15.01.2016, 13:27 Uhr

Thema Islamfeindlichkeit Antisemit bei Islamtagung an der Uni Osnabrück?

Muslime als Teil der Gesellschaft - hier ein Bild von der Basharat Moschee an der Osnabrücker Atterstraße beim Tag der offenen Tür. Foto: Archiv/Jörn MartensMuslime als Teil der Gesellschaft - hier ein Bild von der Basharat Moschee an der Osnabrücker Atterstraße beim Tag der offenen Tür. Foto: Archiv/Jörn Martens

Osnabrück. Die Vorwürfe wiegen schwer: Bei einer internationalen Tagung zum Thema Islamfeindlichkeit, die am Donnerstag in Osnabrück begonnen hat, soll als Eröffnungsredner ein Antisemit eingeladen worden sein.

Die beiden Wissenschaftler Clemens Heni und Michael Kreutz werfen dem amerikanischen Professor John Esposito von der Georgetown University in Washington Antisemitismus vor. In einem Interview mit dem Deutschlandradio Kultur sagte Heni, der Hauptredner bei der Osnabrücker Konferenz vergleiche Israel mit Konzentrationslagern und Nationalsozialisten. Er bezieht sich damit auf ein Zitat in Espositos Buch „The Future of Islam“ (Die Zukunft des Islams ). Im Kapitel „Die israelische Invasion und der Krieg in Gaza“ gibt der Islamwissenschaftler Esposito ein wörtliches Zitat aus einem Zeitungsartikel wieder, wonach die Bedingungen im Gaza-Streifen an ein „großes Konzentrationslager“ erinnerten. Das Zitat wird als Beleg für „schwere Kritik“ an Israel herangezogen.

In einem Artikel von Heni und Kreutz, den die beiden im Internet veröffentlicht haben, wird zudem eine Studie Espositos kritisiert. Außerdem habe Esposito den Holocaustüberlebenden Elie Wiesel 2014 auf Twitter beschuldigt, eine „Holocaust-Trumpfkarte“ auszuspielen.

Kein Antisemit

Bülent Uçar, Leiter der Konferenz und des Osnabrücker Instituts für Islamische Theologie, erklärte auf Anfrage unserer Redaktion: „Für uns ist John Esposito eine weltweit anerkannte Persönlichkeit, ein renommierter Experte der Scientific Community.“ Uçar fügte hinzu: „Mir ist nicht bekannt, dass er als Antisemit gilt.“ Zu den konkreten Vorwürfen von Heni und Kreutz könne er nichts sagen. Bezogen auf den Konzentrationslager-Vergleich aus dem Buch „Die Zukunft des Islams“ sagte der Leiter der Konferenz, man könne ein wörtliches Zitat nicht verwenden, um jemanden mundtot zu machen. Wenn sich Esposito dieses Zitat allerdings zu eigen mache, könne er das nicht mittragen, sagte Uçar. „Wir verurteilen jegliche Form des Rassismus.“

Hier geht‘s zum Interview mit Professor Uçar: „Osnabrücker Professor kritisiert Machokultur im Orient“

Die beiden Kritiker dürfte es indes erfreuen, dass es der amerikanische Wissenschaftler aus gesundheitlichen Gründen nicht nach Osnabrück geschafft hatte. Eine Skype-Schalte scheiterte an der Internetverbindung. So hatten die Teilnehmer der Podiumsdiskussion zum Auftakt der dreitägigen Konferenz viel Zeit, ihre Argumente darzulegen.

In seiner Eröffnungsrede sagte Professor Bülent Uçar, Kritik am Islam sei legitim. „Dennoch bedarf es des Respekts im Umgang miteinander.“ In einem Vortrag von Prof. Naika Foroutan von der Berliner Humboldt-Universität wurde deutlich, warum es einer Tagung zum Thema Islamfeindlichkeit bedarf. Anhand zahlreicher Statistiken stellte Foroutan dar, dass in der deutschen Gesellschaft vielfältige und teils widersprüchliche Ängste in Bezug auf Muslime präsent sind.

Angst vor dem Islam

Viele Deutsche hätten diffuse Angst vor Terror und einem größer werdenden Einfluss des Islams. In einer Studie hatte die Professorin nachgewiesen, dass bei vielen die Begriffe „wir Deutsche“ und „die Muslime“ ein Gegensatzpaar bildeten. Als Folge daraus sprächen diese Menschen den Muslimen nicht das gleiche Recht auf Teilhabe in der Gesellschaft zu. Die Bilder von jungen Muslimen beschränkten sich in Deutschland häufig auf Begriffe wie „Gewalt, Ehre und Sexualität“.

„Zwischen Fußballer Hauptschüler und Islamist ist nicht viel Platz.“

Forouan sagte: „Zwischen Fußballer Hauptschüler und Islamist ist da nicht viel Platz.“ Vorstellungen wie Nerd oder Kindergärtner würden eher weniger assoziiert. Sich über diese Stereotype hinwegzusetzen, erfordere viel Kraft. Foroutans Appell daher: „Wir müssen das Repertoire für muslimische Männer in diesem Land erweitern.“

Podiumsdiskussion

In der anschließenden Diskussion drehte Sulaiman Wilms von der Islamischen Zeitung das vermeintliche Gegensatzpaar von Deutschen und Muslimen um: „Wenn Muslime von ‚ihr Deutschen‘ sprechen, sprechen sie mir das Muslim-Sein ab.“ Da zwei Vertreter von Interessenverbänden anwesend waren, ging es auch um besseres Lobbying. Beim Versuch, den Begriff Islamfeindlichkeit greifbar zu machen, sagte Prof. Foroutan: „Dinge werden sagbarer.“ Dr. Zekeriya Altuğ (DITIB Köln) ergänzte, die Menschen wollten ihre „Ressourcen sichern und da ist jeder, der dazu kommt, eine Gefahr.“

Kenan Kolat von der Türkischen Gemeinde in Berlin forderte daher, die Wirtschaft zum Verbündeten im Kampf gegen Rassismus zu machen. Muslimische Flüchtlinge könnten angesichts des Bedarfs an zusätzlichen Arbeitnehmern, die Deutschland in den kommenden Jahren brauche, ein Gewinn sein.

Muslime als Teil der Gesellschaft

Gegen Ende der Diskussion kam die Frage nach einer Reaktion auf Islamfeindlichkeit auf. Prof. Naika Foroutan schlug vor, die Bilder von Muslimen in der Gesellschaft zu ändern. Kenan Kolat forderte: „Wir dürfen nicht anfangen, uns zu rechtfertigen oder zu distanzieren.“ Wenn nach einem Terroranschlag jemand von ihm fordere, sich von Gewalt zu distanzieren, könne es nur eine Antwort geben: „Diese Frage ist eine Beleidigung.“ Dr. Zekeriya Altuğ von DITIB in Köln ergänzte: „Wir müssen Muslime als Teil der Gesellschaft sichtbar machen.“


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