02.11.2016, 16:47 Uhr

Kritik an YouTube-Serie Bundeswehr will Rekruten mit Reality-Dokumentation werben

Soldaten in der Grundausbildung stehen auf dem Gelände der Marinetechnikschule in Parow bei Stralsund. Foto: dpaSoldaten in der Grundausbildung stehen auf dem Gelände der Marinetechnikschule in Parow bei Stralsund. Foto: dpa

Parow. Die Bundeswehr hat mit der Reality-Dokumentation „Die Rekruten“ eine große Social-Media-Offensive gestartet. Die Serie soll dem Personalmangel entgegensteuern. „Die Rekruten“ erntet aber neben Lob auch zunehmend Spott.

Gleich an Tag eins in der Kaserne bekommen die Rekruten dem Titel der ersten Doku-Folge gemäß einen „Kulturschock“. Sie müssen sich an die strengen Umgangsformen und typischen Gepflogenheiten bei der Bundeswehr gewöhnen. Unterlegt ist das Video mit Klimper-Musik sowie Lachen und Klatschen im Hintergrund – wie in einer Sitcom.

Jeden Tag, zwölf Wochen lang, soll nun jeweils eine Folge um etwa 17 Uhr auf dem YouTube-Kanal veröffentlicht werden. Die Reality-Serie begleitet zwölf Rekruten während ihrer Grundausbildung an der Marinertechnikschule in Parow (Stralsund).

Die Kameraführung ist auf die junge Zielgruppe getrimmt. Teils mit Selfie-Kamera gefilmt und mit wackeligen Bildern entspricht die Dokumentation den Seh-Gewohnheiten der Jugendlichen auf YouTube.

Treffen will die Bundeswehr mit „Die Rekruten“ ein bestimmtes Ziel: alle deutschen Männer und Frauen zwischen 17 und 25 Jahren. Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen plant, bis zum Jahr 2023 rund 14.300 Soldaten und weitere 4400 zivile Mitarbeiter anzuheuern.

Das lässt sich von der Leyen einiges kosten. Allein für die Produktion der Youtube-Videos sind rund 1,7 Millionen Euro veranschlagt, berichtet das „Bundeswehr-Journal“. Die begleitende Werbekampagne mit Plakaten, Radiowerbung und Präsenz auf Facebook, Instagram und Snapchat soll weitere 6,2 Millionen Euro kosten. Dafür wird von der Leyen von der politischen Opposition scharf kritisiert. „Werbefilmchen fürs Sterben im Ausland braucht niemand“, sagt Peter Ritter, friedenspolitischer Sprecher der Linken in Mecklenburg-Vorpommern. Er bezeichnete die Kampagne als „Blödsinn“. Die Bundeswehr sei nicht da, um zu unterhalten, sondern um sich an ihren im Gesetz festgeschriebenen Auftrag zu halten (Artikel 87a des Grundgesetzes: „Der Bund stellt Streitkräfte zur Verteidigung auf“).

Rückendeckung bekommt er von seiner Kollegin Christine Buchholz, verteidigungspolitische Sprecherin der Linken im Bundestag: „Die große PR-Offensive, die Ministerin von der Leyen betreibt, kostet insgesamt mittlerweile fast 100.000 Euro pro Tag.“ Die Werbung in dieser Form sei geschmacklos. Auch Verteidigungspolitiker Tobias Lindner von den Grünen findet, das Geld sei an anderer Stelle besser aufgehoben: „So lange die Ausrüstung der Bundeswehr so marode ist, nützen die teuersten Werbefilmchen nichts“, sagte er der „Bild am Sonntag“.

Die Bundeswehr verteidigt sich gegen die Kritik an den hohen Ausgaben für die Realitiy-Dokumentation. Die Vorschau auf die Serie, die ebenfalls auf Youtube lief, habe innerhalb einer Woche mehr als eine Million Klicks verzeichnet, sagte der Kommunikationschef für die Arbeitgebermarke Bundeswehr, Dirk Feldhaus, in der Marinetechnikschule Parow. „Das zeigt uns, dass wir das Geld gut investiert haben.“

Zeigt die Bundeswehr nur die „heile Welt“?

Kritik gibt es aber nicht nur wegen der Kosten. Auch die Art, wie geworben wird, steht zur Diskussion. „Man denkt, die Bundeswehr sei ein Abenteuerspielpatz“ titelt zum Beispiel die „Welt“ .

Reinhold Fuhrberg, Professor für Kommunikationsmanagement an der Hochschule Osnabrück sagt, man müsse die Werbemaßnahme der Bundeswehr differenziert betrachten. „Ich finde die Clips durchaus vertretbar, sofern in der gesamten Kommunikation der Bundeswehr auch die andere Seite kommuniziert wird“, sagte er im Gespräch mit unserer Redaktion. Außerdem werde in der Serie nur die Ausbildungszeit der Rekruten gezeigt. Daher sei es nicht notwendig, innerhalb der Serie auch auf den Tod hinzuweisen.

Die Werbevideos seien laut Fuhrberg daher kein geeigneter Platz, um auch die Kriegsthematik unterzubringen. Besser seien separate Videos, in denen Soldaten beispielsweise über ihre Erfahrungen in Auslandseinsätzen sprechen. „In der Werbung für Kinderriegel oder Cola werden schließlich auch keine adipösen Kinder gezeigt“, argumentierte der Kommunikationswissenschaftler.

Diesen Anspruch erfüllt die Bundeswehr. Auf YouTube sind auch Videos wie das folgende zu finden. Hier wird erklärt, welchen Gefahren Soldaten im Auslandseinsatz ausgesetzt sind. Auch Bilder von realen Gefahrensituationen werden darin gezeigt.


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