25.03.2016, 16:33 Uhr

Absurde Verschwörungstheorien Und Hitler lebt hinter der Eis-Mauer bei den Reptiloiden...

Im Gleichschritt marschieren in der Antarktis die Pinguine - aber auch Nazis? Das jedenfalls glauben Verschwörungstheoretiker. Foto: imago/Nature Picture LibraryIm Gleichschritt marschieren in der Antarktis die Pinguine - aber auch Nazis? Das jedenfalls glauben Verschwörungstheoretiker. Foto: imago/Nature Picture Library

Osnabrück. Adolf Hitler ist in eine Nazi-Basis in der Antarktis geflohen, die Windsors sind Echsenmenschen und die Erde ist flach: Viele Verschwörungstheorien muten so absurd an, dass Lachen die einzig vernünftige Reaktion zu sein scheint. Doch auch diese sind alles andere als ein harmloser Spaß.

„Die Leute die uns mit allem belogen haben – die müssen wir finden und bloßstellen. Am Ende womöglich einfach umbringen lassen...“.

Der Nutzer hinter dem Pseudonym „Cae sar“ ist sauer. Darüber, dass er belogen wurde, darüber, dass Schule, Politik und Gesellschaft ihm jahrelang weisgemacht hätten, die Erde sei eine Kugel. Seinen Unmut postet er im Internet  in einer Diskussion mit Gleichgesinnten im „Flache Erde Forum“ . Auch Lambert ist der Meinung: „Die Menschen müssen irgendwann einfach die Kriminellen verhaften. Dann wird alles gut.“ 

„Leider habe ich keine Quelle dafür“

Doch wer sind die? Die Kirche? Die Illuminaten? Die Vereinten Nationen? Letztere hat Nutzer „heibo“ im Verdacht. „Es ist doch interessant, dass in allen Ländern, das Gleiche unterrichtet wird. Das erste in der Liste, was in den Schulbüchern stehen soll, ist das Thema die Runde Erde im Weltraum.“ Und den Inhalt der Schulbücher diktiere die UN, weiß er weiter zu berichten: „Leider habe ich keine Quelle dafür“.  

„Cae sar“, „heibo“, „Lambert“ und hunderte, vielleicht tausende andere sind Anhänger der sogenannten Flache-Erde-Theorie. Sie sind der Überzeugung, dass die Erde flach und der Nordpol ihr Zentrum ist. Die Antarktis sei kein Kontinent, sondern eine mehr als 50 Meter hohe Eismauer rund um den Rand, die das Wasser zurückhält. Über der Scheibe kreise in etwa 5000 Kilometern Höhe (Wissenschaftlicher Konsens: 150 Millionen Kilometer) die Sonne mit ihrem Durchmesser von knapp 60 Kilometern (1,4 Millionen Kilometer). 

Seit Frühjahr 2015 erlebt diese bereits in der Antike widerlegte Annahme eine Renaissance. Tausende Blogbeiträge, Videos und Forendebatten sind entstanden, täglich werden es mehr: Sie beschäftigen sich mit Gravitation (die Wissenschaft lügt), eigenen Beobachtungen (Teleskope sind manipuliert), Raumfahrt (Betrug), Erdkrümmung (gibt es nicht) und Rotation (kann nicht funktionieren). Diese „Wahrheit“ aber, werde unterdrückt – von „denen da oben“: Wissenschaft, Politik, Kirchen oder Geheimbünden.

Reptiloide haben Lady Di getötet !!11!

Dass diese selbst nur Spielball noch finsterer Mächte sind, ist wiederum Gegenstand anderer Theorien und nicht immer stammen die Verschwörer von dieser Welt:  So vertritt etwa der britische Rechtsesoteriker David Icke die Annahme, dass an den Schaltstellen von Politik und Gesellschaft seit Jahrtausenden die sogenannten „Reptiloiden“ sitzen,  reptilienartige Außerirdische aus dem Sternbild des Drachen, die menschliche Gestalt annehmen können. Verschwörungstheoretiker glauben, dass ein solches Wesen auch aktuell auf dem englischen Thron sitzt – und das Lady Diana dies publik machen wollte, was der Grund für ihren Unfalltod (1997) war.

Wer glaubt so etwas – und warum? Diese Frage beschäftigt auch Sebastian Bartoschek. Er hat in seiner Dissertation „Bekanntheit und Zustimmung zu Verschwörungstheorien“ durch die Befragung von mehr als tausend Verschwörungsgläubigern versucht, Antworten zu finden. Und weiß im Gespräch mit unserer Redaktion zu berichten: „Absurdität ist kein Ausschlusskriterium.“ 

Es beginnt mit einem Zweifel...

Der Psychologe warnt  davor, Anhänger selbst krudester Verschwörungstheorien als Verrückte abzustempeln: „Bei den meisten gibt es keine psychologischen Auffälligkeiten“. Die meisten würden nur nach einfachen Erklärungen suchen, die ihnen helfen, die Welt zu strukturieren. 

Theorien wie die der flachen Erde, deren Funktionieren das Verneinen von Naturgesetzen voraussetzen, sind meist nicht Ausgangs-, sondern Endpunkt einer Karriere als Verschwörungsgläubiger. Ihre zumeist wenigen Anhänger berauschen sich am Gefühl der Überlegenheit, daran, dass sie – anders als der große Rest der Menschheit – den Durchblick zu haben glauben. Und wie bei Rauschgiftkonsumenten beginnt der Einstieg in der Regel vergleichsweise harmlos: Zweifel an der offiziellen Darstellung der Anschläge vom 11. September 2001 sind so etwas wie der erste beifällige Zug an einer Hasch-Zigarette, während die „Flache-Erde-Theorie“ schon mit dem Konsum von Crystal Meth zu vergleichen wäre. 

Einsame Extremisten

Doch genauso wenig, wie aus jedem Gelegenheits-Kiffer ein Meth-Junkie wird, wird aus jedem Zweifler jemand, der an die große Weltverschwörung glaubt. Aber: Bartoschek hat im Rahmen seiner Forschung fünf Faktoren herausgefiltert, die mit erhöhtem Glauben an Verschwörungstheorien einhergehen: Politischer Extremismus, Religiosität, jüngeres Alter, geringerer Bildungsstand, weibliches Geschlecht. Verbreitet würden Verschwörungstheorien hingegen eher von einsamen Männern mit extremen politischen Ansichten.

Die von ihnen in die Welt getragenen Verschwörungstheorien folgen laut Bartoschek  meist einem klaren Muster: Die Grundlage bilden Beobachtungen, die man sich nicht leicht erklären kann – etwa Krieg, Naturkatastrophen oder Ungerechtigkeit. Weiter braucht es eine möglichst schutzbedürftige Opfergruppe, der sich möglichst viele zurechnen können. Und einen Täter, dem, bestenfalls durch überprüfbare Vergehen in der Vergangenheit, eine gewisse Skrupellosigkeit zugetraut werden kann. Dann kann die Theorie gedeihen, sagt Bartoschek: Gespickt mit „Einzelfakten, die als wahr überprüfbar sind, um es plausibel zu machen“, vermischt mit Behauptungen, Lügen, angeblichen Beobachtungen und Fehlinterpretationen. 

Reichsflugscheiben über dem ewigen Eis

Bei der  in rechtsesoterischen Kreisen beliebten Neuschwabenland-Theorie , die von der Existenz einer uneinnehmbaren Nazi-Festung in der Antarktis ausgeht (siehe „Zur Sache“) in welcher auch Adolf Hitler Unterschlup fand, bilden eine deutsche Antarktis-Expedition, eine US-amerikanische sowie Atombombentests die faktische Grundlage. Getragen vom Unverständnis über den Zusammenbruch der nationalsozialistischen Idee und gepaart mit dem Mythos über deutschen Wunderwaffen, wie etwa den sagenhaften Reichsflugscheiben, bauten Geschichtsrevisionisten daraus die Geschichte über einen deutschen Stützpunkt im Eis, der sich mithilfe modernster Technik den Eroberungsversuchen der Alliierten erwehrt – und von dem niemand wissen darf. Denn dessen Bewohner würden irgendwann als „Dritte Macht“ zurückkehren und die alte Ordnung wiederherstellen. 

Wiederum andere erweiterten die Theorie und behaupten, dass die Nazis nicht im Stützpunkt selbst, sondern darunter, in angeblich hohlen Erde wohnen – was laut Icke auch einer der bevorzugten Aufenthaltsorte der Reptiloiden ist.  

Die Akte-X-Verschwörung

Ob flache oder hohle Erde, Nazis im ewigen Eis oder Aliens an den Schaltstellen der Macht: Nicht nur für Wahrheitssucher, auch für Filmemacher sind das der Stoff, aus dem die Träume sind. Verschwörungstheorien, die laut Bartoschek bei den Menschen einen „angenehmen Grusel verursachen“, bilden nicht selten die Grundlage für  Filme, etwa „JFK - Tatort Dallas“, „Unternehmen Capricom“ oder - ganz abgedreht - „Iron Sky“. Die Neuauflage der Serie „Akte X“ flimmert seit Februar wieder über die Fernsehbildschirme und sorgte unter Verschwörungsgläubigen für aufgeregte Diskussionen in Foren und sozialen Netzwerken. Während sich einige fragten, wie die erste Folge „es durch die Zensur geschafft hat“, da sie ja offensichtliche Wahrheiten enthalte, sehen andere in den filmischen Adaption von Verschwörungstheorien selbst eine Verschwörung: Durch die Übertragung der vermeintlichen Wahrheit ins Fiktionale, sehen sie eine Methode der Eliten, die Erkenntnisse der Wahrheitssucher als Erfindungen der Filmindustrie zu diskreditieren.

Schwurbler und Sektierer

Das sind teilweise gefährliche Gedankenspiele, sagt Giulia Silberberger: „Die glauben das tatsächlich“. Die 34-jährige Berlinerin ist Geschäftsführerin der  „Goldenen Aluhut GbR“, eine Gruppierung der Skeptiker-Bewegung . Silberberger erkennt bei den Verschwörungsgläubigen Parallelen zu Sekten. Sie weiß wovon sie spricht: Mit 8 Jahren wurde sie durch ihre Mutter Mitglied der Zeugen Jehovas, der Ausstieg gelang ihr erst über 15 Jahre später. Sie sieht den Wahrheitsanspruch und das Missionierungsbedürfnis sowohl bei Sekten wie auch bei Verschwörungstheoretikerzirkel. Auch die Zielgruppe sei dieselbe: Menschen, die in einer immer komplizierter werdenden Welt nach Sinn, Sicherheit und Antworten suchen. „Was beiden auch sehr gemein ist: Wenn man sich von dem Glaubenskonstrukt abwendet, wird man verstoßen“, sagt Silberberger.

Sorge macht sie sich vor allem um die Kinder der Verschwörungsgläubigen, die sich, anders als die Eltern, nicht freiwillig für diese Weltsicht entscheiden konnten und nun von klein auf ideologisch missbraucht würden. Gefährlich könnte dies vor allem dann werden, wenn sich die Eltern von der Schulmedizin abwenden, sofern sie diese als korrupt, verbohrt oder nicht zuletzt als Waffe der Elite gegen die Menschen betrachten. „Da werden wir auch aktiv und geben den zuständigen Stellen Bescheid“, sagt Silberberger.

Heilung durch Säure und Silber?

Sie kennt Beispiele aus Gruppen, die eine Verschwörung des Gesundheitsapparates gegen das Volk wittern, in denen ernsthaft darüber diskutiert wurde, kranke Kindern statt durch schulmedizinische Behandlung mit einer giftigen, ätzenden Mischung aus Natriumchlorit und Wasser (Miracle Mineral Supplement, kurz: MMS) zu kurieren. Ein anderes Beispiel: „Ein kleines Kind lag auf einer Intensivstation und es wurde diskutiert, ihr kolloidales Silber zu spritzen und wie man die Sicherheitsmaßnahmen umgeht. Da haben wir auch Bescheid gesagt und auch in anderen Fällen werden die Behörden informiert“, berichtet Silberberger. Dass Behörden und Ärzte ihre Behandlungsmethoden ablehnen, bestärkt diejenigen, die von der Existenz einer Mediziner-Verschwörung überzeugt sind, allerdings wohl eher in ihrem Glauben, als dass es sie wachrüttelt.  

„Wir können auf Emotionen nicht mit Argumenten reagieren“

Weder Silberberger noch Bartoschek stellen in Abrede, dass ein gesundes Maß an Skepsis sinnvoll ist. „Wir dürfen nicht vergessen, dass es auch tatsächliche Verschwörungen gab und gibt. Gefährlich wird es aber dann, wenn jemand die Sachen nicht mehr wahrnimmt, die diesem Glauben widersprechen“, sagt Bartoschek.

So jemanden auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen, ist für Silberberger wie Bartoschek ein fast aussichtsloses Unterfangen. „Wir können auf Emotionen nicht mit Argumenten reagieren“, sagt der Psychologe. Also kein Ausweg? „Doch, indem die Betroffenen irgendwann merken, dass ihnen der Glaube an die Verschwörung nicht das bringt, was sie sich davon versprochen haben.“ 

Kaum Angebote für Aussteiger

Und dann? Silberberger kritisiert, dass es – anders als für Sektenaussteiger – für Verschwörungstheorie-Gläubige kaum Anlaufstellen gibt. „Da fehlt es an therapeutischen Angeboten.“ Die 34-Jährige ist deshalb gemeinsam mit Mitstreitern dabei, eine gemeinnützige Organisation aufzubauen, um eben diese Lücke zu füllen und einen ersten Anlaufpunkt zu schaffen, um Aussteigern aus Verschwörungstheoretiker-Kreisen, aber auch aus Sekten, Therapeuten oder Selbsthilfegruppen empfehlen zu können. Auch Bartoschek ist der Ansicht, dass Verschwörungsgläubigen bislang zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde. „Man hat sie lange unterschätzt, aber das ändert sich gerade – auch vor dem Hintergrund der Anschläge auf Asylheime oder auf die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker.“


Die Neuschwabenland-Theorie: 

Kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges liefen zwei deutsche U-Boote in einen argentinischen Hafen ein - waren sie Teil eines größeren Konvois, der Adolf Hitler sowie andere Nazi-Größen nebst einer gewaltigen Streitmacht in eine geheime Antarktis-Festung brachten? Die argentinische Zeitung „La Critica“ jedenfalls behauptete das damals - und in rechtsesoterischen Kreisen glaubt man das auch heute noch. Tatsächlich brach 1938 das Schiff „Schwabenland“ in die Antarktis auf und nahm eine 600.000 Quadratkilometer große Region  unter dem Namen “Neuschwabenland“ (heute: Königin Maud-Land) in Besitz. Ihr Ziel war tatsächlich der Aufbau einer Basis - allerding für die deutsche Walfangflotte. Weil England weite Teile des Atlantiks kontrollierte, wichen das NS-Regime in diese Region aus, um aus den Tieren für die Industrie wichtigen Tran zu gewinnen.

Doch durch zwei Operationen der Alliierten entstand die Neuschwabenland-Legende:  1944 starteten die Briten mit einem 14-köpfigen Team die Operation „Tabarin“, um Gebietsansprüche zu sichern. Kurz nach dem Krieg brach eine US-amerikanische Flotte mit 13 Schiffen, 33 Flugzeugen und 4700 Soldaten unter dem Kommando von Admiral Richard E.Byrd zur Operation „Highjump“ auf. Es handelte sich dabei um eine militärische Trainingsoperation des US-Militärs, auch in Hinblick auf eine kommende Auseinandersetzung mit der Sowjetunion. Die Anhänger der Neuschwabenland-Theorie allerdings sahen in beiden Operationen versuchte - und gescheiterte - Angriffe auf die geheime Nazi-Basis. Nach seiner Rückkehr äußerte Byrd in einem Interview die Sorge, dass schnelle Düsenflugzeuge für einen Angriff auf die USA die Route über den Pol wählen könnten. In dieser Aussage, gepaart mit der zu dieser Zeit durch die sich durchsetzende Düsenflugzeugtechnik vermehrten Sichtung von Ufos, sahen Verschwörungstheoretiker eine Bestätigung für die Existenz deutscher Superwaffen, wie etwa einer Reichsflugscheibe. Endgültig bestätigt von der Existenz der Basis zeigte sie sich, nachdem die USA 1958 drei Atombomben im Rahmen der Operation „Argus“ in der südlichen Hemisphäre zündeten. Dass die Tests in tausenden Kilometern Entfernung zu „Neuschwabenland“ stattfanden, tat der Theorie keinen Abbruch.

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