18.10.2016, 16:14 Uhr

Der lange Kampf Mossul: IS bliebe auch nach einem Sieg gefährlich

Trotz der Siege in Mossul gegen den IS bleibt die Terrormiliz gefährlich. Foto: dpaTrotz der Siege in Mossul gegen den IS bleibt die Terrormiliz gefährlich. Foto: dpa

Mossul. Mit einer Eroberung der IS-Hochburg Mossul könnte die Terrormiliz im Irak militärisch weitgehend besiegt werden. Ihr Ende würde das aber nicht bedeuten. Vielmehr könnte der IS stärker auf Attentate setzen.

Die nordirakische Stadt Mossul steht für all die Macht, die die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ausstrahlen will. Vor mehr als zwei Jahren überrannten wenige Hundert Dschihadisten die Millionenmetropole und verjagten eine Armee, deren Soldaten widerstandslos die Flucht ergriffen. Später zeigte sich IS-Anführer Abu Bakr al-Bagdadi auf der Kanzel einer Moschee der Stadt erstmals öffentlich - eine Demonstration der Stärke. Bis heute gilt Mossul als heimliche Hauptstadt der sunnitischen Terrormiliz im Irak.

30.000 Kämpfer stehen rund 4000 Extremisten gegenüber

Doch die Herrschaft der Extremisten dort könnte bald ein Ende finden. Seit Anfang der Woche rückt eine Streitkraft aus irakischer Armee, kurdischen Peschmerga-Kämpfern und lokalen sunnitischen Milizen auf die IS-Hochburg vor. Angeblich 30.000 Kämpfer stehen dort geschätzten rund 4000 Extremisten gegenüber. Beobachter gehen von einer langen und blutigen Schlacht aus. Kaum jemand bezweifelt jedoch, dass ein Sieg über den IS in Mossul letztlich nur eine Frage der Zeit ist.

Terrormiliz im Irak militärisch weitgehend besiegt

Sollte es dazu kommen, wäre die Terrormiliz im Irak zumindest militärisch weitgehend besiegt. Ihr blieben nur noch kleinere Orte in meist kärglichen Regionen. Doch der Kampf gegen den IS wäre damit noch lange nicht vorbei, auch nicht im Irak. Die Vergangenheit hat gelehrt, dass die Miliz zwar stark dezimiert werden kann, trotzdem aber weiter lebt und rücksichtslos Gewalt ausüben kann. Schon im Jahr 2010 galt die Vorläuferorganisation des IS im Irak als mehr oder weniger vernichtet, kehrte aber später noch stärker zurück.

Guerilla-Phase

Den Extremisten kommt dabei die Fähigkeit zugute, sich flexibel einer neuen militärischen Lage anpassen zu können. Die Führung lässt lokalen Zellen genug Freiheit, damit diese eigenständig agieren und reagieren können. Der IS werde in Gebieten, in denen er die Kontrolle verloren habe, in eine Guerilla-Phase übergehen, prophezeien die US-Militärforscher des Institute for the Study of War. „Er wird Taktiken wiederbeleben, die er früher eingesetzt hat.“ Dazu zählen Sprengsätze in verschiedenen Formen und Selbstmordattentäter.

Sunnitische Provinzen fordern mehr Autonomie

Zugute kommt den Extremisten noch immer die politische Lage im Irak. Seit langem werfen die Sunniten der Mehrheit der Schiiten vor, von ihnen völlig an den Rand gedrängt worden sein. Dieses Gefühl der Diskriminierung bescherte dem ebenfalls sunnitischen IS starken Zuspruch unter Sunniten. Dieses Kernproblem des Krisenlandes ist bis heute nicht gelöst. Sunnitische Provinzen fordern etwa mehr Autonomie, stoßen aber auf Widerstand in der Hauptstadt Bagdad, wo vor allem schiitische Parteien das Sagen haben.

Der IS findet zudem über die offene Grenze Rückzugsräume im Nachbarland Syrien, wo die Extremisten im Norden und Osten des Bürgerkriegslandes noch immer große Gebiete kontrollieren. Vor allem in die beiden syrischen Hochburgen Al-Rakka und Dair as-Saur dürften sich viele Dschihadisten aus dem Irak zurückziehen.

Ablehnung vom Westen

Der Kampf gegen den IS in Syrien ist für seine Gegner noch schwieriger als im Irak, vor allem weil es an geeigneten Bodenkräften fehlt. Die syrischen Kurden haben der Miliz zwar große Gebiete abgenommen, sind dabei aber in Regionen vorgedrungen, in denen sie keine Mehrheit stellen - und sollen ihren Vormarsch nach dem Willen syrischer Araber und der Türkei auf keinen Fall fortsetzen. Die von der Türkei unterstützten Rebellen wiederum sind zu schwach, um den IS aus dem Land zu verdrängen. Der Westen lehnt es zudem ab, gemeinsam mit Regimekräften gegen die Miliz vorzugehen - abgesehen davon, dass auch Syriens Armee nach mehr als fünf Jahren massiv geschwächt ist.

Terrorgefahr in anderen Ländern wächst

Noch etwas lehrt die Vergangenheit: Je mehr der IS in Syrien oder im Irak militärisch unter Druck gerät, desto mehr ist er verleitet, in anderen Ländern Terroranschläge zu verüben, auch und gerade im Westen. Schon nach Verlusten im vergangenen Jahr deutete sich an, dass sich die Dschihadisten angesichts mangelnder Erfolge gegen den „nahen Feind“ stärker dem „fernen Feind“ im Ausland zuwenden. Schon längst hat sich der IS in eine globale Organisation mit Ablegern in zahlreichen Ländern verwandelt.

Kampf wird noch lange andauern

Mit Attentaten ist auch jetzt zu rechnen, vor allem in den Staaten, die sich - wie Deutschland - der internationalen Anti-IS-Koalition angeschlossen haben. So warnte US-Präsident Barack Obama in einem Interview, der IS habe weiterhin die Kraft für Terroranschläge. Iraks Ministerpräsident Haidar al-Abadi sieht vor allem die Golfstaaten gefährdet. Der Sieg gegen die Terrormiliz in Mossul scheint greifbar - doch der Kampf gegen die Extremisten wird noch lange dauern.


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