30.10.2016, 23:37 Uhr

„Schöne neue Arbeitswelt“ Streit bei Anne Will: Lobo nennt Psychiater „Digital-Sarrazin“

ARD-Moderatorin Anne Will. Foto: dpaARD-Moderatorin Anne Will. Foto: dpa

Osnabrück. Bei Anne Will haben die Gäste am Sonntag über das Thema „Schöne neue Arbeitswelt – Ist der Computer der bessere Mensch?“ diskutiert. Die Teilnehmer der ARD-Talkshow waren sich uneinig, ob die fortschreitende Digitalisierung mehr Vor- oder Nachteile mit sich bringe. Psychiater Manfred Spitzer und Blogger Sascha Lobo gerieten dabei immer wieder aneinander.

In Einspielern präsentierte Gastgeberin Anne Will, wie in Japan bereits Roboterhunde ältere Menschen bespaßen. Zudem wurde ein Pilotprojekt gezeigt, bei dem ein Pflegeroboter im Altenheim einer Einwohnerin ein Glas Wasser brachte. Ist das die Zukunft?

Die Optimisten

Bitkom-Geschäftsführer Bernhard Rohleder: Als Geschäftsführer des Vereins Bitkom vertritt Rohleder mehr als 2400 Unternehmen der digitalen Wirtschaft. Er versuchte, den Menschen die Angst vor Robotern in der Arbeitswelt zu nehmen. Er gehe davon aus, dass zwar Arbeitsplätze verloren gehen, aber genauso viele neue geschaffen würden. „Früher musste der Elektriker nur dafür sorgen, dass der Strom fließt, heute das „Smart Home“ installieren. Wir brauchen eher mehr Arbeitskraft, weil die Welt immer anspruchsvoller wird“, lautete seine These. Er forderte, dass Schüler technisch besser ausgebildet werden müssten. „Zudem müssen sie voll zweisprachig aus der Grundschule gehen, um später in der englischsprachig geprägten digitalen Arbeitswelt zurechtzukommen“, sagte Rohleder.

FDP-Vorsitzender Christian Lindner: Lindner meinte, dass der digitale Wandel unausweichlich sei. „Wir befinden uns inmitten einer zweiten Industriellen Revolution, deren Ausmaß wir noch unterschätzen“, sagte der FDP-Vorsitzende. Auch er sehe den neuen Möglichkeiten positiv entgegen: „Wenn unangenehme, körperlich anstrengende Tätigkeiten von Robotern übernommen werden, ist das doch nichts Schlimmes.“ Auch der Fachkräftemangel könne in Zukunft teilweise elektronisch gelöst werden. „Aber wir müssen dafür sorgen, dass unser Bildungssystem die Menschen auf die Zukunft vorbereitet, denn unsere Kinder werden in Jobs arbeiten, von denen wir noch gar nichts wissen“, so Lindner. Er warnte auch davor, den Anschluss zu verpassen: „Wenn wir immer nur die Risiken sehen, werden andere die Chancen nutzen.“

Der Pessimist

Psychiater Manfred Spitzer: Spitzer lag im Dauerclinch mit allen anderen Gästen, denen er des Öfteren lauthals mit dem Wörtchen „Falsch“ ins Wort fiel. Zum Thema „Ist der Computer der bessere Mensch?“ hatte er wenig beizutragen. Er warnte stattdessen vor allem allgemein vor zu viel Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen. Kinder und Jugendliche müssten seiner Meinung nach vor den Risiken des Medienkonsums geschützt werden. Angst, Depression, Sucht, Aufmerksamkeitsstörungen, Schlafstörungen seien schon jetzt die Folge davon, dass Menschen zu früh zu viel Zeit im Internet oder am Smartphone verbringen. Das würden Studien belegen. Überhaupt sollten Computer und Smartphone aus dem Kinderzimmer verbannt werden und dort frühestens Einzug halten, wenn der Nachwuchs 14 oder 16 Jahre alt ist. Und auch das vergleichsweise alte Medium Fernsehen bekam seit Fett weg: „Das Fernsehen macht dick, dumm und gewalttätig.“ Und wer das bestreite, habe die Studien nicht gelesen, ging er die anderen Gäste an.

Die Skeptiker

Blogger und Buchautor Sascha Lobo: Lobo nahm die Diskussion mit Manfred Spitzer immer wieder auf. Er warf dem Psychiater vor, die digitale Welt zu dämonisieren und Ängste zu schüren. In Anlehnung an Thilo Sarrazin bezeichnete er Spitzer als „Digital-Sarrazin“, der Panikmache betreibe, um den Verkauf seiner internetkritischen Bücher anzutreiben. Weiter sagte er ironisch in Richtung Spiter: „Wenn man möchte, dass seine Kinder arbeitslos werden, sollte man sie tatsächlich von digitalen Medien fernhalten.“

In Bezug auf das Thema hielt Lobo fest, dass der Fortschritt nicht aufzuhalten sei. „Deswegen müssen wir rechtzeitig darüber diskutieren, wie wir den Fortschritt lenken können.“ Er befürchtet, dass es zu einer Aufspreizung und vielen schlecht bezahlten Arbeitsplätzen kommen könnte: „Es wird mehr Jobs geben, die eine ganz geringe Qualifikation erfordern, weil das Wissen in den Maschinen steckt. Und diese werden wahrscheinlich schlecht bezahlt sein. Und es wird wenige Jobs geben, die eine ganz hohe Qualifikation erfordern, etwa die der Programmierer.“

Leni Breymaier, SPD-Landesvorsitzende und ver.di-Landeschefin in Baden-Württemberg: Breymaier befürchtet den Wegfall vieler Jobs vor allem im Dienstleistungssektor. „Es werden wahrscheinlich auch neue Jobs geschaffen, aber meiner Einschätzung nach mehr wegfallen.“ Sie wolle nicht, dass Kassenpatienten von Robotern gepflegt werden und Privatpatienten von den übrig gebliebenen fürsorglichen Menschen. Die Politik müsse sich auf den Wandel einstellen.


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