02.11.2016, 05:00 Uhr

Winfried Hardinghaus im Interview Hospizverband: „Das Pflegeheim ist der Sterbeort der Zukunft“


Osnabrück/Berlin . Vor einem Jahr wurde das neue Hospiz- und Palliativgesetz beschlossen. Seit Mitte Dezember ist es rechtskräftig und verspricht entsprechenden Einrichtungen zum Teil mehr Geld. Was hat sich seither getan und wo gibt es noch Lücken? Antworten gibt der Vorsitzende des deutschen Hospiz- und Palliativverbands, der Mediziner Prof. Dr. Winfried Hardinghaus.

Herr Hardinghaus, das Hospiz- und Palliativgesetz ist vor einem Jahr, am 5. November 2015, mit großer Mehrheit vom Bundestag verabschiedet worden und seit Dezember rechtskräftig. Haben Sie schon Veränderungen beobachten können?

Ich wusste, dass Sie das fragen würden, weil ich Sie da ein wenig enttäuschen muss. Es laufen noch einige Gespräche über die Rahmenvereinbarungen. Die führen wir auch. Die Rahmenvereinbarungsgespräche für die ambulanten Hospize sind abgeschlossen, auch die besseren Vergütungen der ambulanten Hospizdienste sind beschlossen. Aber in Sachen der stationären Hospize laufen jetzt noch die Gespräche - und das sind harte Nüsse. Da geht es bis ins kleinste.

Inwiefern?

Da geht es um zahlreiche Detailfragen. Wie groß darf ein Hospizzimmer sein? Welche Mindeststandards braucht so ein Zimmer? Da wird mit harten Bandagen gekämpft. Das Gesetz zu erlassen ist das eine, aber die Umsetzung, die dauert noch.

Es gibt im Hospizbereich also gar keine verbindlichen Qualitätsstandards?

Nein. Das kommt alles noch hinzu.

Das ist ja noch viel Arbeit.

Da sind wir dabei.

Brauchen wir in Deutschland denn noch mehr Hospizeinrichtungen oder Hospizmöglichkeiten oder sind wir gut versorgt?

Das muss ich sagen, wir sind gut versorgt! Es gibt in Deutschland im Moment eine Tendenz zu immer mehr stationären Hospizen. Das liegt daran, dass es derzeit keinen Hospizbedarfsplan gibt. Es kann also jeder ein Hospiz eröffnen, der will. Und so ist es auch in manchen Regionen, dass sich manche ein Denkmal setzen wollen und ein Hospiz aufmachen. Ganz egal, ob Bedarf besteht oder nicht. Wir sagen aber: Im Allgemeinen ist der Bedarf an stationären Hospizen deutschlandweit vollkommen gedeckt. Es gibt vielleicht noch ein paar Flecken, wo mehr ginge, denn mehr als 50 Kilometer sollten die Einrichtungen nicht auseinander sein.

Fehlt es eher an ambulanten Diensten oder ist auch da die Versorgungslage gut?

Beides. Sowohl ambulant als auch stationär. Nur in manchen ländlichen Gebieten fehlt insbesondere noch ein ambulantes Angebot, auch die sogenannte spezialisierte ambulante Palliativversorgung, SAPV.

Die neuen gesetzlichen Regelungen können natürlich auch Ängste wecken. Dass die Hospizmitarbeiter befürchten, jetzt krankenhausmäßig durchgetaktet zu werden und für jeden Handschlag feste Zeiten vorgeschrieben zu bekommen, ist vorstellbar. Ist das so?

Befürchtungen gibt es, dass das Ganze zu sehr versachlicht wird. Dass neue Sachzwänge auftreten. Dass Dokumentationspflichten entstehen, die vorher vielleicht so nicht da waren. Dass die Gefahr besteht, von der eigentlichen Arbeit abzulenken, von dem Zeit haben für die Sterbenden, dem Daseinkönnen für die Menschen, was ja immer noch das Wichtigste ist. Und sowohl Hospizler wie auch Palliativler machen sowas nicht so gerne, also sowas wie Dokumentationen und strukturelle Dinge mitzuplanen, sondern sie sind eher am Menschen interessiert. Da gibt es also durchaus Befürchtungen.

Zu Recht?

Teilweise zu Recht. Man muss allerdings auch sagen: Es geht heute nicht mehr anders. Es geht in keinem Gebiet im Gesundheitswesen mehr ohne Dokumentationen und ohne Verhandlungen mit Kostenträgern und mit Politik. Das hat es früher so nicht gegeben, aber heute geht es nicht mehr anders. Da muss man sich dem Zeitgeist anpassen.

Haben Sie da Überblick über den internationalen Vergleich? Sind wir Deutschen da sehr speziell, was die Dokumentationspflichten angeht?

Nein, das ist in anderen Ländern auch so. Das ist auch in England und der Schweiz so.

Müssen die Hospize denn jetzt einen anderen Personalschlüssel fahren als vorher, seit das Gesetz verabschiedet ist?

Nein. Sie können sogar besser vergüten und sie können Ehrenamtliche besser engagieren als man das vorher konnte. Auch die ehrenamtliche Vergütung ist jetzt durch das neue Gesetz geregelt oder besser gesagt die Teilvergütung in Form von beispielsweise Fahrtkosten. Ganz werden Ehrenamtliche natürlich nicht vergütet werden können, schon von der grundsätzlichen Idee her nicht, damit es eben eine Ehrenamtlichkeit bleibt und ein bürgerschaftliches Engagement. Aber da bestehen jetzt bessere Möglichkeiten für ein Hospiz.

Wo Gewinner sind, gibt es aber auch Verlierer – wer sind die denn in diesem Fall?

Am schlechtesten weggekommen sind die Pflegeheime. Für die gibt es keine besonderen neuen Regelungen.

Das ist ja ein großes Thema. Der Sozialpädagoge Claus Fussek hat sinngemäß gesagt: „Was wir da machen , ist das: Wir nehmen eine Wasserpistole und schießen auf einen großen Flächenbrand mit dem neuen Palliativ- und Hospizgesetz“. Und er meint damit die Situation in den Pflegeheimen. Weil er sagt: Die Sterberealität in Deutschland ist immer noch so, dass ein großer Teil der Menschen eigentlich unterversorgt mit einer einzigen Nachtwache, die für 60 oder 70 Personen gleichermaßen zuständig ist, alleine und unbeobachtet im Zimmer stirbt.

Vielleicht würde ich es nicht ganz so extrem sehen wollen, aber immerhin sterben 25 Prozent aller Bundesbürger im Pflegeheim - mit absolut zunehmender Tendenz. Das Pflegeheim ist der Sterbeort der Zukunft in Deutschland. Absolut. Da müsste man noch mehr tun.

Was glauben Sie denn? Wird sich da was tun? Und wenn ja, wann?

Ich glaube, dass das gesellschaftliche Bewusstsein da mitentscheidend ist. Das gesellschaftliche Bewusstsein ist ja durch diese beiden neuen Gesetze, das Hospiz- und Palliativgesetzt und das Gesetz zum Verbot geschäftsmäßiger Sterbehilfe, schon deutlich geschärft worden. Wenn man jetzt merkt, dass durch die neuen Ansätze eine bessere Versorgungsmöglichkeit besteht, sieht man dann auch schneller die Lücken. Und irgendwann wird es mal ein Nachgesetz geben oder eine zweite Regelung, wo dann auch Pflegeheime besser berücksichtigt werden. Aktuell ist das allerdings nicht geplant.

Ihre These ist also: Das Thema Sterben im Altenheim wird bald im öffentlichen Bewusstsein nochmal nachhaltiger verankert sein?

Das hoffe ich sehr, dass die gesellschaftliche Öffnung für diese Themen allgemein noch mehr stattfindet, dass wir noch mehr Unterstützung von der Politik haben. Wir haben gerade am 17. Oktober die so genannte „Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen“ verabschiedet, ein Positionspapier, in dem wir 17000 Unterschriften gesammelt haben von Einrichtungen und Personen. 50 Einrichtungen einigen sich am runden Tisch über 15 Handlungsfelder in den Themengebieten Politik, Krankenkassen, Medizin, Pflege, in Sachen der Wohlfahrtsverbände - und das ist ein Riesending gewesen, weil da viel Feinfühligkeit erforderlich war.

Warum?

Sie müssen sich vorstellen: Viele konträre Interessenvertretungen einigen sich auf ein gemeinsames Papier. Da ist Diplomatie gefragt. Bei einer Podiumsdiskussion war auch Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe dabei und ich hoffe, dass solche Maßnahmen immer mehr in der Gesellschaft ankommen werden und für die Politik immer hoffähiger werden. Das kann man bei der Gelegenheit auch mal sagen: Dass es sich für die Politiker lohnt, sich dafür aus dem Fenster zu lehnen!


Das am 5. November 2015 vom Bundestag verabschiedete Hospiz- und Palliativgesetz sichert den stationären Hospizen eine leicht verbesserte Zahlung zu. Ein Hospiz bekommt demzufolge jetzt pro Gast 250 Euro - bisher 198 Euro - pro Tag von der Pflegekasse bezahlt. Hospize bekommen 95 statt wie bisher 90 Prozent der zuschussfähigen Kosten erstattet, um weniger auf Spenden angewiesen zu sein. Zudem stärkt das Gesetz gerade die ehrenamtlichen Kräfte, indem es beispielsweise die Bezahlung von Arbeitswegen zum Dienst und zurück vorschreibt. Neu ist zudem, dass Menschen am Ende ihres Lebens einen Rechtsanspruch auf eine umfassende Beratung zu allen Fragen rund um den Tod haben, also ein so genanntes Advanced Care Planning. Dies gilt vor allem für Menschen in Alten- und Pflegeheimen. Für Pflegeheime gilt nun eine Verpflichtung, mit Hospizdiensten und Fachärzten zusammenzuarbeiten, so dass Sterbende nicht mehr so häufig in Krankenhäuser verlegt werden müssen. Auch die Sterbebegleitung wird ein Teil des Versorgungsauftrags, den die Krankenkassen zu leisten haben.

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