16.01.2016, 06:11 Uhr

Gewalt gegen Journalisten DJV-Chef: Polizei ist bei Demos überfordert

Frank Überall, Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes, fordert für seine Berufskollegen mehr Schutz durch die Polizei. Foto:  imago/Stefan ZeitzFrank Überall, Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes, fordert für seine Berufskollegen mehr Schutz durch die Polizei. Foto: imago/Stefan Zeitz

Osnabrück. Angesichts der zunehmenden Gewalt gegen Journalisten bei rechten Demos fordert der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) eine stärkere Wachsamkeit von Seiten der Polizei. „Die Polizei schreitet nicht adäquat ein. Die Beamten sind teils überfordert“, sagt Frank Überall, Vorsitzender des DJV, im Gespräch mit unserer Redaktion.

In den vergangenen Monaten sind Journalisten zunehmend zur Zielscheibe rechter Gewalt geworden. Dies gehe teilweise so weit, dass sie bei rechtsextremistischen Demos praktisch Freiwild seien, so Überall. Im vergangenen Jahr sind 49 Angriffe auf Reporter und Kameraleute registriert worden. Das Europäische Zentrum für Presse- und Medienfreiheit sieht dies vor allem als Folge des Erstarkens der Pegida-Bewegung.

Forderung nach mehr Schutz

Von der Polizei und der Politik fühlen sich die Journalisten im Stich gelassen, erklärt Überall – vor allem bei Demos. „Die Polizei schreitet nicht adäquat ein. Die Beamten sind teils überfordert“, betont er. Die vergangenen Angriffe auf Journalisten müssten den Behörden eigentlich vor Augen führen, dass Journalisten bei solchen Veranstaltungen einen besonderen Schutz genießen müssten. Die Verantwortlichen in Polizei und Politik hätten dies bislang aber nicht ausreichend erkannt. „Das Bewusstsein dafür fehlt häufig in den oberen Etagen“, sagt Überall weiter. Das müsse sich ändern, fordert er: „Die Polizei muss uns besser schützen!“ Und nicht nur das: Auch die Justiz müsse solche Übergriffe härter bestrafen, so der DJV-Chef. (Weiterlesen: Reporter ohne Grenzen: 2015 weltweit 110 Journalisten getötet)

Wie kommt es zu dem Hass?

Dass Journalisten einmal ein derartiger Hass von manchen Gruppen entgegenschlagen werde, habe der Vorsitzende des DJV nach eigenen Angaben nie für möglich gehalten. Doch wie kam es dazu, dass Journalisten gerade bei Rechtsextremen zu einem Hassobjekt mutiert sind? „Wir werden mit dem Establishment gleichgesetzt. Sie denken, dass wir mit aller Macht das System stützen wollen“, so Überall. Dass sich die Journalisten weigern, sich nicht zum „Sprachrohr platter Stammtischparolen“ degradieren zu lassen, verstärke die Abneigung von rechts. Der Begriff „Lügenpresse“ im Zuge der Flüchtlingskrise sei die unmittelbare Zuspitzung dieses Trends.

Journalisten sind verunsichert

Angesichts der vermehrten Übergriffe auf Journalisten registriert Überall eine zunehmende Unsicherheit bei seinen Berufskollegen, die Journalisten seien regelrecht eingeschüchtert. „Wir sind alle nur Menschen. Und wenn auf uns Steine geworfen werden oder eine Explosion in unserer Nähe losgeht, ist es doch klar, dass man Angst hat“, berichtet er.

Trotz seiner Kritik an Polizei und Politik ist er optimistisch, dass Journalisten bald besser geschützt werden. Man stehe in Gesprächen mit verschiedenen Innenministerien der Länder, um die Situation zu einem Besseren zu verändern, so Überall. „Die Gesprächsbereitschaft ist an vielen Stellen da“, sagt er. Diese sei aber dringend nötigt, beachtet man seine Vorhersage: „Die Radikalisierung bei Demos nimmt zu – und damit auch die Gewaltbereitschaft“, so Überall.

Falsches Bild vom Journalismus in Gesellschaft

Nicht nur von den Rechtsextremen werden Journalisten mittlerweile verstärkt mit Kritik konfrontiert. Der Abstand gegenüber diesem Berufsbild reiche weit in die Gesellschaft hinein. Grund sei laut Überall vor allem das falsche Bild, dass sich die Menschen vom Journalismus machen würden. „Die digitale Ungeduld führt dazu, dass die Menschen immer schneller Informationen wollen“, sagt Überall. Dieses Bedürfnis könnten Journalisten aber nicht immer gleich erfüllen. Vielmehr seien sie dazu verpflichtet, Informationen genau zu prüfen, ehe sie diese veröffentlichen. „Sie dürfen nicht ungeprüft Gerüchte in die Welt hinausblasen und sie als Tatsachen verkaufen“, betont er. (Weiterlesen: Nur Mut, liebe Leser: Hassen Sie mich bitte jetzt!)

Kritik an Berufskollegen

Überall äußert aber auch Kritik in Richtung der Journalisten. Der ökonomische Druck, unter dem journalistische Unternehmen verstärkt stehen, veranlasse viele davon, sich dem Boulevard zu öffnen und Gerüchte als Wahrheiten zu verkaufen. Damit werde das Bedürfnis der Gesellschaft auf schnelle Informationen aber nur weiter genährt. Ein Teufelskreis, wie Überall findet.


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