auf klaren Kriterien beruhendes Suchverfahren fordern. Wir dürfen auch aus Gemeinwohlerwägungen nicht von vornherein Flächen ausschließen, die auf besonderen politischen Widerstand stoßen. Das würde nur die Akzeptanz gefährden. Diese Fehler wurden bei Gorleben gemacht. Aktuell geht es jedenfalls nicht um konkrete Standorte, sondern um den Start eines neuen Suchverfahrens.

Sie sind als Chef des neuen Bundesamtes für kerntechnische Entsorgungssicherheit (BfE) dafür zuständig, dass die Suche dieses Mal anders läuft.

Das Verfahren muss nachvollziehbar und transparent sein, damit die Region, die am Ende in den Fokus genommen wird, Sicherheit hat: Da wurde alles abgewogen. Wir werden nach einem klaren, vorgegebenen System schrittweise vorgehen, Kriterien offenlegen, bevor wir unter Tage suchen. Das ist Voraussetzung dafür, dass man am Ende ein Endlager durchsetzen kann.

Hört sich nicht nach Bürgerbeteiligung an.

Bürgerbeteiligung wird in diesem Verfahren großgeschrieben. Wir müssen aber aufpassen, dass staatliche Aufgaben beim Staat bleiben. Die Verantwortung für die Sicherheit kann und darf nicht delegiert werden.

Sobald der Name einer Region fällt, werden die Menschen dort nicht nur kommunizieren, sondern auch beeinflussen wollen …

Wir sind in einem Prozess und auf der Suche nach dem richtigen Weg. Es geht aber nicht darum, einen Konsens zu schaffen.

Nicht?

Es ist nicht das primäre Ziel. Mit dem Standortauswahlgesetz wollen wir einen Standort finden, der nach wissenschaftlichen Kriterien die bestmöglichen Bedingungen bietet. Am Ende wird es aber kaum eine Zustimmung aller gesellschaftlichen Gruppen geben.

Das klingt nach Streit.

Es wird vermutlich in der Bundesrepublik keine Region geben, in der die Betroffenen sich nicht wehren. Entscheidend ist, dass sie sich nicht über den Tisch gezogen fühlen. Wenn die Suche transparent, offen und nachvollziehbar ist, wird das hoffentlich zu mehr Bereitschaft zur Übernahme von Lasten führen, die wir nicht anders aus der Welt schaffen können.

Und wenn nicht?

Es wäre blauäugig zu glauben, man könne bei dieser jahrzehntelang hochumstrittenen Technologie hundertprozentige Übereinstimmung herstellen. Aber es geht um Verantwortung auch mit Blick auf alle folgenden Generationen. Wir können das Problem nicht lösen, indem wir die Augen zumachen.

Warum sollten wir nicht unseren Atommüll in ein anderes Land mit Endlager exportieren?

Zunächst einmal gibt es weltweit noch kein Endlager. Und wer die Abnahme anbietet, tut dies für Geld und nicht für mehr Sicherheit. Wenn man sieht, wie diese Länder mit ihrem Atommüll umgehen, beantwortet sich die Frage nicht nur aus ethischen Gründen. Es verbietet sich.

Die Strahlenschutzkommission des Bundes hat kürzlich die geplante Rückholung von Atommüll aus der Asse in Frage gestellt. Können Sie den Müll also doch einfach im Salzstock lassen?

Ob das Herausholen der einzige Weg ist, um die strengen Anforderungen des Atomrechts erfüllen zu können, ist immer wieder zu hinterfragen. Aber den Abfall im Bergwerk zu lassen, das können wir nur, wenn der Nachweis geführt werden kann, dass sich der Abfall – salopp gesagt – dauerhaft einmauern ließe. Aber dass das funktioniert, dafür gibt es derzeit keine Anhaltspunkte.

Wieso?

Als Betreiber bin ich laut Atomgesetz verpflichtet, die gleichen Sicherheiten zu bieten, als wenn wir ein komplett neues Endlager bauen und verschließen würden. Wir müssten die in der Asse zerstörten Salzbarrieren durch technische ersetzen. Den Sicherheitsnachweis können wir nach bisherigem Wissensstand nicht führen. Also müssen wir den Weg der Rückholung gehen.

Die Strahlenschutzkommission hält den Nachweis offenbar für machbar.

Sie hat aber vergessen zu sagen, wie. Die Kommission hat den Eindruck erweckt, es gäbe neue Erkenntnisse. Dabei haben wir, was die Grundsatzfrage der sicheren Stilllegung betrifft, den gleichen Kenntnisstand wie vor einigen Jahren. Hier ist einmal mehr eine Debatte losgetreten worden, die nicht zu mehr Sicherheit, sondern zu mehr Misstrauen gegenüber den staatlichen Institutionen führen kann. Vielleicht waren die externen Strahlenschutzexperten schlecht beraten, als sie den Betreiber, das Bundesamt für Strahlenschutz, von ihren Beratungen ausgeschlossen haben.

Kann der Müll nicht unten bleiben?

Nur wenn man die Schutzziele für bestehende Anlagen absenken würde. Das hieße, der Bevölkerung um die Asse geringere Sicherheiten zu garantieren als an anderen Orten in Deutschland. Diese Debatte wird aus guten Gründen nicht geführt.


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